Aktionärsinteressen "Keine Waffengleichheit"

Wenn es um die Interessen ihrer Aktionäre geht, stellen sich viele deutsche Konzerne nach wie vor quer, beklagt Börsenprofi Christian Strenger. Im Gespräch mit dem manager magazin fordert das Gründungsmitglied der deutschen Corporate-Governance-Kommission professionelle Investoren auf, stärker für die Rechte der Anleger einzutreten.
Von Ulric Papendick
Christian Strenger: "Vielleicht nicht alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten"

Christian Strenger: "Vielleicht nicht alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten"

mm: Herr Strenger, die Corporate-Governance-Kommission ist vor zehn Jahren angetreten, den Standort Deutschland für Investoren attraktiver zu machen. Müssen Sie nicht selbstkritisch feststellen, dass Sie dieses Ziel verfehlt haben?

Strenger: Das sehe ich nicht so. Wir haben vielleicht nicht alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. Aber einige wichtige Reformen haben wir auf den Weg gebracht. Das gilt vor allem für das Bewusstsein, was gute Unternehmensführung und Kontrolle ausmacht. In deutschen Aufsichtsräten herrscht heute ein ganz anderes Bild darüber, was die Pflichten und Rechte der Kontrolleure sind, als zu Beginn unserer Arbeit. Die Tage, in denen Aufsichtsräte hauptsächlich vom Vorstand ausgewählt wurden und ihre Sitzungen eher als Kaffeekränzchen verstanden haben, sind längst vorbei.

mm: Das mag sein. Oft genug hat es die Kommission aber nicht geschafft, wichtige Themen zu besetzen. Mit der Folge, dass sich die Bundesregierung der Sache annahm und sie per Gesetz regelte - etwa die Veröffentlichung der Vorstandsgehälter.

Strenger: In dieser Frage wurde die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen von zu vielen Dax-Konzernen nicht angenommen, so dass die Regierung ein Gesetz für angezeigt hielt.

mm: Ähnlich war es bei der Frage, ob Vorstandschefs nach dem Ende ihrer Amtszeit in den Aufsichtsrat wechseln dürfen.

Strenger: Ich halte es weiterhin für sinnvoll, dass erfolgreiche Firmenchefs danach dem Aufsichtsrat als einfaches Mitglied, aber nicht den Ausschüssen angehören. Stattdessen haben wir nun mit der zweijährigen "Cooling-off"-Periode eine rigide gesetzliche Regelung, die verhindert, dass geeignete Konzernlenker ihre Erfahrung sofort in die Kontrollarbeit einbringen können.

mm: Also hat der von Ihnen mit verfasste "Kodex für gute Unternehmensführung" in zwei wichtigen Fällen versagt?

Strenger: Um die Kodex-Flexibilität zu behalten, hätten wir vielleicht von vornherein deutlichere Formulierungen im Kodex wählen sollen. Die Kommission kann aber nur die Unternehmen auffordern, die Chancen der freiwilligen Selbstregulierung auch zu nutzen.

mm: Sollte die Kommission mehr Kompetenzen haben - bis hin zu einer quasi gesetzgeberischen Funktion?

Strenger: Letzeres halte ich nicht für realistisch. Der Gesetzgeber will diese Kompetenzen sicherlich nicht abgeben, und das sollte er auch nicht. Die Zweiteilung mit freiwilliger Selbstverpflichtung in zahlreichen Punkten und gesetzlicher Vorgabe in wichtigen Sachverhalten ist durchaus sinnvoll.

mm: Aber mit der Frage nach einem höheren Frauenanteil in deutschen Aufsichtsräten kommt doch schon das nächste Thema auf Sie zu, bei dem es der Wirtschaft offenkundig schwer fällt, aus eigener Kraft eine Lösung zu finden.

Strenger: Ich sehe die Kodexempfehlungen als Chance. Die Politik hat unmissverständlich erklärt, dass sie das Thema per Gesetz regeln wird, wenn sich der Anteil von Frauen in Führungspositionen nicht spürbar ändert. Also sollten die Unternehmen einen Weg finden, den Anteil zu erhöhen und diese Talente im Unternehmensinteresse wirklich zu nutzen. Statt die Kodex-Chance der Empfehlungen unternehmensspezifisch zu nutzen, beschweren sich nun viele weise Herren darüber, dass wir das Thema überhaupt aufgegriffen haben.

mm: In der Tat hagelt es Kritik. Juristen monieren, der Kodex sei "verfassungswidrig". Lufthansa-Aufsichtsrat Jürgen Weber sieht in Ihren Ratschlägen einen "Versandhauskatalog für gesellschaftspolitische Anliegen". Hat der Kodex sich überlebt?

Strenger: Im Gegenteil. Der Kodex soll die aktuellen Themen abbilden, die eine gute Unternehmensführung ausmachen. Und dazu gehört auch, dass wir hierzulande eine viel zu geringe Vertretung qualifizierter Frauen in Führungsgremien haben. Außerdem sprechen wir nur eine Verhaltens-Empfehlung aus, ohne dass wir eine Quote oder eine ähnliche rigide Verpflichtung einfordern. Wenn sich aber zu viele Unternehmen nachhaltig sperren, wird eine starre gesetzliche Regelung unausweichlich.

mm: Forderungen aus der Wirtschaft, die Arbeit der Kommission zu beenden, sehen Sie also gelassen?

Strenger: Natürlich, das wird im Abstand von einigen Jahren immer wieder verlangt. Ich glaube, dass es noch eine ganze Reihe aktueller Themen gibt, an denen wir weiter arbeiten sollten. Dazu gehört auch die intensivere Kommunikation zwischen Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer.

