Die Wirtschaftsglosse Konzerne im kalten Krieg

Spitzeln gehört zum Geschäft. Schließlich ist man als Vorstand verpflichtet, sich umfassend zu informieren. Dass man sich hinterher an nichts erinnert, ist kein Widerspruch. Am Ende des Tages wird man betonen, dass man illegale Methoden immer abgelehnt hat.

Sind Sie allein? Ist Ihnen niemand gefolgt? Ich schalte etwas Musik an, damit uns niemand abhören kann. Sicher, es geht bei unserem Treffen nur um die Verlängerung eines Lieferantenvertrages. Aber man weiß ja nie. Darf ich fragen, weshalb Sie Ihren Trenchcoat anbehalten wollen? Soso, die Blase ... Dankedanke, ich sitze gern bei meinem Geigenkasten.

Die deutsche Wirtschaft ist ein heißes Pflaster geworden. Jeder hört jeden ab. Spitzelaffären bei der HSH Nordbank, bei der Deutschen Telekom, der Deutschen Bahn, sogar bei Edeka. Man ist als Topmanager nie ganz allein. Nicht einmal bei seinen Schätzen, im Tresorraum einer unbescholtenen Liechtensteiner Bank.

"Spitzel" ist in deutschen Vorstandsetagen inzwischen ein ebenso alltägliches Wort wie "Report" oder "Meeting". Frau Stadelmann, ist Becker schon mit dem Hedging-Report durch? Ach ja, dann brauch ich noch die letzte Spitzelübersicht für das Boardmeeting - danke. Der Unternehmensschnüffler gehört fest zum Personalbestand. Das lässt sich nur nicht mit Zahlen belegen, Sie verstehen warum. Es ist nie gut, wenn jemand zu viel weiß.

In Meetings ist nie ganz klar, wessen Handy gerade die Sitzung überträgt. Wahrscheinlich alle. Der kalte Krieg, also der zwischen Ostblock und Nato, ist zwar vorbei. Aber vergangen sind damit nur die Steinzeitmethoden jener Ära. Heute wird mit Hightech spioniert. Wer einen Peilsender oder eine Miniaturkamera mitbringt, gilt als ewiggestrig. Wozu gibt es iPhones?

Während der Vorstand alter Schule sein Gegenüber in nicht enden wollenden Dauersitzungen mürbe zu machen versucht, mal becirct und mal bedroht, lässt die moderne Führungskraft hinterrücks per Computervirus alle Kraftwerke mit Siemens-Steuerung ausknipsen. Oder die Verbindungsdaten der eigenen Mitarbeiter ausspähen.

Was auch immer. Über illegale Methoden spricht man nicht. Die müssen funktionieren.

Die Unternehmen befinden sich im kalten Krieg, immer. Geschossen wird selten, aber der Wettbewerb ist martialisch. Überleben wird nur, wer die Geheimprotokolle zur Übernahmestrategie ignorieren kann, bevor der Vorstand sie links liegen lässt. Besser zu spionieren ist ein Standortvorteil. Allein um zu kontrollieren, ob die Bestechungsgelder nicht versickern.

Sagen Sie dem Spitzel, es sollen keine Interna mehr nach außen dringen. Wie er das macht, ist seine Sache. Und wer hat die Musik hier so laut gedreht?

Die Wirtschaftsglosse vom 15. Oktober: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen

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