Samstag, 7. Dezember 2019

Preisexplosion Krankenkassenbeiträge von 30 Prozent

Arztvisite: Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung im Fokus

Das Gesundheitssystem kann nach Ansicht von Gesundheitsforschern nur durch massive Leistungseinschnitte in den kommenden Jahrzehnten bezahlbar bleiben. Daher müsse etwa gefragt werden, ob die Versorgung von Frühgeborenen und die Behandlung von Todkranken beschränkt werden sollte.

Berlin - Nötig sei ein langer und schmerzlicher Prozess, um durch Verzicht auf bestimmte Leistungen zu einen zukunftssicheren Gesundheitssystem zu kommen, sagte der Leiter des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung, Fritz Beske, am Mittwoch.

Nach Berechnungen des Instituts wird der Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung bis 2060 bei einer jährlichen Ausgabensteigerung von einem Prozent aufgrund des medizinischen Fortschritts von heute 14,9 Prozent auf mehr 30 Prozent steigen. Bei einer Kostensteigerung von 2 Prozent würde der Kassenbeitrag über 50 Prozent des Lohns ausmachen.

In der Schweiz etwa würden Frühgeborene unterhalb eines bestimmten Gewichts nicht mehr intensivmedizinisch behandelt, sagte Beske. Bei diesen Kindern seien die Überlebenschancen gering. Wenn sie am Leben blieben, seien sie meist Pflegefälle. Es müsse die Frage erlaubt sein, ob nicht in Deutschland Regelungen wie in der Schweiz eingeführt werden sollten. Auch bei unheilbar erkrankten Menschen müsse die Frage erlaubt sein, ob jede lebensverlängernde und teure Maßnahme angewandt werden sollte.

Beske brachte auch Sanktionen für ungesund lebende Menschen in Spiel. Durch Strafen oder ein Anreizsystem müsse gesundheitliches Fehlverhalten bekämpft werden. Aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung könnten nach Ansicht des Mediziners etwa physiotherapeutische Massagen, künstliche Befruchtung, alternative Heilmethoden wie Homöopathie, Kuren und Empfängnisverhütung gestrichen werden. Zu überlegen sei ferner, ob die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Ehegatten nicht aus Steuermitteln finanziert werden solle.

"Wer Probleme der Zukunft lösen will, darf nicht warten, bis ihn die Probleme eingeholt haben", sagte Beske und forderte von der Politik eine medizinethische Debatte über die Leistungen der Kassen. Anhand der Bevölkerungsentwicklung und des medizinisches Fortschritts sei klar, dass das Gesundheitssystem auf die Unfinanzierbarkeit zusteuere.

kst/reuters

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