Debatte im Kanzleramt Merkel und die Fachkräfte-Blockierer

Weil Unternehmen hierzulande immer heftiger um neue Mitarbeiter streiten, versucht Regierungschefin Angela Merkel Deutschlands Fachkräftestrategie für die Zukunft festzuzurren. Die Zeit drängt. Forscher warnen, dass die Lage schon heute brisanter sei als angenommen.
Krisentreffen zur Abendstunde: Regierungskoalition sucht gemeinsame Fachkräfte-Strategie

Krisentreffen zur Abendstunde: Regierungskoalition sucht gemeinsame Fachkräfte-Strategie

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Hamburg - Deutschlands Wirtschaft warnt vor Fachkräftemangel, doch die Parteien der Bundesregierung müssen sich erst auf eine gemeinsame Linie einigen: Wenige Stunden bevor sich die Spitzenpolitiker der schwarz-gelben Koalition am Donnerstag Abend im Kanzleramt zur großen Fachkräfte-Beratung einfinden, schlagen Experten des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts Alarm.

Die Lage werde nicht erst schlecht für die hiesigen Unternehmen, sie sei es schon.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass aktuell bereits mehr als 40 Prozent der Unternehmen, die an unserer aktuellen Sonderumfrage teilgenommen haben, von einem Fachkräftemangel betroffen sind. In den Dienstleistungsbereichen - ohne Handel - beträgt der Anteil sogar 47 Prozent" sagt Ifo-Experte Ludwig Dorffmeister gegenüber manager magazin. Und damit nicht genug.

Noch brisanter werde die Lage in den kommenden Jahren, und das zeichne sich bereits jetzt ab. "Für das Jahr 2015 rechnen zwei Drittel der befragten Unternehmen mit einer mittleren oder starken Verknappung der Fachkräftezahl in der Bundesrepublik. Bis 2020 wird sich dieser Anteil gar auf durchschnittlich 71 Prozent erhöhen", warnt Dorffmeister.

Entsprechend deutlich warnt dann auch Deutschlands Industrie vor den Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland - und dem drohenden Wohlstandsverlust hierzulande für alle.

"Der demographische Wandel wird die Fachkräftelücke in vielen Branchen und Berufen innerhalb einer Generation auf insgesamt mehr als fünf Millionen hochschnellen lassen", ergänzt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. "Der Fachkräftemangel ist keine vorübergehende konjunkturelle Erscheinung, sondern ein strukturelles Problem, das Wachstum, Wohlstand und soziale Sicherheit in Deutschland gefährdet."

66.000 Ingenieursstellen - und 23.000 arbeitslose Ingenieure

Freilich, die Fachkräfteknappheit resultiert auch aus den immer spezieller werdenden Anforderungen der Unternehmen hierzulande, beispielsweise an ihre Ingenieure. Weil nicht wenige Firmen gezwungen sind, immer passgenauere Maschinen nach den Wünschen ihrer Kunden zu konstruieren, sofern sie sich gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen wollen, werden auch die Anforderungen an ihre eigenen Konstrukteure immer höher und spezieller.

Die Folge: Die Bundesagentur für Arbeit registrierte Ende November 23.000 arbeitslose Ingenieure, während der Verein Deutscher Ingenieure 66.000 freie Ingenieursstellen meldet.

Es sind solche Zahlen, die Deutschlands größte Oppositionspartei, die SPD, dazu bringen, stärker auf bessere Bildung als auf Zuwanderung hierzulande zu setzen. Bund, Länder und Gemeinden sollen dafür ihre Bildungsausgaben um wenigstens 20 Milliarden Euro pro Jahr steigern, so dass Deutschland bis 2015 mindestens 7 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in die Bildung investiert.

Bislang liegt die Bundesrepublik mit einem Anteil von 4,7 Prozent weit unterhalb des Durchschnitts von 5,7 Prozent im Industriestaatenbund OECD. Das Kosten für die zusätzlichen Bildungsausgaben allerdings will die Partei vor allem ihren Bürgern selbst aufbürden: Insbesondere höhere Steuern sollen dafür erhoben werden. Große Chancen, sich mit dieser Position durchzusetzen, haben die Sozialdemokraten damit allerdings wohl auch nach dem heutigen Fachkräftemangel-Krisengipfel im Kanzleramt nicht.

Beste Aussichten für Bewerber

"Es gibt einen erheblichen Bedarf an Fachleuten, der allein mit inländischen Bewerbern nicht gedeckt werden kann. Zudem kann man nicht jeden Arbeitslosen zu einem hochqualifizierten Ingenieur weiterbilden. Deshalb muss sich das Land für eine Diskussion über die Zuwanderung von hochqualifizierten Kräften aus dem Ausland öffnen", sagte FDP-Generalsekretär Christian Lindner vor dem heutigen Krisengipfel im Kanzleramt.

Aus Sicht der Unternehmen allerdings geht es offenbar nicht ausschließlich um Hochqualifizierte. Je nach Unternehmensgröße beklagen die Firmen hierzulande unterschiedliche Schwierigkeiten in der Besetzung ihrer freien Stellen. "Bemerkenswert ist, dass die kleinen und mittelgroßen Unternehmen insbesondere einen Mangel an Fachkräften mit beruflicher Ausbildung beklagen. Firmen mit 500 und mehr Mitarbeitern sehen dagegen vorwiegend eine Verknappung von Akademikern" bestätigt Ifo-Forscher Dorffmeister.

Nach den Ergebnissen der Münchener Ifo-Forscher werde der Wettstreit der Unternehmen gerade um die Hochqualifizierten weiter zunehmen. "Der unbefriedigte Bedarf bezüglich Hochschulabsolventen sowie Personen mit Berufsabschluss wird zwischen 2010/2011 und 2015 merklich zunehmen", glaubt Dorffmeister dann auch.

Scharf kritisieren die Grünen dann auch heute insbesondere die CSU vor dem heutigen Fachkräfte-Krisengipfel im Kanzleramt; die Spitzen der Regierungskoalition wollen dort um 18 Uhr zusammenkommen. Die Regierungspartei CSU wehre sich zu Unrecht gegen die Anwerbung von Facharbeitern im Ausland. "Man tut so, als ob die Zuwanderung von Fachkräften ein Akt der Gnade sei, dabei verhält es sich genau umgekehrt", sagte Fraktionschefin Renate Künast. Dabei müssten gut ausgebildete Migranten regelrecht motiviert werden, in Deutschland zu bleiben. Viele überlegten sich sogar weiterhin, aus der Bundesrepublik wegzugehen. "Wir haben heute schon einen dringenden Bedarf von 50.000 Fachkräften im Pflegesektor, bei Internetfachleuten fehlen 30.000", sagte Künast.

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