Montag, 16. September 2019

Zuwanderung Woher die Besten kommen könnten

Neue Einwanderer: Aus diesen Ländern könnten die besten Kräfte kommen
AP

Der deutschen Wirtschaft fehlen bald Hunderttausende Fachkräfte. Das Land öffnet sich Zuwanderern jedoch nur zögerlich, und die Thesen des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin schrecken potenzielle Migranten ab. Dabei gibt es durchaus Staaten, aus denen reichlich qualifiziertes Personal kommen könnte.

Hamburg - Die These, dass Inder sich nicht für einen Job in Deutschland interessieren, hält Holger Bonin für eindeutig widerlegt. "Es gibt eine Tradition der Zuwanderung aus Indien nach Deutschland", sagt der Arbeitsmarktexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und verweist auf Tausende Ingenieure und Krankenschwestern, die in den 70er-Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind. "Auf diesen Erfahrungen lässt sich aufbauen."

Mit dieser pragmatischen Einschätzung steht der Forscher in Deutschland ziemlich allein. Die Republik diskutiert zwar vehement über Fachkräftemangel und Einwanderer, die ihn lindern sollen - doch bei der Frage, woher die dringend benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte denn kommen sollen, zucken viele mit den Schultern. Ex-Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter hatte jüngst Ägypten, die Türkei und den Iran als potenzielle Herkunftsländer gepriesen.

"Die Besten gehen ohnehin in die USA, egal woher sie kommen", sagen viele Migrationsforscher dann auch ernüchtert. Andere fürchten, es könne eine populistische Diskussion hart an der Grenze des Rassismus erwachsen, aus welchen Länder Zuwanderung gewünscht ist, und aus welchen nicht. "Dazu sagen wir lieber nichts", heißt es deshalb bei einem in Arbeitsmarktfragen renommierten Forschungsinstitut.

Die Angst ist verständlich, hat doch Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin zu allem Überfluss eine Debatte darüber angezettelt, wie sehr das Land durch Migranten verdumme. Schon jetzt ist das Interesse an einem Job in Deutschland ohnehin nur in wenigen Ländern stark ausgeprägt. Die neuerliche Debatte, die beispielsweise auch in der Türkei aufmerksam verfolgt wird, dürfte die Bundesrepublik im Kampf um die dringend benötigten Einwanderer weiter zurückwerfen.

Zuwanderung von 880.000 Menschen im Jahr nötig - netto

Das könnte fatale Folgen haben. Was auf den deutschen Arbeitsmarkt in den nächsten Jahrzehnten zukommen dürfte, illustriert Thomas Bauer, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), mit beeindruckenden Zahlen. Millionen Menschen müssten nach Deutschland zuwandern, damit die Zahl der Erwerbstätigen konstant bleibt. Etwa 400.000 Migranten wären im Jahr 2015 nötig, 2030 dann rund 880.000 - netto, versteht sich.

"Politisch ist das schwer durchsetzbar", sagt selbst Bauer gegenüber manager magazin, doch gänzlich ohne Zuwanderung dürften die kommenden Jahrzehnte schmerzhaft werden. Und das, obwohl mehr Frauen und Alte arbeiten könnten, obwohl die Wirtschaft produktiver wird. "Ohne Zuwanderung könnte der Wirtschaftsaufschwung schon bald wieder vorbei sein", sagt dann auch der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann.

Doch selbst, wenn einmal Kriterien für Einwanderer geschaffen sind, wird ein vager Ruf hinaus in die Welt nicht reichen, um die benötigten Fachkräfte zu bekommen. "Es ist sinnvoll, sich auf einzelne Länder zu fokussieren", sagt ZEW-Experte Bonin.

Und da führt der Forscher ausgerechnet wieder die berühmten Inder ins Feld? Die schon an der berühmten Green Card für IT-Spezialisten der rot-grünen Bundesregierung wenig Interesse zeigten? "In Indien gibt es einen großen Pool an internationalen, mobilen und hochqualifizierten Kräften", sagt Bonin. "Da sind Leute, die einen Job im Ausland suchen."

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