Ernährungskrise Mit warmen Worten gegen den großen Hunger

Nach der Ernährungskrise 2008 schworen sich die Spitzenpolitiker der Welt, alles besser zu machen. Seitdem hat die Produktion tatsächlich merklich zugenommen - aber nur, was wohlklingende Absichtserklärungen angeht. Die Welthandelsorganisation hat sogar über Jahre verhindert, dass Entwicklungsländer Notfallreserven anlegen.
Von Konrad Fischer
Gemüsehändlerin in Port-au-Prince (Archivbild von 2008): An Haiti wurden bereits Soforthilfen für Investitionen in Technologie und Saatgut ausgeschüttet

Gemüsehändlerin in Port-au-Prince (Archivbild von 2008): An Haiti wurden bereits Soforthilfen für Investitionen in Technologie und Saatgut ausgeschüttet

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Ob sengende Hitze die Mark Brandenburg versteppen lassen sollte oder ein kolossales Hochwasser die Gemüseplantagen am Niederrhein davonträgt: Deutschland ist gerüstet. In über hundert Lagerhallen an geheimen Orten im ganzen Land liegt die sogenannte "zivile Notfallreserve" bereit, Getreide, Erbsen, Linsen und Milchpulver um im Ernstfall den Bewohnern von Ballungszentren "zumindest eine warme Mahlzeit am Tag garantieren zu können", so das Verbraucherschutzministerium.

Die Reserve wirkt in einem Land, das seit zwei Generationen keinen Hunger mehr kennt, fast ein wenig albern. Anderswo ist sie hingegen bitter notwendig - und oft nicht vorhanden. "Die Hungerkrise vor zwei Jahren hat gezeigt, wie schlecht die Welt auf Nahrungsmittelengpässe vorbereitet ist", sagt Ken Ash, Direktor der OECD für Landwirtschaft und Handel. Deshalb hatten viele gehofft, dass die Welt aus der Preisexplosion an den Weltmärkten lernen würde, die für Hungersnöte in Afrika und der Karibik gesorgt hatte. Doch eine Analyse der Veränderungen an den Agrarmärkten seit 2008 zeigt: Bis heute ist kaum etwas geschehen, die Welt ist nur unwesentlich besser auf solche Szenarien vorbereitet. Insbesondere die Industriestaaten sind nach einer kurzen Phase des Aktionismus wieder in alte Routinen zurückgefallen.

Dabei stand noch vor einem Jahr die beeindruckende Hilfssumme von 20 Milliarden US-Dollar im Raum. Ein Großteil der G20-Staaten hatte sich damals im italienischen L'Aquila dazu bekannt, innerhalb von drei Jahren das Geld aufzuwenden, um die Landwirtschaft in Entwicklungsländern produktiver zu machen, Kapazitäten auszuweiten und so letztlich den Hunger zu besiegen. Allein die deutsche Bundesregierung machte Zusagen über drei Milliarden Dollar.

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Getreidepreise: Welche Länder es am stärksten trifft

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Doch die meisten der Zusagen hatten von Anfang an einen Haken, zu dem es in der Abschlusserklärung des jüngsten Treffens der G8-Regierungschefs im kanadischen Muskoka nur lapidar heißt: "Der Schwerpunkt liegt weiter auf Initiativen unter der Führung einzelner Länder". Mit anderen Worten: Die Industriestaaten führen ihre individuellen Entwicklungspolitiken fort, die beeindruckende Summe bleibt ein Rechenexempel, das die bereits vorhandenen Budgets mit einbezieht. Das belegt auch eine Antwort der Bundesregierung aus dem Mai diesen Jahres auf eine Große Anfrage der Opposition dazu, was aus den Hilfen geworden sei. " Die Umsetzung wird insbesondere über bilaterale Vorhaben auf Basis ländereigener Strategien erfolgen", heißt es da.

