Sonntag, 20. Oktober 2019

Finanzkrise Angst vor dem Dominoeffekt

Dunkle Gewitterwolken über der Skyline von Frankfurt am Main: Bundesbank rechnet mit Milliarden, die Deutschlands Feldhäuser an zusätzlichem Kapital benötigen

Die Banken kommen nicht zur Ruhe. Zusätzlicher Kapitalbedarf, weitere Wertberichtigungen, der Zusammenbruch ganzer Märkte - von einer Rückkehr zur Normalität kann keine Rede sein.

Hamburg - Nein, es ist nicht vorbei. Noch lange nicht. Auch im vierten Jahr der Finanzkrise sind die Banken längst nicht über den Berg. Der Finanzsektor steht auch weiterhin vor gigantischen Herausforderungen und schwer kalkulierbaren Risiken. Zusätzlicher Kapitalbedarf, weitere Wertberichtigungen, sogar der Zusammenbruch ganzer Märkte - von einer Rückkehr zur Normalität kann für den Finanzsektor, und damit für die Wirtschaft insgesamt, keine Rede sein.

Allein die kommenden strengeren Kapitalvorschriften ("Basel III") werden den deutschen Bankensektor in den nächsten Jahren dazu zwingen, zusätzliche 50 Milliarden Euro an hartem Kernkapital zu bilden, sagt der ehemalige Investmentbanker Andreas Dombret, heute im Bundesbank-Vorstand für Finanzstabilität zuständig, im Interview mit dem manager magazin, das am Freitag (19. November) erscheint. Der errechnete zusätzliche Kapitalbedarf resultiert aus Simulationsrechnungen der Bundesbank.

Die Zahl ist neu, groß und von enormer Tragweite.

Was das für die Geldbranche bedeutet, deutete Bundesbank-Präsident Axel Weber kürzlich in einer Rede an. Nicht allen Banken werde die Einhaltung der neuen Regeln "gleich gut gelingen", so Weber. "Über die bereits im Zuge der Krise erfolgten Änderungen in der Marktstruktur hinaus dürfte es auch in Zukunft weiteren Anpassungsbedarf geben." Nämlich: "Art und Umfang des Bankgeschäfts" stünden auf dem Prüfstand, ebenso wie die Zahl der Institute. Mit anderen Worten: Längst nicht alle Banken werden überleben. Der Sektor wird geschrumpft, und er wird im Schnitt weniger profitabel sein als in der Vergangenheit, dafür aber hoffentlich robuster.

Dies sind die absehbaren, mittelfristigen Herausforderungen, ausgelöst durch die neuen regulatorischen Maßnahmen, die in den kommenden Jahren schrittweise eingeführt werden sollen. Akut müssen die Banken vor allem Verwerfungen an den hypernervösen Anleihemärkten fürchten. Denn längst sind die Staaten selbst zum Risiko für die Finanzmärkte geworden.

Die Bonität der Banken in einem Land hängt inzwischen eng mit der Bonität des jeweiligen Staates zusammen; es gebe eine "gegenseitige Abhängigkeit der Kreditwürdigkeit", befindet Karsten Junius, Volkswirt bei der Dekabank in einer Studie. Die Irland-Krise illustriert diesen Zusammenhang im Extremfall: Weil die Marktteilnehmer nicht mehr glauben, dass der irische Staat die irischen Banken im Zweifelsfall retten kann, können die Banken sich derzeit nicht mehr am Markt refinanzieren; nur die Europäischen Zentralbank leiht ihnen momentan noch Geld.

Das Szenario lässt sich durchaus zu einer globalen Bedrohungskulisse ausweiten. Wie Dominosteine würden Finanzsektoren und Staaten in einer Kettenreaktion kippen. Es käme zum "Käuferstreik" auf den Anleihemärkten, vor dem der damalige Finanzminister Peer Steinbrück schon im vorigen Jahr warnte.

Bislang geht es nur um kleine Volkswirtschaften wie Griechenland, Irland und Portugal, die von der europäischen und der internationalen Gemeinschaft gerettet werden könnten. Sollte aber die Unsicherheit auf große Schuldnerstaaten übergreifen, beispielsweise auf Italien oder gar auf die USA, dann bliebe nur ein Ausweg: Die Notenbanken müssten mit Unsummen an frisch gedrucktem Geld einspringen. Denn die Alternative hieße: Komplettzusammenbruch des Finanzsystems - oder Inflation. Wobei letztere wohl als das kleinere Übel erachtet würde.

"Wir sind im vierten Jahr der Krise. Es gibt keinen Grund zur Entwarnung", sagt Bundesbank-Vorstand Dombret im manager-magazin-Interview. Um nicht missverstanden zu werden: Vom eben skizzierten Horrorszenario redet Dombret nicht. Wohl aber deutet er an, die schwierige Haushaltslage vieler Staaten stelle eine erhebliche Belastung für die Stabilität des Finanzsystems dar.

Wie gesagt: Es ist noch lange nicht vorbei. Auf absehbare Zeit wird die fundamentale Verunsicherung bleiben. Und die Staaten tragen ihren Teil dazu bei.

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