Montag, 16. September 2019

Stuttgart 21 Baubranche droht mit Abwanderung

Stuttgart, Hamburg, Köln: Was an deutschen Baustellen schiefläuft
DPA

Der Kampf um den neuen Stuttgarter Bahnhof hat für die deutsche Bauindustrie Symbolcharakter. Scheitert das Projekt, könnten sich die Firmen von ihrem ohnehin ungeliebten Heimatmarkt weiter abwenden. Weltweit gewinnen werden Konzerne aus Ländern, in denen Großprojekte leichter möglich sind.

Hamburg - Die Ausschreibung 2010/S 137-211193 ist ein Auftrag, wie es ihn in Deutschland nicht oft an Land zu ziehen gibt. Eine Million Kubikmeter Erde soll der Gewinner zunächst aus der Stuttgarter Innenstadt wegschaffen, das entspricht einem Würfel mit einer Seitenlänge von 100 Metern oder etwa 70.000 Lkw-Ladungen. Dann soll ein unterirdischer Bahnhof samt hochkomplexer Dachkonstruktion und angrenzendem Tunnel entstehen.

Auf etwa eine Milliarde Euro taxieren Kenner den Auftragswert beim Bau des Herzstücks des Bahnprojekts "Stuttgart 21". Kein Wunder, dass quasi jeder für das Geschäft geboten hat, der in der europäischen Bauszene Rang und Namen hat. Am 14. Februar soll es losgehen, um den Jahreswechsel könnte der Auftraggeber, die Bahn-Tochter DB ProjektBau GmbH den Ausschreibungssieger verkünden.

Die Vorfreude auf den großen Coup hält sich in der Baubranche jedoch in engen Grenzen. Zehntausende demonstrieren inzwischen gegen das Vorhaben, und obwohl die Planungen längst abgeschlossen sind, die politischen Gremien zugestimmt und die nötigen Gelder bewilligt haben, will die Opposition aus SPD und Grünen das Projekt im Falle eines Sieges bei der Landtagswahl im kommenden März zur Disposition stellen. Die "Gefühlslage" sei angespannt, heißt es bei einem Bauunternehmen, das sich für den Auftrag interessiert.

Bei Stuttgart 21 geht es für die deutsche Baubranche um viel. Zwar könnte es jedes einzelne Unternehmen verschmerzen, nicht zum Zug zu kommen. Doch das Projekt steht für mehr. Scheitert das Vorhaben, hätten Großprojekte womöglich auch anderswo in Deutschland schlechtere Chancen. Die Firmen fürchten, dass Stuttgart Schule macht.

Bauverband: "Alles wird infrage gestellt"

"Stuttgart 21 droht zu einem Fanal für unsere Gesellschaft zu werden", sagt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Michael Knipper, gegenüber manager magazin. "Setzen sich die Gegner durch, würde es bedeuten, dass wir kaum noch in der Lage sind, große Infrastrukturprojekte umzusetzen."

Das Wehklagen der Industrie über lange bürokratische Prozesse bei Bauvorhaben ist nicht neu, genausowenig wie das Phänomen, dass Bürger sich gegen große Projekte wehren. Bei Stuttgart 21 ist eines jedoch anders: Zwar hat das Projekt alle formal-demokratischen Hürden genommen. Trotzdem nährt sich der Protest aus breiten Bevölkerungsschichten.

Es ist also nicht mehr eine Minderheit - beispielsweise aus dem linken Spektrum - die sich gegen die Mehrheitsentscheidung im Parlament auflehnt. Die Folge: Die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen geht zurück. "Durch die Ereignisse in Stuttgart wird womöglich alles infrage gestellt", sagt Knipper mit Blick auf die langen, aber einigermaßen berechenbaren Planungsprozesse.

Schon jetzt ist die Bedeutung des Heimatmarktes für die großen deutschen Baufirmen zusammengeschrumpft. Die Branche befindet sich hierzulande insgesamt in einem schleichenden Abschwung. Seit 1995 ist der Umsatz nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 123 Milliarden auf 85 Milliarden Euro gesunken. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich von 1,46 Millionen auf 650.000 mehr als halbiert.

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