Montag, 6. April 2020

Lohnforderung  Riskanter Krisenaufschlag der IG Metall

Höhere Ausfuhren: Deutschlands Wirtschaftserholung wird zu weiten Teilen vom verbesserten Exportgeschäft getragen

Die IG Metall will in Nordrhein-Westfalen kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen. Das sollte sie bleiben lassen, denn Deutschlands Unternehmen haben die Wirtschaftskrise längst nicht überwunden. In einigen Monaten wird der Lohnaufschlag ohnehin kommen - die Republik steht vor einem Wandel.

Mehr Geld aufs Konto. Viel mehr Geld. Das ist die Forderung, die Deutschlands Spätsommer bestimmt. Das ist die Forderung beispielsweise der Industriegewerkschaft Metall in Nordrhein-Westfalen, die bis zu 8 Prozent mehr Lohn und Gehalt für ihre Mitglieder fordert und anschließend kräftige Lohnerhöhungen für die Beschäftigten in der gesamten Republik. Das aber würde schiefgehen - und zwar zum Schaden für uns alle.

Deutschland hat die tiefe Wirtschaftskrise des vergangenen Jahres bei Weitem noch nicht überwunden. Trotz der zuletzt fixen Erholung haben die Unternehmen hierzulande erst in etwa 60 Prozent des 4,9-Prozent-Einbruchs des Vorjahres aufgeholt. Verglichen damit ist das Quartalswachstum von zuletzt 2,2 Prozent gerade einmal ein Etappenwert, wenn auch einer, der aufhorchen lässt.

Für jeden, der glaubt, hohe Gehaltsnachschläge seien schon heute möglich, mag das hart klingen. Vielleicht sogar nach Vertrösten auf die Zukunft, die schlimmstenfalls nie kommt. Doch im Stillen, ohne große Verhandlungen, bekommen doch nicht wenige Bundesbürger schon jetzt, direkt in der aktuellen Besserungsphase, ihren Anteil an der Wirtschaftserholung - und zwar Monat für Monat aufs Konto.

Der Lohn aller, die beispielsweise in Kurzarbeit weniger verdienen konnten als normal, steigt wieder; bis zu 1,5 Millionen Bundesbürger waren davon noch im Frühjahr vergangenen Jahres betroffen, vor allem in der Metall- und Elektroindustrie. Jetzt, ein gutes Jahr später, erhalten die Beschäftigten dort nach Angaben des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall bereits wieder 7 Prozent mehr Lohn als im Vorjahr, weil dank der Wirtschaftserholung mittlerweile weniger Bänder stillstehen und die Beschäftigten entsprechend mehr arbeiten.

Mehr Arbeitsplätze, ausgewogenere Wirtschaftsstruktur

Dennoch: Alle Produktionslinien hierzulande sind bei Weitem noch nicht wieder unter Volllast in Betrieb. Im Gegenteil. Bis zu 700.000 Frauen und Männer arbeiten nach Angaben der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit derzeit noch in Deutschland kurz. Damit aber ist eben erst ein Teil jener gewaltigen Produktivitätsrückgänge ausgeglichen, die Deutschlands Unternehmen mit dem Kurzarbeitspakt für Arbeitsplätze übergangsweise verkraften wollten; im verarbeitenden Gewerbe, für das die IG Metall in Nordrhein-Westfalen jetzt bis zu 8 Prozent mehr Lohn fordert, sank sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr im Deutschland-Schnitt um erschreckende 9,4 Prozent. Das belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit sofort.

Und genau das spricht gegen flächendeckende hohe Gehaltszuwächse schon im Spätsommer 2010. Behält die deutsche Wirtschaft aber ihr aktuelles Erholungstempo zumindest in etwa bei, könnte sich das schon Anfang 2012 ändern.

Die Arbeitnehmer hierzulande hätten dann insgesamt vieles richtig gemacht. monatelang gefallene Lohnstückkosten haben die deutsche Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger gemacht. Trotz der rasant wachsenden Asien-Stars China und Indien oder anderer neuer Wirtschaftsriesen wie Brasilien kann die Bundesrepublik ihre Stellung im Welthandel bisher verteidigen, wie Wettbewerbsdaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen. Und von diesem Produktivitäts- und Wettbewerbsfortschritt haben die deutschen Arbeitnehmer auch selbst profitiert.

Binnennachfrage dürfte von Entspannung profitieren

Im Jahr 2010 gibt es schließlich in Deutschland mehr Arbeitsplätze als noch vor ein paar Jahren. Besser noch, das aktuelle Problem millionenfacher Unterbeschäftigung scheint sich hierzulande langsam, aber weiter zu entschärfen. Die Konjunkturspezialisten von Kiel Economics etwa rechnen damit, dass bis 2014 weniger als zwei Millionen Menschen in Deutschland offiziell arbeitslos sein werden; aktuell sind es rund 3,2 Millionen. Parallel soll auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs steigen. Und das wird Deutschland insgesamt stärken.

In vielen Studien hat sich schließlich immer wieder gezeigt, dass die Menschen und mit ihnen die Wirtschaft hierzulande insgesamt stärker von mehr Beschäftigung als von deutlich steigenden Löhnen profitiert. So zog zumindest in der Vergangenheit der private Konsum in Deutschland oftmals um 0,8 Prozent an, wenn zuvor ein Prozent mehr Frauen und Männer zusätzlich einen Job gefunden hatten. Eine Lohnerhöhung um ein Prozent hatte sich in den Kassen der Händler vielfach aber nur mit einem Plus der Binnennachfrage in Höhe von 0,2 Prozent niedergeschlagen.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung