"Ignoble"-Preis  Wie die Unfähigsten Chef werden

Endlich ist Ökonomen der Beweis geglückt: In Unternehmen werden tendenziell die unfähigsten Kandidaten für den Chefposten genau bis dorthin befördert. Mit diesem augenzwinkernden Nachweis verdienten sich drei italienische Forscher den "Ignoble"-Preis: Sie konkurrieren mit den heute ausgezeichneten Ökonomie-Nobelpreisträgern.
Von Kristian Klooß
Ernsthaft geehrt: Verkündung der Ökonomie-Nobelpreisträger 2010 in Stockholm

Ernsthaft geehrt: Verkündung der Ökonomie-Nobelpreisträger 2010 in Stockholm

Foto: Janerik Henriksson/ dpa

Hamburg - Wenn an diesem Freitag in Stockholm, im klassizistischen Konzerthaus der Stadt, die Nobelpreise verliehen werden, wird es leise und bedächtig zugehen. Zehn Herren in schwarzem Gewand und weißem Einstecktuch in der Brusttasche werden auf mit rotem Samt bezogenen Stühlen sitzen. Unter ihnen die diesjährigen Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides. Nacheinander werden sie sich erheben dürfen, den Worten ihrer Laureaten folgen, sie werden über den blauen Teppich schreiten und vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf die Nobel-Medaille und eine Urkunde entgegen nehmen. Sie werden sich verbeugen. Das Publikum wird sie beklatschen. Dann dürfen sie wieder zurück schreiten, sich setzen, schweigen.

Wie anders ging es da bei der Verleihung eines ganz anderen Nobelpreises zu, der im Oktober dieses Jahres auf der anderen Seite des Atlantiks im Sanders Theatre verliehen wurde, dem großen alten Hörsaal der Harvard-Universität in Cambridge.

Die Gäste verzichteten auf den Frack, waren dafür teils geschminkt, teils verkleidet. Hier und dort flogen Papierflugzeuge durch den Saal. Und als die drei diesjährigen Wirtschaftspreisträger Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Galofaro samt ihren Forschungsergebnissen vorgestellt wurden, schallte ein Jubelsturm durch die Reihen. Ihr wirtschaftswissenschaftliches Werk war würdig empfunden worden, den "Ignoble"-Nobelpreis -"Ignoble", das heißt übersetzt so viel wie "unedel" oder "unwürdig" - zu erhalten.

Ab sofort werden ihre Forschungsergebnisse in einem Atemzug genannt mit der Entdeckung, dass finanzielle Probleme die Paradontitis-Gefahr erhöhen. Oder dass Menschen ihr Ableben hinauszögern, wenn dadurch weniger Erbschaftssteuer anfällt.

Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Galofaro von der italienischen Universität von Catania setzen diese Serie nun würdig fort. Sie erhielten den "Ignoble"-Nobelpreis für ihren mathematischen Nachweis, dass Organisationen effizienter wären, wenn sie Mitarbeiter nach dem Zufallsprinzip beförderten.

Bis zur Stufe der maximalen Inkompetenz

Ihre im Oktober 2009 veröffentlichte Studie mit dem Titel "The Peter Principle Revisited: A Computational Study", beschäftigt sich mit dem so genannten Peter-Prinzip. Es wurde 1969 von Laurence J. Peter und Raymond Hull in ihrem Buch "The Peter Principle" formuliert, ist vermutlich jedem zweiten Angestellten vertraut und lässt sich so zusammenfassen: In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der maximalen Inkompetenz aufzusteigen.

Mit anderen Worten: Jemand, der auf seinem Arbeitsplatz gute Arbeit leistet, wird so lange befördert, bis er an einem Schreibtisch sitzt, an dem er schlechte Arbeit macht. Dort verharrt er dann. Die Arbeit wird indessen von jenen Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der maximalen Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Laurence J. Peter erklärt dies damit, dass sich die Aufgaben auf verschiedenen Hierarchieebenen sehr voneinander unterscheiden. Kompetenzen, die auf einer unteren Hierarchieebene gebraucht werden, sind auf einer höheren Hierarchieebene nicht unbedingt gefragt. Peter stellt daher die These auf, dass nach einer gewissen Zeit jede Stelle in einer hierarchischen Organisation, ob Firma, Partei oder Behörde, mit einem Mitarbeiter besetzt ist, der für diese Stelle vollkommen inkompetent ist.

Peters Buch hat Generationen von Angestellten zumindest Trost gespendet. Jetzt paart sich dieser Trost mit Gewissheit. Denn die Schlussfolgerungen des 1990 verstorbenen Sozialwissenschaftlers sind von Pluchino/Rapisarda/Galofaro in einer einfachen Computersimulation einer virtuellen Organisation überprüft und bestätigt worden. Die Gesamteffizienz einer Organisation ist in ihrem Modell dann am höchsten, wenn die Besetzung freier Stellen per Zufall geschieht.

Was dies für praktisch jede Personalabteilungen bedeutet, muss hier nicht weiter erläutert werden. Für die Personalabteilungen von Konzernen wie General Motors, KarstadtQuelle, Lehman Brothers, der IKB oder auch Regierungsapparaten wie jenen Griechenlands oder Irlands kommen diese Forschungsarbeiten ohnehin zu spät. Auch für die derzeit fünfzehn Millionen Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten.

Tschad und Haiti schlagen Deutschlands Arbeitsmarkt

Da ist es ein großes Glück, dass einige Wirtschaftswissenschaftler schon früh über eine der typischen Konsequenzen des Peter-Prinzips nachgedacht haben: Arbeitslosigkeit. Einer der ersten war der in diesem Jahr mit dem Nobelpreis geehrte Peter Diamond. Ein Jahr nach Laurence J. Peter veröffentlichte Diamond seine ersten Arbeiten darüber, dass auf manchen Märkten Zufall und Glück und einige andere bis dahin vernachlässigte Faktoren eine Rolle spielen - eine Ansicht, die der bis dahin geltenden Doktrin perfekter Märkte widersprach. In diesen perfekten Märkten haben Angebot und Nachfrage einen Preis, wobei der Marktpreis der Schnittpunkt beider ist.

Diamonds wesentliche Denkleistung bestand um 1970 darin, festgestellt zu haben, dass Märkte existieren, in denen diese über Jahrhunderte als selbstverständlich erachteten Bedingungen nicht gelten. Einmal fehlt es an Wettbewerb zwischen den Anbietern, ein anderes Mal haben die Entscheidungsträger nicht genügend Informationen. So entstehen Suchkosten. Herausgefunden zu haben, dass der Arbeitsmarkt eines der besten Beispiele für so eine Konstellation ist, ist darüber hinaus ein Verdienst von Dale T. Mortensen und Christopher Pissarides, mit denen sich Diamond den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis teilt.

Gerade auf Arbeitsmärkten, so Diamond/Mortensen/Pissarides, herrsche weder Klarheit über die Preislage noch über die Qualitäten der verhandelten Waren - zum Beispiel des Kompetenzniveaus der Arbeitnehmer. Gemeinsam haben die drei Wissenschaftler daher ein Modell entwickelt, um die Nachteile von Märkten mit unvollständigen Informationen zu messen und zu lindern. Die Deregulierung der Zeitarbeit, die Restrukturierung der Arbeitsämter oder die Zulassung von geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen zur Verringerung von friktioneller Arbeitslosigkeit, also Sucharbeitslosigkeit, gehören zu den Konzepten der Nobelpreisträger. So beeinflussten sie kurz nach der Jahrtausendwende auch Gerhard Schröder, sein Kabinett und die Arbeitsgruppe um den ehemaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz in ihrem Reformwerk. Auch die Weltbank arbeitet seit vielen Jahren mit den Modellen der drei Wissenschaftler.

Preisträger für höhere Aufgaben abgelehnt

Ein kleiner Haken ist, dass die Modelle von Diamond/Mortensen/Pissarides Faktoren wie Ausbildungsquoten, unterschiedliche Qualifikationsniveaus, individuelle soziale Sicherheit und gesellschaftliche Stabilität nicht mit einbeziehen. Dies führt letztlich dazu, dass die Weltbank den deutschen Arbeitsmarkt aktuell als weniger wettbewerbsfähig einstuft als die Arbeitsmärkte von Afghanistan, Haiti und dem Tschad. Positiv ist, dass somit - sagen wir in vierzig Jahren - weitere Nobelpreise für die Einbindung der oben genannten Faktoren vergeben werden können.

Doch auch das Peter-Prinzip hat es im Alltag schwer. Ausgerechnet Peter Diamond, der am MIT lehrt, wo jährlich die "Ignoble"-Nobelpreise vergeben werden, hat in diesem Jahr einen Karrieredämpfer ganz gegen die Lehren des Peter-Prinzips hinnehmen müssen. Im Frühjahr hatte ihn Präsident Barack Obama für den frei werdenden Posten eines Mitglieds im Vorstand der US-Notenbank Federal Reserve nominiert. Doch der Senat verweigerte Diamond die Bestätigung. Der Grund: mangelnde Kompetenz. Der republikanische Senator Richard Shelby, der die Opposition gegen Diamond angeführt hatte, sagte damals: "Ich glaube, dass es im gegenwärtigen Umfeld der Unsicherheit nicht gut wäre, wenn Entscheidungen zur Geldpolitik von Vorstandsmitgliedern getroffen werden, die im Job erst noch lernen müssen." Die Begründung Shelbys ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, dass Diamond der Doktorvater des aktuellen Notenbank-Chefs Ben Bernanke ist.

Die wohl schönste Bestätigung des Peter-Prinzips liefert indes die an diesem Freitag stattfindende Nobelpreisverleihung selbst. Unter den geehrten ist nämlich auch der im niederländischen Nijmwegen forschende Professor Andre Geim. Er wird den Physiknobelpreis entgegen nehmen, weil er es geschafft hat, zweidimensionale Kristalle aus Kohlenstoffatomen herzustellen. Für Geim ist es bereits der zweite Nobelpreis. Den ersten erhielt er vor zehn Jahren im Sanders Theatre der Harvard-Universität. Im Jahr zuvor hatte er mit Hilfe eines Magneten einen Frosch zum Schweben gebracht. Das war der "Ignoble"-Nobelpreis-Jury schon damals eine Auszeichnung wert.

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