Die Wirtschaftsglosse Flatterhaft

Bei den Golden Globes ging es in diesem Jahr ungewohnt ehrlich zu. Warum am Ende des Tages nicht auch bei Heinrich von Pierers Memoiren?
Vertriebsprofi von Pierer: Käufer seiner Memoiren haben Chancen auf Rabatt

Vertriebsprofi von Pierer: Käufer seiner Memoiren haben Chancen auf Rabatt

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Ach süßer Vogel Wahrheit, wie gleichst Du einer Nachtigall: So unvergesslich Dein Gesang, so flüchtig Dein Schatten! Bei der Verleihung der Golden Globes vor wenigen Tagen in Los Angeles, da warst Du zugegen, mein Vögelchen.

Aber vielleicht hatte der Conferencier des Abends, der britische Komiker Ricky Gervais, beim Warm up auch nur ein paar Pints zuviel gekippt. Jedenfalls bestach die Veranstaltung durch brutalstmögliche Ehrlichkeit. Der Golden Globe für die besten Spezialeffekte gebühre eindeutig dem Film "Sex and the City", befand Gervais. Schließlich wisse er genau, wie alt die Hauptdarstellerinnen wirklich seien. Eine von ihnen habe er schon in "Bonanza" gesehen.

Florian Henkel von Donnersmarcks Film "The Tourist" gebühre das Verdienst, dem Trend zum 3D-Film widerstanden zu haben, indem er konsequent auf eindimensionale Charaktere setze. Der Schauspieler Robert Downey wurde von Gervais vorgestellt mit den Worten: "Die meisten von Ihnen kennen ihn aus der Betty-Ford-Klinik und dem Los Angeles Bezirksgefängnis".

Man werde Gervais gewiss nie wieder einladen, schäumten die Veranstalter hinterher. Schon flatterte er davon, der süße Vogel Wahrheit.

Wie schön wäre es, ließe er auch in Deutschland häufiger einmal seinen Gesang vernehmen. Würden nicht nur amerikanische Filmschaffende mit brutalstmöglicher rhethorischer Ehrlichkeit beglückt, sondern gelegentlich auch bundesrepublikanische Politiker und Manager.

Zum Beispiel neulich bei der Vorstellung der Memoiren von Heinrich von Pierer. Warum hat denn da niemand erwähnt, wie viel Mühe der ehemalige Siemens-Chef auf das hoch innovative Vertriebskonzept seines Buches verwendet hat: Auf jedem zehnten Exemplar klebt über dem offiziellen Ladenverkaufspreis von 24,99 eine Haftnotiz, die dem Käufer eine Provisionszahlung von 19,99 Euro für "Beratung/Vermittlung" verspricht, beglaubigt durch Pierers eigenhändige Unterschrift.

Beim Neujahrsempfang des diplomatischen Korps wiederum wäre es durchaus angemessen gewesen, hätte Bundespräsident Christian Wulff den durch Wikleaks angeschlagenen US-Botschafter Philip Murphy ein bisschen aufgebaut, etwa so: "Lieber Phil, mit ihrer Präsenz beweisen sie uns jeden Tag aufs neue die steigende Bedeutung, die unsere amerikanischen Freunde den Beziehungen zu Deutschland einräumen. Um an ihren Posten zu gelangen, mussten sie schließlich erstmals eine ebenso hohe Summe für Obamas Wahlkampf spenden wie ihre Amtskollegen in London oder Paris."

Und neulich, beim Duell der Spitzenkandidaten zur Hamburger Bürgerschaftswahl, hätte irgendjemand Olaf Scholz dringend fragen müssen: "Herr Scholz, hätten Sie es sich je träumen lassen, im Wahlkampf mal auf einen Gegner zu treffen, den sie allein durch gutes Aussehen und überlegenes Charisma besiegen können?

Ach süßer Vogel Wahrheit, wann kommst Du zu uns geflattert?

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.