Proteste hinter verschlossenen Türen

mm: Schwachstellen gibt es in der Tat noch einige, etwa die mangelnde Unabhängigkeit vieler Aufsichtsräte. Müssten Sie nicht viel stärker gegen Unternehmen vorgehen, die hier negativ auffallen?

Strenger: Das Thema "Unabhängigkeit der Aufseher" werden wir in diesem Jahr adressieren. Schließlich geht es darum, genügend Kontrolleure zu haben, die die Interessen des Unternehmens und der Aktionäre frei von Interessenkonflikten wahrnehmen können. Deshalb halte ich es auf Dauer für nicht überzeugend, die Frage ausreichender Unabhängigkeit einfach der Selbsteinschätzung des Kontrollgremiums zu überlassen...

mm: ... wie es momentan aber von der Kommission empfohlen wird. Was wäre denn eine bessere Lösung?

Strenger: Sinnvoller wäre es, die Frage der "Unabhängigkeit" konkreter zu definieren. Dazu gibt es ausreichende Vorgaben, auch aus Brüssel.

mm: Dabei werden Sie womöglich aber schnell an Grenzen stoßen. Was tun, wenn ein Unternehmen einfach behauptet, seine Kontrolleure genügten den Anforderungen, auch wenn das nicht stimmt?

Strenger: Dann werden hoffentlich genügend Investoren darauf hinweisen, dass ihre Darstellung falsch ist - und dies notfalls auch anderweitig verfolgen. Im Fall Continental ist das Landgericht Hannover meiner Auffassung gefolgt und hat die Wahl des langjährigen juristischen Beraters des Hauptaktionärs zum Aufsichtsratsvorsitzenden für nichtig erklärt.

mm: Im Fall Continental hat der betroffene Anwalt Rolf Koerfer am Ende freiwillig auf sein Amt verzichtet. In anderen Fällen dürften Aktionäre es schwer haben, gute Governance durchzusetzen. Immerhin kämpfen sie in der Regel gegen eine ganze Armada hoch bezahlter Konzernanwälte.

Strenger: Da herrscht nicht immer Waffengleichheit, keine Frage. Insgesamt würde ich mir wünschen, dass professionelle Investoren noch deutlich stärker für ihre Rechte eintreten. Sie tun dies in der Regel nur hinter verschlossenen Türen, im direkten Gespräch mit dem Management. Manchmal wäre aber ein offenes Wort angebracht, vor allem wenn ein Unternehmen partout nicht auf Kritik reagieren will. So wie die Firma Solarworld, die ihren aus drei Anwälten bestehenden Aufsichtsrat zum gemeinsamen "Financial Expert" erklärt hat. Das ist zwar originell, hat aber mit guter Governance und den Forderungen des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes wenig zu tun.

mm: Haben die deutschen Gerichte denn den nötigen Sachverstand, um diese oft komplexen Themen aufzuarbeiten?

Strenger: Es wäre sehr hilfreich, wenn der zunehmend komplexen Wirtschaftsmaterie durch eine verstärkte Schwerpunktbildung der Gerichte begegnet würde. Derzeit ziehen sich die Verfahren generell über viele Jahre hin. Da kann man verstehen, wenn Investoren diesen Weg ungern beschreiten.

mm: Lohnt es sich denn überhaupt für die Aktionäre, beim Thema Governance nachzuhaken? Immerhin zeigen empirische Studien, dass die Performance einer Aktie weitgehend unabhängig davon ist, ob ein Unternehmen den Kodex befolgt oder nicht.

Strenger: Es gibt deutlich mehr Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass die Governance für die Bewertung des Unternehmens und damit dessen Kapitalkosten eine erhebliche Rolle spielt. Somit findet das Thema immer mehr Beachtung bei institutionellen Investoren.

mm: Ist denn zumindest die Bezahlung deutscher Aufsichtsräte angesichts der Fülle neuer Anforderungen mittlerweile auf einem angemessenen Niveau?

Strenger: Was die Höhe der Aufsichtsratssaläre angeht, kann der Kodex keine Empfehlungen aussprechen. Allerdings sollte die variable Vergütung der Kontrolleure stärker vom langfristigen Firmenerfolg abhängig gemacht werden. Und den Gewinn pro Aktie als Vergütungsmaßstab für Prüfungsausschussarbeit zu nehmen, wie es Siemens bisher gemacht hat, ist nicht "governance-kompatibel".

mm: Mittlerweile hat Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, einst Leiter der Governance-Kommission, die Vergütung der Kontrolleure auf ein reines Fixgehalt umgestellt.

Strenger: Das bleibt natürlich jedem Unternehmen überlassen. Bei Siemens soll Herr Cromme allerdings im nächsten Jahr eine um 18 Prozent höhere Festvergütung von 560.000 Euro erhalten. Das könnte ein falsches Signal einer solchen Umstellung sein. Andere Firmen dürften nachziehen und die fixe Bezahlung ihrer Aufsichtsräte über das bisherige Gesamthonorar heraufsetzen.

mm: Steht den steigenden Bezügen denn zumindest ein Fortschritt in Sachen Governance gegenüber? Kann die Führung und Kontrolle deutscher Firmen mittlerweile im internationalen Vergleich mithalten?

Strenger: Natürlich müssen die gestiegenen Anforderungen auch angemessen honoriert werden. Mit unserem Kodex-Rahmen liegen wir im internationalen Vergleich im oberen Drittel der Industriestaaten. Wie die Regeln dann gelebt werden, ist eine andere Sache. Da würde ich mir zumindest von einer Gruppe von Großanlegern deutlich mehr Einsatz wünschen: den deutschen Versicherern und Unterstützungskassen. Die verwalten zwar hohe Anlegergelder, halten sich aber vornehm zurück, wenn es darum geht, eine bessere Governance einzufordern.

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