Dienstag, 21. Mai 2019

Nach einwöchiger Schließung Ansturm auf Ägyptens Banken

Demonstranten in Kairo: Der Tahrir-Platz hat sich zum Epizentrum der Bewegung entwickelt

Eine Woche lang waren Ägyptens Banken geschlossen - am heutigen Sonntag öffneten sie wieder. Viele Ägypter konnten es offenbar nicht erwarten und standen schon früh vor den Türen. Auch den Devisenhandel nahmen die Banken am Nil wieder auf - das ägyptische Pfund geriet prompt unter Druck.

Hamburg - In Ägypten haben sich am Sonntagmorgen lange Schlangen vor den Banken gebildet, die nach einwöchiger Schließung wieder geöffnet haben. Sie waren wegen der anhaltenden Proteste gegen die Regierung geschlossen worden. Mit dem Beginn der ägyptischen Arbeitswoche sollten auch die Geschäfte wieder öffnen.

Die Banken richteten sich auf chaotische Zustände ein, weil sie angesichts der anhaltenden politischen Krise damit rechneten, dass zahlreiche Kunden ihre Guthaben abheben würden. Auf den Kreuzungen im Zentrum Kairos standen gepanzerte Fahrzeuge. Beschäftigte von staatlichen Banken wurden in Bussen zu ihren Arbeitsstätten gefahren.

Nach der einwöchigen Schließung der Banken ist in Ägypten auch der Devisenhandel wiederaufgenommen worden. Die heimische Währung startete am Sonntag schwächer in die Sitzung. Sie notierte im Verhältnis zum US-Dollar zunächst mit 5,892 ägyptischen Pfund, wie der stellvertretende Zentralbankchef Hischam Rames mitteilte.

Später verlor die Währung weiter an Wert: Für einen Dollar wurden nur noch 5,9 ägyptische Pfund gezahlt. Vor der einwöchigen Schließung der Banken hatte ein Dollar noch 5,855 ägyptische Pfund gekostet.

UN-Generalsekretär appelliert an die Ägypter

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat einen geordneten und gewaltfreien Neuanfang in Ägypten angemahnt, um die Stabilität der gesamten arabischen Welt nicht zu gefährden. "Wir wollen, dass der Übergangsprozess in einer geordneten und friedlichen Art und Weise vonstatten geht - ohne dass es irgendwelche negativen Auswirkungen auf Frieden und Stabilität in dieser Region gibt", sagte Ban am Sonntag zum Abschluss seines Deutschland-Aufenthalts in München. Er hatte am Vortag die Sicherheitskonferenz besucht.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat Ägypten Unterstützung auf dem Weg in eine richtige Demokratie zugesichert. Westerwelle sagte am Sonntag auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die Europäische Union müsse auch über neue Partnerschaften in der Region entscheiden. Wenn man jetzt klug handele, dann werde man in den nächsten Jahren nicht einen "Kampf der Kulturen", sondern eine "Globalisierung von Werten" erleben.

Unterdessen haben Abgeordnete von Union und FDP zu erkennen gegeben, dass sie sich zur Lösung der Krise in Ägypten einen Gang von Präsident Husni Mubarak ins Exil nach Deutschland vorstellen können. Die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff, sagte der "Bild am Sonntag", sie würde eine baldige Ausreise Mubaraks nach Deutschland begrüßen, wenn dies dazu beitragen würde, die Verhältnisse in Ägypten zu stabilisieren. "Dabei handelt es sich ja nicht um politisches Asyl", sagte sie.

Rücktritt ranghoher Politiker beruhigt die Opposition nicht

Ähnlich argumentiert der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Andreas Schockenhoff (CDU). "Wir brauchen einen friedlichen Übergang in Ägypten. Wenn Deutschland damit einen konstruktiven Beitrag im internationalen Rahmen leisten kann, dann sollten wir Husni Mubarak aufnehmen, wenn er das will."

Wie die Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise weiter berichtet, ist man in Berlin bereit, Mubarak für den Fall einer notwendigen medizinischen Behandlung die Einreise zu ermöglichen. Die "New York Times" hatte am Samstag berichtet, dass ein mögliches Szenario für einen Abgang Mubaraks eine Reise des 82-Jährigen zu einer medizinischen Untersuchung nach Deutschland sei.

Zuvor waren Gegner von Machthaber Husni Mubarak in Ägypten unbeeindruckt vom Rücktritt ranghoher Politiker der Regierungspartei geblieben. Offenbar als Zeichen einer ernsthaften Reformbereitschaft des ägyptischen Regimes wurde das höchste Entscheidungsgremium von Mubaraks Partei NDP am Samstag ausgewechselt, wie das ägyptische Staatsfernsehen berichtete. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo harrten wieder Zehntausende Demonstranten aus, die den Rücktritt des ägyptischen Staatschefs forderten. Die USA riefen zur internationalen Unterstützung des Übergangsprozesses in Ägypten auf.

Muslimbrüder verhandeln mit ägyptischer Regierung

Das Staatsfernsehen berichtete, das sechsköpfige NDP-Führungskomitee des Generalsekretariats sei geschlossen zurückgetreten. Unter anderem hätten Generalsekretär Safwat el Scharif und Mubaraks Sohn, Gamal Mubarak, ihre Posten geräumt. Gamal Mubaral legte nicht nur seinen Posten im wichtigsten Entscheidungsgremium der NDP nieder, sondern auch sein Amt als Chef des einflussreichen politischen Komitees der Partei. In dieser Funktion hatte er in den vergangenen Jahren die wirtschaftliche Liberalisierung des Landes vorangetrieben. Husni Mubarak selbst wurde vom Staatsfernsehen weiterhin als Chef der Regierungspartei bezeichnet.

In Ägypten ist die oppositionelle Muslimbruderschaft nach eigenen Angaben in einen Dialog mit Vertretern der ägyptischen Regierung getreten. So solle herausgefunden werden, inwieweit die Regierung "bereit ist, die Forderungen des Volkes zu akzeptieren", hieß es in der Nacht zu Sonntag in einer Erklärung der islamistischen Gruppierung.

Ein Vertreter der Muslimbrüder sagte der Nachrichtenagentur AFP, bereits am Samstagmorgen habe ein Treffen von Vertretern der Muslimbrüder mit Vizepräsident Omar Suleiman stattgefunden. Der Bruderschaft gehe es darum, die Interessen der Nation und ihrer Institutionen sowie die Unabhängigkeit des Landes zu wahren, sagte der Vertreter, der anonym bleiben wollte.

Die Muslimbruderschaft hatte zuvor einen Neubeginn in Ägypten unter Einbeziehung aller Oppositionsgruppen gefordert. Seine Gruppierung trete für eine Übergangsregierung "sämtlicher Oppositionsgruppen", Neuwahlen und die Freilassung aller politischen Gefangenen ein, sagte der stellvertretende Führer der Bruderschaft in Ägypten, Raschad el Bajumi, dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.

cr/rtr/dpa/afp

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