Mittwoch, 18. September 2019

Arbeitsmarkt Jobwunder belastet Unternehmen

Lehrstellen: Wie Deutschlands Topkonzerne um Nachwuchs werben
DPA

Die Zahl der Arbeitslosen wird nach Ansicht von Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt wegen des Booms in diesem Jahr unter die Drei-Millionen-Grenze fallen. Firmen fürchten nun hohe Lohnforderungen und akuten Fachkräftemangel. Manche Unternehmen suchen ihre Azubis bereits in Polen und Tschechien.

Hamburg - Nach der überraschend deutlichen Erholung der deutschen Wirtschaft stehen offenbar auch die Chancen für eine weitere Entspannung am Arbeitsmarkt gut. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte am Wochenende dem "Hamburger Abendblatt", angesichts des Booms in vielen Branchen sei er "sehr optimistisch, dass die Arbeitslosigkeit im Herbst die Drei-Millionen-Grenze unterschreitet".

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hob seine Beschäftigungsprognose deutlich an. Bislang hatte die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit vorausgesagt, dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2010 bei rund 3,5 Millionen liegen werde.

"Wir gehen nun davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt etwa zwischen 3,2 und 3,3 Millionen liegen wird", sagte IAB-Arbeitsmarktexpertin Sabine Klinger der "Berliner Zeitung". Im günstigen Fall könne die Zahl der Erwerbslosen damit um fast eine Viertelmillion unter dem Wert des Vorjahres liegen.

Arbeitgeber-Präsident Hundt hält in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent für möglich. Im Bundeswirtschaftsministerium wird einem Zeitungsbericht zufolge im laufenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von mindestens 3 Prozent erwartet. "Selbst wenn die Konjunktur in den kommenden drei Monaten stagnieren würde, das Wachstum also bei Null läge, dürften wir am Jahresende auf 3 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt kommen", berichtete die "Welt am Sonntag" unter Berufung auf Regierungskreise.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte sich zuvor zurückhaltender gezeigt. Die Dynamik des zweiten Quartals lasse "ein Wachstum von weit über 2 Prozent für 2010 in den Bereich des Möglichen rücken", sagte er mit Blick auf Zahlen, wonach die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal mit 2,2 Prozent Wachstum so rasant wie noch nie seit der Wiedervereinigung zugelegt hat. Bislang prognostiziert die Bundesregierung für das Gesamtjahr 2010 einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,4 Prozent.

Forderungen nach Lohnerhöhungen wies Hundt indessen zurück. "Ich warne vor einer Diskussion über Lohnerhöhungen zur Unzeit", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Er fügte hinzu: "Im Moment muss alles verhindert werden, was den Aufschwung bremst. Es dürfen keine zusätzlichen Kosten auf die Unternehmen zukommen - weder durch höhere Steuern und Abgaben noch durch unangemessene Lohnerhöhungen."

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, forderte die Gewerkschaften für die anstehende Tarifrunde zur Zurückhaltung auf. "Es ist doch nicht so, dass die Tariflöhne in der Krise deutlich nach unten gegangen wären und jetzt wieder aufholen müssten", sagte er dem "Focus". Vielmehr hätten die Ergebnisse der Unternehmen drastisch gelitten.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, warb um Verständnis, dass derzeit viele Neueinstellungen nur befristet oder mit Zeitarbeitern erfolgen: "Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres muss ein solider Kaufmann das Risiko für seinen Betrieb senken", sagte er der "Südwest Presse". Nur mit befristeten Einstellungen und Zeitarbeitern könne für ausreichende Kapazitäten gesorgt werden, ohne sich finanziell zu überfordern.

Gleichzeitig setzen einzelne Wirtschaftszweige verstärkt auf Zuwanderer. Das Handwerk will so Engpässe bei der Besetzung von Arbeitsplätzen zu vermeiden. Insbesondere im Osten würden Betriebe Lehrlinge aus Polen und Tschechien suchen, sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, der "Wirtschaftswoche". Danach will etwa die Handwerkskammer Cottbus Zuwanderern eine Ausbildungsplatzgarantie bieten, wenn diese zuerst in einem Kurs die deutsche Sprache lernen.

Um mehr Ausländer anzuziehen, fordert der Handwerkspräsident eine Imagekampagne für Deutschland. Kentzler: "Deutschland muss ein klares Bild von sich in der Welt zeichnen, muss interessanter werden für junge Menschen als Ziel für Ausbildung und Studium." Für die Präsentation von deutscher Sprache und Kultur im Ausland seien die Goethe-Institute besonders geeignet, sagte der ZDH-Präsident und bedauerte, dass "gerade auch dort gespart wird".

nis/ddp

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung