Ernährung "Die Deutschen sind dann viel länger krank"

Je jünger, desto schlechter die Ernährung: Eine neue Studie zeichnet ein verheerendes Bild vom Gesundheitsbewusstsein der Deutschen. Die wirtschaftlichen Folgekosten sind horrend. Experten fürchten vor allem das Zusammenspiel von schlechter Gesundheit und hoher Lebenserwartung.
Übergewicht: Nur noch jeder Vierzehnte aus der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren wird als "rundum gesund" eingestuft.

Übergewicht: Nur noch jeder Vierzehnte aus der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren wird als "rundum gesund" eingestuft.

Foto: Kirsty Wigglesworth/ AP

Hamburg - Eine neue Studie der Deutschen Krankenversicherung (DKV) geht der Frage nach: "Wie gesund lebt Deutschland?" Die Ergebnisse sind alarmierend. Nur 14 Prozent der Deutschen sind "rundum gesund". Die größten Defizite liegen im Bereich der Ernährung und der Stressbewältigung.

"Es besteht dringend Handlungsbedarf", kommentiert Franz Benstetter, leitender Gesundheitsökonom in der Gesundheitssparte der Munich Re. Denn die Studie gibt nicht nur Aufschluss über das Wohlbefinden der Deutschen. "Die Gesundheitsausgaben werden überproportional steigen", warnt er. Allein durch Fettleibigkeit und die entsprechenden Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall, Erkrankungen von Muskeln und Gelenken entstehen nach seiner Schätzung jährliche Kosten von acht bis 20 Milliarden Euro.

Eine Kostenblock, der nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch ganz direkt die Unternehmen trifft: Darunter fallen auch indirekte Kosten wie Produktionsverluste durch Arbeitsausfall. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass in zehn Jahren ein Fünftel aller Gesundheitskosten weltweit durch Fettleibigkeit und Folgekosten verursacht werden.

Vor allem die Jungen strapazieren ihre Körper

Besonders besorgniserregend an den Studienergebnissen ist, dass der Lebensstil vor allem in den jungen Altersgruppen ungesund ist. So isst beispielsweise jeder Fünfte im Alter von 18 bis 30 Jahren weniger als dreimal pro Woche Obst und Gemüse. Aus dieser Altersgruppe werden von den Studienautoren nur 7 Prozent als rundum gesund eingestuft.

Aus Sicht einer Krankenversicherung liegen die Ausgaben für einen gesunden Menschen zwar niedriger. Seine höhere Lebenserwartung kann aber dazu führen, dass er später länger an Alterserscheinungen behandelt werden muss. Der Effekt unterm Strich lässt sich daher schwer beziffern, so eine Sprecherin der DKV.

Doch für eine Volkswirtschaft ist es in jedem Fall belastend, wenn der Anteil gesunder Bürger abnimmt. Erhöhte Ausgaben für Gesundheit und Heilung schwächen die Kaufkraft für andere Wirtschaftsbereiche. Die Ausgaben der Sozialsysteme steigen. Werden mehr Menschen berufsunfähig, fallen sie als Einzahler in die Sozialkassen aus. Das trifft die Krankheitsvorsorge, aber auch die Arbeitslosen- und Rentenversicherung.

Noch ist die Entwicklung in Deutschland nicht so extrem wie in den USA, wo in bestimmten Alters- und Sozialgruppen bereits durch Übergewicht die Lebenserwartung sinkt. Ohne geeignete Gegenmaßnahmen könnte das sogar die Prognosen zur demografischen Entwicklung in Deutschland beeinflussen.

Fettleibigkeit so schädlich wie Rauchen

Wie genau die Altersentwicklung dann verläuft, vermag freilich niemand seriös zu sagen. Ernährungswissenschaftler glauben, dass der Einfluss von Fettleibigkeit auf die Lebenserwartung etwa dem des Rauchens entspricht.

"Schwer abzusehen ist, inwieweit der medizinische Fortschritt eine solche Entwicklung kompensiert", erklärt Benstetter. Einiges deute auf folgendes Szenario hin: "Die Überalterung der Gesellschaft tritt allmählich ein, bei gleichzeitig schlechterem allgemeinem Gesundheitszustand. Im Ergebnis sind die Deutschen dann viel länger krank als heute."

Bei ihrer Studie hat die DKV über 2500 Menschen befragt und - anstelle eines Durchschnittswerts - gezählt, wie viele von den Befragten in den einzelnen Bereichen einen gewissen Mindeststandard erreichen. Dabei wird nichts Übermenschliches verlangt. Eine gute Stressbewertung bekommt auch, wer trotz hohen Drucks einige Möglichkeiten zur Entspannung nutzt; bei der Bewegung genügen 30 Minuten moderater Aktivität täglich. Nicht für sportliche Höchstleistungen, aber um den Grundbedürfnissen des eigenen Körpers gerecht zu werden.

Schon Kleinigkeiten helfen und sollten auch von den Unternehmen - im eigenen Interesse - unterstützt werden, findet Benstetter: "Es beginnt bei gesundem Kantinenessen, kann aber auch betriebliches Gesundheitsmanagement durch betriebsärztliche Begleitung und Präventionsprogramme beinhalten."

In diesem Punkt macht auch die Studie Mut. Der Umkehrschluss aus der Feststellung, dass nur 14 Prozent völlig gesund sind: "86 Prozent der Bevölkerung haben gute Möglichkeiten, ohne viel Aufwand gesünder zu leben."

Ernährung: Fettbomben für die Volkswirtschaft

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