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Übersicht: In welche Länder Deutsche am liebsten auswandern

Foto: Martin Gerten/ picture alliance / dpa
Henrik Müller

Einwanderung Die schleichende demografische Krise

Die Debatte um die Einwanderungspolitik ist ein Trauerspiel, weil sie am Kern des Problems vorbeizielt. Wir sind längst ein Auswanderungsland. Um das schleichende Ausbluten der Bundesrepublik zu verhindern, müssen wir neue Wege gehen.

Hamburg - Das Thema ist ernst, es ist wichtig, ja, es ist prägend für das zukünftige Gesicht dieser Gesellschaft und ihrer Volkswirtschaft. Doch leider ist das Niveau, auf dem sich die Debatte über die deutsche Einwanderungspolitik abspielt, völlig unangemessen. Die Wirtschaft fordert rasche Zuwanderungsanreize, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Gewerkschaften und Sozialdemokraten sind dagegen und verweisen auf die immer noch mehr als drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Und Thilo Sarrazin kanzelt brutalrhetorisch hier lebende Muslime ab.

Das alles ist falsch. Eine Einwanderungspolitik nach Konjunkturlage ist wirkungslos. Wer Inländer gegen Zuwanderer gegeneinander in Stellung bringt, verkennt die langfristigen Impulse, die Migranten bringen und damit auch Alteingesessenen Jobs und Wohlstand sichern. Und einer ganzen Kultur die Fähigkeit zur Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft abzusprechen, ist nicht nur gefährlich - damit werden auch schlimme Signale nach innen und außen ausgesandt.

Wer die Debatte voranbringen will, sollte zunächst ein paar nüchterne Fakten zur Kenntnis nehmen: Deutschland hat seit Jahren ein gravierendes demografisches Problem - das allerdings beharrlich ignoriert wird. Dieses demografische Problem besteht darin, dass der Zuzug nach Deutschland immer weiter zurückgegangen ist, zugleich aber der Fortzug zugenommen hat. Wir sind - das ist den wenigsten klar - ein Auswanderungsland.

Jedes Jahr verlassen mehr Menschen die Bundesrepublik als herkommen. Anders als in den meisten anderen westlichen, auch westeuropäischen Ländern schrumpft die deutsche Bevölkerung. Und zwar hier und jetzt, nicht irgendwann in ferner Zukunft. Diese demografische Krise resultiert nicht aus einem plötzlich veränderten Geburtenverhalten - die Fertilitätsrate ist seit den 70er Jahren zu niedrig, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten -, sie resultiert aus der schwachen Attraktivität dieser Gesellschaft als Lebensstandort.

Aderlass durch Wegzug

Nicht nur sind wir für mobile Ausländer nicht sonderlich attraktiv. Auch deutsche Staatsbürger, viele von ihnen hoch qualifiziert, sind in den vergangenen Jahren zu Hunderttausenden ins Ausland übergesiedelt. Sicher, einige kommen zurück. Aber netto gehen mehr als kommen.

Das ist ein gravierendes Problem - für die Gesellschaft insgesamt, für die Wirtschaft, für die Sozialsysteme. Bislang unterstellen die gängigen Bevölkerungsprognosen immer noch eine Nettozuwanderung von 200.000 Personen im Jahr. Tatsächlich war das der langfristige Durchschnitt in den Jahrzehnten bis 2000. Doch seit der Jahrtausendwende geht der Saldo zurück und ist inzwischen negativ - weil der mobile Teil der Ausländer und zunehmend auch der Inländer lieber anderswo siedelt.

Dennoch geht das Gros der Wortmelder in der derzeitigen Zuwanderungsdebatte in einer Mischung aus Kurzsichtigkeit, Ignoranz und Arroganz von der Annahme aus, dass alle Welt nur darauf wartet, in Deutschland arbeiten zu dürfen.

Begrüßungsgeld für Einwanderer

Entsprechend fallen dann die politischen Vorschläge aus. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will eine neue Gastarbeitergeneration per Begrüßungsgeld anlocken. Das erinnert an Gerhard Schröders "Greencard" von 2000, die Deutschland eine Population von "Computer-Indern" bescheren sollte - ein Flop. Auch die Herabsetzung der Mindestverdienstschwellen für Zuwanderer hat nicht die erhoffte Wirkung entfaltet.

Mit Verlaub: Wir leben nicht in der Welt der 60er Jahre, als die westlichen Länder kleine Inseln in einem Meer aus Armut waren; wenn die deutsche Industrie gerade billige Arbeitskräfte brauchte, musste man nur die Grenzen öffnen. So lief das damals. So läuft es nicht mehr. Längst gibt es einen intensiven Wettbewerber um die mobilen Qualifizierten, die Leistungsfähigen und -willigen. Wer sie anlocken - oder hier halten - will, muss ihnen Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung und Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe bieten; er muss ihnen eine kulturell anregende und vielfältige Umgebung offerieren.

Zuwanderer und Heimkehrer brauchen eine langfristige - eine lebenslange, generationenübergreifende - Perspektive für sich und ihre Familien. Das gilt insbesondere für Deutschland, wo von Zuwanderern erhebliche Anfangsinvestitionen erwartet werden: Sie müssen die schwergängige Sprache lernen und sich in eine Kultur einfühlen, die wenig auf Internationalität ausgerichtet ist - in angelsächsisch geprägten Ländern sind die Hürden niedriger.

Aber immerhin: Es gibt Grund zu der Annahme, dass sich Deutschlands Chancen im Wettbewerb um die mobilen Köpfe verbessern. Möglich, dass die ökonomische Entwicklung hierzulande günstiger verlaufen wird als in den hoch verschuldeten Nachbarländern. Der steigende Bedarf an Arbeitskräften wird in den kommenden Jahren zusätzliche Spielräume für Newcomer eröffnen. Folglich könnten sich die wirtschaftlichen Push-Faktoren aus der Zeit, als Deutschland der "kranke Mann Europas" war, in Pull-Faktoren umkehren.

Damit daraus eine Einwanderungswelle wird, braucht es aber mehr: eine neue Kultur der Offenheit für Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund. Dass Bundespräsident Christian Wulff dieses Thema zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft gewählt hat, lässt hoffen. Denn es geht nicht nur um Geld, Steuersätze oder Integrationskurse - es geht um Gesten, um eine Symbolik, die Eingesessene und Zugewanderte zusammenführt.

Übrigens sind Thilo Sarrazins Thesen auch aus diesem Grund nicht nur gefährlich, sondern letztlich auch ökonomisch schädlich.

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