Donnerstag, 18. Juli 2019

Euro-Krise Das Belgien-Syndrom

Schuldenkrise: Die Angst vor dem Flächenbrand und was Belgien damit zu tun hat
DDP

Bisher gab es weitgehend Gewissheit - geraten Schuldensünder wie Griechenland in Schwierigkeiten, fließt das Geld in Anleihen solide finanzierter Länder wie Deutschland. Dass nun Belgien unter Druck geriet, zeigt: Investoren nehmen auch Euro-Musterschüler zunehmend in Mithaftung.

Hamburg - Bis zuletzt war die Euro-Krise aus Sicht mitteleuropäischer Schuldenmanager relativ weit weg. Negativ betroffen waren in erster Linie Länder, die sich ihre Malaise vor allem selbst zuzuschreiben haben. Um ihre eigene Finanzierung mussten sich Staaten wie Deutschland oder Belgien kaum Sorgen machen.

In Griechenland zahlte kaum jemand Steuern in angemessener Höhe, und der Staat leistete sich einen grotesken Beamtenapparat. In Portugal kommt die Wirtschaft aufgrund hausgemachter Probleme nicht in Schwung, und die Iren mussten ihr auf Sand gebautes Bankensystem mit Milliarden retten. Da schien es nur folgerichtig, dass Spekulanten auf den Absturz dieser Länder setzten.

Seit dieser Woche ist aber endgültig klar, dass Investoren die Sache nicht mehr ganz so eindeutig sehen. Zwar liegen die Aufschläge für Staatsanleihen aus den potenziellen Pleiteländern weiterhin deutlich höher als die für Papiere von vergleichsweise vorbildlich wirtschaftenden Ländern wie Deutschland.

Doch dass inzwischen ein Staat wie Belgien als Wackelkandidat genannt wird, lässt aufhorchen. Anfang der Woche hatten sich die Risikoaufschläge für belgische Staatsanleihen erhöht, auch die Spreads für Anleihen aus Italien und Frankreich stiegen. Die Vorgänge zeigen: Längst sind nicht mehr nur notorische Schuldenmacher im Visier der Spekulanten, sondern auch vergleichsweise agile Mitglieder der Euro-Zone.

Im Vergleich zu Griechenland und Irland ist Belgien ein Musterschüler

Die Erklärungsversuche muteten zunächst hilflos an. Fortwährende Probleme zwischen Wallonen und Flamen wirkten destabilisierend, orakelten Beobachter. Seit den Wahlen im Juni steht Belgien ohne Regierung da. "Wenn die politische Krise nicht schnell gelöst wird erscheint eine Finanzkrise fast unausweichlich", befürchtet etwa Paul de Grauwe, Professor an der Katholischen Universität Löwen.

Allerdings befindet sich das Königreich seit Jahrzehnten in einem fortwährenden Kampf um die staatliche Einheit. Der Wirtschaft hat das bisher nicht wesentlich geschadet. Es wäre auch neu, dass sich die internationale Spekulantenszene derart für politische Rangeleien interessiert - zumal das aufwendig zusammengehaltene belgische Staatsgebilde samt seinen Beamtenapparaten den Haushalt eher belastet als stärkt.

Das hatte sich seit jeher in einer hohen Staatsverschuldung niedergeschlagen. Diese hat Belgien jedoch - anders als etwa Griechenland - in den vergangenen Jahren einigermaßen in den Griff bekommen. Bis zum Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise waren die öffentlichen Haushalte weitgehend ausgeglichen, dann wuchs das Defizit auf gut 5 Prozent - im Vergleich zu Griechenland (2009: 15,4 Prozent) und Irland (2010: 32 Prozent erwartet) reichlich bescheidene Werte.

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