So hat auch ein entsprechender Fonds bei der Weltbank, der eingerichtet wurde um die Hilfe zu organisieren, bisher kaum etwas zu tun. Im Juni konnten zwar die ersten Zahlungen ausgeschüttet werden, doch die Summe von gut 200 Millionen Dollar wirkt geradezu mickrig im Vergleich zu den Zusagen aus dem Vorjahr. Sie stammt zudem nur von fünf Spendern, Kanada, Südkorea, Spanien, den USA und der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates. Nutznießer sind Bangladesch, Haiti, Ruanda, Sierra Leone und Togo, die zwischen 35 und 50 Millionen Euro für Investitionen in Technologie und Saatgut erhalten.

Wie die WTO Sicherungsmechanismen der Entwicklungsländer verhindert hat

Neben dieser Hilfspaketen sind es vor allem die Entwicklungsländern selbst, die in den letzten Jahren das Heft des Handelns in die Hand genommen haben. So einigten sich die oft zerstrittenen Länder des afrikanischen Staatenbundes SADC vor zwei Jahren darauf, eine regionale Notfallreserve an Lebensmitteln aufzubauen, die im ASEAN organisierten asiatischen Länder kooperieren auf diese Weise bereits seit längerem.

Genau diesen Sicherungsmechanismus hatten die Industriestaaten lange Jahre verhindert. Denn die Welthandelsorganisation (WTO) verband den Zugang zu den westlichen Märkten stets mit der Auflage, nationale Lebensmittelreserven aufzulösen. Nur dann sei der Freihandel möglich. Den Preis dafür bezahlte beispielsweise Sambia 2002: Ende der 90er Jahre war das Land von der WTO gedrängt worden seine Reserven zu verkaufen. Als es dann zur Missernte kam, fehlte die plötzlich, mehr als zwei Millionen Menschen im Süden des Landes mussten hungern.

Neben dem weltweiten Problem der Unterversorgung der Nahrungsmittelmärkte war es vor allem deren wachsende Volatilität, die 2008 für Diskussionen gesorgt hatte. Spekulanten, so der Vorwurf, hätten einen großen Teil der Preisanstiege durch ihre immensen Liquiditätszuflüsse zu verantworten. Auch wenn dieser Vorwurf durch eine aktuelle Studie der OECD zumindest teilweise entkräftet wird, ist die US-amerikanische Regierung auf diesem Feld aktiv geworden. So bezieht die Ende Juni verabschiedete Finanzmarktreform zum einen Agrargüter in ihre Eigenhandelsdefinition mit ein.

Banken dürfen sich hier deshalb nur noch in beschränktem Maße engagieren. Zudem erhalten die Agrarmärkte eine separate Aufsichtsbehörde. Die Commodity Trading Futures Commission (CFTC) soll den Handel hier mit besonders scharfen Regeln beschränken. Sie hat bereits angekündigt, für Geschäfte zur Absicherung gegen Preisschwankungen (Swaps) deutlich größere Sicherheiten als bisher zu fordern.

Solche Initiativen fehlen hingegen dort, wo der negative Einfluss der Industriestaaten und ihrer mächtigen Konzerne vielleicht am deutlichsten zu spüren ist. Denn 2008 war einer der Auslöser der Knappheit, dass immer mehr landwirtschaftliche Flächen für die Produktion von Biosprit verwendet wurden. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die USA, größter Getreideexporteur der Welt, wollen mittelfristig 30 Prozent ihrer landwirtschaftlichen Flächen für Biosprit nutzen. Auch die EU hält daran fest, dem Benzin zehn Prozent Biosprit beizumischen. Da es ihr selbst an den Flächen dafür fehlt, importiert sie die Rohstoffe zum Beispiel aus Brasilien. Ein Extrembeispiel bildet Madagaskar. Fast 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen im ostafrikanischen Land sind für 99 Jahre an einen südkoreanischen Konzern verpachtet, der sie zur Treibstoffproduktion nutzt.

Sollten sich die Engpässe weiter verschärfen, gibt es also auch 2010 wieder eine ganze Reihe von Ländern, die es besonders hart treffen würde. Nur Deutschland, die USA und andere Industrienationen wird der Hunger sicher nicht treffen. Ob mit oder ohne Nahrungsmittelreserve.

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