Unruhe in Ägypten Obama fordert Mubarak zum Rückzug auf

Nach den Kämpfen in der Nacht gingen die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Regimegegnern und Unterstützern von Präsident Husni Mubarak auch am Tag weiter. US-Präsident Barack Obama hat Mubarak zum sofortigen Rückzug gedrängt, auch Deutschland verurteilte die Gewalt scharf.
Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz: Die Demonstranten lassen sich von ihren Protesten auch durch die Regimeanhänger nicht abschrecken

Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz: Die Demonstranten lassen sich von ihren Protesten auch durch die Regimeanhänger nicht abschrecken

Foto: Jim Hollander/ dpa

Kairo - Im Zentrum Kairos haben sich Anhänger und Gegner des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak am Donnerstag erneut heftige Auseinandersetzungen geliefert. Beide Seiten hätten sich mit Steinen beworfen, berichtete ein Reporter. Zu den Zusammenstößen sei es in einer Seitenstraße des zentralen Tahrir-Platzes gekommen, auf dem die Gewalt bereits am Mittwoch eskaliert war. Die Mubarak-Anhänger hätten Säcke mit Steinen herangeschafft, um die Regierungsgegner damit zu attackieren.

Nach den nächtlichen Schüssen und blutigen Auseinandersetzungen mit mehreren Toten hatte sich die Lage auf dem Tahrir-Platz am Morgen zunächst etwas beruhigt. Allerdings strömten nach Ende der Ausgangssperre wieder Menschen auf den Platz. Dort zeugten noch Barrikaden und ausgebrannte Fahrzeuge von den Gewaltexzessen wenige Stunden zuvor.

Ein anderer Reporter beobachtete, wie Neuankömmlinge Lebensmittel und Trinkwasser auf den Platz brachten und es an die Anwesenden verteilten. Mubarak-Anhänger hielten sich noch auf der 6.-Oktober-Brücke nördlich des Platzes auf. Die Armee, die in das Geschehen bislang kaum eingriff, postierte mehrere Panzer an der umkämpften Brücke.

Das ägyptische Staatsfernsehen berichtete, Vizepräsident Omar Suleiman habe einen Dialog mit der Opposition begonnen. Nach Angaben von Regierungsgegnern handelt es sich um Vertreter von sechs kleineren Gruppen. Zwölf Oppositionsparteien hatten zuvor ihre Bereitschaft "zu einem nationalen Dialog" erklärt.

Clinton fordert Untersuchung der Übergriffe

Der Sender Al-Arabija berichtete, vier Menschen seien in der Nacht durch Schüsse ums Leben gekommen. Er berief sich auf Augenzeugen und Mediziner. Der britische Sender BBC meldete, bei den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Mubarak seien am frühen Donnerstag mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen. Ein Reporter des österreichischen Nachrichtenmagazins "profil" berichtete, die Armeeposten hätten an den Zugängen zum Tahrir-Platz die Ausweiskontrollen verschärft. Auf dem Platz seien viele Menschen mit Kopfverbänden zu sehen.

US-Präsident Barack Obama drängte den ägyptischen Präsidenten Mubarak in einem Gespräch zum sofortigen Rückzug. Das Außenministerium in Kairo entgegnete, es sei "nicht akzeptabel, dass ausländische Offizielle den sofortigen Beginn der Übergangsphase fordern". Fünf EU-Länder, darunter Deutschland, verurteilten die Gewalt in Ägypten scharf. Der Übergangsprozess müsse sofort beginnen, forderten sie in einer gemeinsamen Erklärung in Paris.

US-Außenministerin Hillary Clinton forderte in einem Telefonat mit dem ägyptischen Vizepräsidenten Omar Suleiman eine Untersuchung der Übergriffe in Kairo. Die Außenministerin habe dabei abermals die Gewalt verurteilt und die ägyptische Regierung aufgefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sagte Außenamtssprecher Philip Crowley. Er wiederholte den Standpunkt der US-Regierung, wonach der politische Übergangsprozess sofort beginnen müsse. "Morgen ist nicht gut genug", sagte Crowley. "Wir wollen einen glaubwürdigen Prozess sehen, der zu freien, fairen und legitimen Wahlen führt."

Mit Eisenstangen und Knüppeln bewaffnete Schlägertrupps waren am Mittwoch auf Kamelen und Pferden in die Menge der Regimegegner auf dem Tahrir-Platz geritten und hatten ein Blutbad angerichtet. Die Staatengemeinschaft reagiert entsetzt auf die Exzesse. Die Armee ist nun für viele Ägypter die letzte Hoffnung, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

In Jemen herrscht der "Tag des Zorns"

Außenminister Guido Westerwelle drohte Ägypten mit Konsequenzen seitens der internationalen Gemeinschaft bei weiteren Übergriffen gegen Demonstranten. Der Minister forderte im "heute-journal" des ZDF, dass die Gewalt gegen Demonstranten ein Ende haben müsse. "Es ist aus unserer Sicht in keiner Weise hinnehmbar, dass Schlägertruppen friedliche Demonstranten niederknüppeln."

Der Oppositionspolitiker Mohammed ElBaradei forderte die Armee auf, weitere Angriffe der Mubarak-Anhänger auf die Demonstranten zu unterbinden. Die Armee müsse eingreifen, um das Leben ägyptischer Bürger zu schützen, sagte El Baradei in einem Interview des Senders Al-Dschasira. "Es gibt eindeutige Beweise, dass die Polizei ihre Männer in Zivilkleidung auf die Demonstranten gehetzt hat", sagte der Friedensnobelpreisträger.

Einen Tag nachdem auch der jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih auf eine weitere Amtszeit verzichtet hat, strömten am Donnerstag mehr als 40.000 Menschen auf die Straßen - Gegner und Anhänger Salihs. Oppositionsgruppen hatten zu einem "Tag des Zorns" aufgerufen.

Ölpreis steigt weiter

Salih hatte am Vortag im Parlament in Sanaa erklärt, er wolle nach 32 Jahren auf eine weitere Amtszeit verzichten. Außerdem will er die für April geplante Parlamentswahl verschieben und eine Regierung der nationalen Einheit bilden. Er machte zudem klar, dass er die Macht im Jahr 2013 nicht an seinen Sohn übergeben wolle. Salih arbeitet mit den USA bei der Bekämpfung der Al-Kaida-Terroristen zusammen, die sich in einigen Regionen des Jemens versteckt halten.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) beklagte, bei den Übergriffen seien auch mehrere Berichterstatter geschlagen und ihrer Ausrüstung beraubt worden. Betroffen seien Mitarbeiter von Sendern wie BBC, Al-Dschasira, CNN, Al-Arabija und ABC News. Auch Polizisten sollen zu den Tätern gehört haben. "Diese Angriffe scheinen Racheakte gegen internationale Medien zu sein, die die Forderungen der Demonstranten nach einem Rücktritt Mubaraks übermitteln", sagte ROG-Generalsekretär Jean-François Julliard.

Die Gewalt in Ägypten trieb die Ölpreise weiter in die Höhe. Ägypten kontrolliert den Suezkanal, über den ein großer Teil der regionalen Ölproduktion transportiert wird. Zudem wird befürchtet, dass die Unruhen auf weitere Staaten in Afrika und im Nahen Osten übergreifen könnten.

mg/dpa/rtr

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