Regimesturz Deutsche Touristen fliehen aus Tunesien

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat an den neuen tunesischen Übergangspräsidenten Foued Mbazaa appelliert, eine echte Demokratie in dem Land einzuführen. Dort herrscht vielerorts Chaos. In Tunis sind Panzer aufgefahren, Tausende deutsche Urlauber verlassen Tunesien.
Angespannte Lage: Deutsche Touristen versuchen,irgendwie aus Tunesien nach Deutschland zurückzukehren

Angespannte Lage: Deutsche Touristen versuchen,irgendwie aus Tunesien nach Deutschland zurückzukehren

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Düsseldorf/Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat an den neuen tunesischen Übergangspräsidenten Foued Mbazaa appelliert, die angespannte Lage für einen Neuanfang in dem nordafrikanischen Land zu nutzen. "Gehen Sie auf die protestierenden Menschen zu und führen Sie wirkliche Demokratie ein", forderte Merkel am Samstag in Berlin Mbazaa auf. Es sei unabdingbar, die Menschenrechte zu respektieren sowie Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit zu garantieren. Die Kanzlerin versicherte, Deutschland und die Europäische Union würden das Land bei einem solchen Neuanfang unterstützen.

Nach 23 Jahren an der Macht hatte der autoritäre Herrscher Ben Ali am Freitag den Ausnahmezustand verhängt, die Regierung abgesetzt und Neuwahlen angekündigt - dann floh er nach Saudi-Arabien. Foued Mbazaa übernahm die Übergangspräsidentschaft.

Unterdessen laufen die Bemühungen, die deutschen Urlauber aus Tunesien nach Deutschland zurückzuholen auf Hochtouren. Deutschlands größter Reiseveranstalter TUI wollte versuchen, seine rund 1.000 Reisenden aus dem Land auszufliegen. Auch der Thomas Cook-Konzern will seine rund 2.000 Urlauber so schnell wie möglich nach Deutschland holen. Die ersten rund 230 Rückkehrer landeten bereits in Düsseldorf und Berlin.

"Ich bin froh, dass ich daheim bin. Nur schnell raus. Es sind Schüsse gefallen", berichtete Claus Kraft, 36, aus Murr am Neckar nach seiner Landung in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Er hatte in der Küstenstadt Zarzis Urlaub gemacht. "In der Stadt war überall Polizei", berichtet er. Die Schüsse seien auf dem Markt der Stadt gefallen, später habe er erfahren, dass dort vier Menschen ums Leben gekommen seien - darunter auch ein Mitarbeiter der Hotelrezeption.

Reiseveranstalter schätzen, dass sich unmittelbar vor dem Staatsstreich mindestens 7000 Touristen aus Deutschland in Tunesien befanden. Eckard Meyer, 71, aus Hamburg wollte ursprünglich 14 Tage Urlaub in Zarzis machen - er blieb nur vier Tage. Bei der Abreise wurde ihm mulmig. "Nur schnell raus hier", habe er gedacht, als sich Demonstranten und Polizisten in seinem Urlaubsort gegenüberstanden. Andere Hotelgäste hätten den Urlaub allerdings auf eigene Gefahr fortgesetzt und seien trotz Warnungen im Hotel geblieben.

Rückkehrer Rudolf Schmidt-Kasper, 55, aus Memmingen lag am Morgen noch am Pool. Auch er hatte die Demonstrationen am Markt in Zarzis mitbekommen. Der Tourist Hans aus Essen wäre gerne noch länger geblieben. Der 75-Jährige hatte den Nachmittag noch am Strand verbracht. Als er zurückkam, habe der Hotelchef ihm gesagt, dass er seine Sachen sofort packen müsse.


Die großen Reiseveranstalter haben für die kommenden Wochen alle Reisen nach Tunesien storniert. Kunden können sich bei ihrem Veranstalter über Details informieren. Die Kontaktdaten im Überblick:

  • TUI: 0511 567 8000 oder http://www.tui.com
  • Thomas Cook und Neckermann: 06171 65 65 190 oder http://www7.thomascook.info/tck/Reisehinweise_Startseite.jsp
  • REWE Touristik, ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg: 02203 42 800 oder http://www.rewe-touristik.com/offen/presse/aktuelles/index.php
  • L'tur: 00800 212 121 00


Während die Deutschen das Land verlassen, versuchen manche Tunesier so schnell wie möglich wieder hineinzukommen. Auf dem Pariser Flughafen Orly drängten sich am Samstagvormittag zahlreiche Tunesier vor den Schaltern. "Wir sind sehr besorgt um unsere Kinder", sagte ein 42 Jahre alter Rechtsanwalt aus Tunis. "Die Situation ist extrem beunruhigend, es gibt viel Gewalt und Plünderungen", sagte er. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er Verwandte in Paris besucht, die Kinder im Alter von zwei und vier Jahren waren bei den Großeltern geblieben.

Tunesien wird seit Wochen von . Der Unmut vieler, vor allem junger Menschen richtet sich gegen die hohe Arbeitslosigkeit, hohe Preise und mangelnde Freiheiten. Bei Ausschreitungen hatten Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen mehrfach auf Demonstranten geschossen. Menschenrechtler nannten bis Donnerstag die Zahl von 66 Toten.

Auch nach der hielten die Massenproteste an. Bei einem Gefängnisbrand in der Stadt Monastir sind am Samstag nach ersten Informationen mehrere Dutzend Menschen ums Leben gekommen.

Ein massives Militäraufgebot versucht, in den Straßen der Hauptstadt Tunis für Ruhe zu sorgen. Mehrere hundert Soldaten errichteten in der Innenstadt Straßensperren und blockierten mit Panzern den Zugang zur Hauptdurchgangsstraße ins Zentrum. Marodierende Banden ziehen nach Angaben von Einwohnern durch die Stadt, setzen Gebäude in Brand, plündern und greifen Menschen an. Ein Armeehubschrauber kreist über der Innenstadt. In den Arbeitervierteln am Rande von Tunis bewaffneten sich Anwohner mit Metallstangen und Messern, um Plünderer abzuwehren.

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