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Top 5: Die größten Weizenexporteure der Welt

Foto: ? Eric Miller / Reuters/ REUTERS

Rohstoffpreise Die Inflationsspirale kommt in Gang

Nahrungsmittel, Energie, Metalle: Die Rohstoffpreise steigen und steigen. Die Hausse kann leicht zu höheren Inflationsraten führen - gerade in Deutschland.

Es ist gespenstisch: Die Szenerie weckt Erinnerungen an die Hunger-Hausse vom Frühjahr 2008. Die Rohstoffpreise verteuern sich dramatisch; der HWWI-Index (ohne Energie) hat in Euro gerechnet seine Höchststände vom Sommer 2008 übertroffen. Die Angst vor Hungerrevolten und politischem Aufruhr geht um.

Und wie im Sommer 2008 treibt die Explosion der Rohstoffpreise die Inflation. Damals stemmten sich einige Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank (EZB), gegen den Preisschub. Gestoppt wurde die Entwicklung schließlich durch die Lehman-Pleite im Herbst 2008 und die folgende Weltrezession.

Jetzt droht abermals ein globaler Inflationsschub, der bei den Rohstoffpreisen beginnt und dann in die übrige Wirtschaft überschwappt. Denn die fundamentalen Tendenzen, die bereits vor zwei Jahren Energie, Nahrungsmittel und Metalle verteuerten, wirken nach wie vor:

  • Die Schwellenländer erleben ein rasches und rohstoffintensives Wachstum. Ob Weizen, Kupfer oder Öl: China, Indien und Co. fragen inzwischen mehr dieser Produkte nach als der Westen. Die rasche Industrialisierung in den Schwellenländern treibt den Bedarf. Und viele hundert Millionen Menschen dort steuern einen westlich geprägten, rohstoffintensiven Mittelklasse-Lifestyle an.
  • Der Westen seinerseits fragt verstärkt Agrarprodukte nach, um unabhängiger vom Erdöl zu werden (siehe den Report im aktuellen manager magazin). Ackerfrüchte gewinnen außerdem an Bedeutung für die Energieversorgung ("Biodiesel") und als Rohstoffe für die Industrie.
  • Die Spekulation verstärkt die realen Knappheiten und sorgt für dramatische Preisausschläge. So reagieren dieser Tage die Weizenmärkte extrem volatil auf Nachrichten über die erntegefährdenden Brände in Russland.
  • Die Notenbanken lassen die Entwicklung laufen. Insbesondere die beiden führenden Geldbehörden der Welt, die amerikanische Fed und die EZB, waren schon in der letzten Rohstoffkrise um die Finanzstabilität besorgt - schon damals war der Geldmarkt zusammengebrochen, was sie von entschlossenem Gegensteuern abhielt. Durch die andauernde Finanz- und Schuldenkrise sind nun neue Prioritäten neben das Ziel Geldwertstabilität getreten. Die Notenbanken selbst haben eine globale Überschussliquidität geschaffen, die nun die Nährlösung für die dramatischen Preisentwicklungen auf den Rohstoffmärkten darstellt.

Es mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen, derzeit über Inflationsgefahren zu sprechen. Schließlich sind die Inflationsraten in Europa und Nordamerika niedrig. Außerdem schwächt sich die Konjunktur in den USA gerade abermals ab, die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, und auch in Euro-Staaten wie Irland bereiten eher deflationäre Entwicklungen Sorgen. Selbst teures Öl führt nicht per se zu Inflation, weshalb sich Notenbanken vor allem an der "Kerninflation" orientieren, die die Rohstoffpreise herausrechnet.

Zur Beruhigung besteht wenig Anlass

Und doch: Zur Beruhigung besteht wenig Anlass. "Selbstgefälligkeit wäre gefährlich", warnt Morgan-Stanley-Ökonom Manoj Pradhan die Notenbanker dieser Welt. Insbesondere in den Schwellenländern führen höhere Nahrungsmittelpreise unmittelbar zu anziehender Verbraucherpreisinflation - einfach weil ärmere Konsumenten relativ mehr für Essen ausgeben. In Indien liegt der Anteil der Nahrungsmittelpreise am Verbraucherpreisindex bei rund 50 Prozent, in Russland bei rund 40 Prozent, in China und Brasilien bei rund einem Drittel. In den reichen Ländern hingegen geben die Bürger im Schnitt deutlich unter 20 Prozent für Essen aus.

Mit anderen Worten: Teurere Nahrungsmittel sind für das Gros der Bürger der Schwellenländer unmittelbar spürbar. Wenn, wie in den vergangenen Monaten, die Lebensmittelpreise in Indien mit Jahresraten von 15 bis 20 Prozent oder in China mit Raten von mehr als 5 Prozent steigen, dann hat das Auswirkungen auf das gesamte Preisgefüge.

Damit aus dem Rohstoffimpuls eine inflationäre Eigendynamik werden kann, müssen allerdings auch die Löhne steigen. Eine Entwicklung, die sich ebenfalls längst abzeichnet. So sind in China - das Land des angeblich unendlichen Angebots an billigen Arbeitskräften - im vorigen Jahr die Einkommen der Wanderarbeiter um stolze 17 Prozent gestiegen. Für Aufsehen sorgte kürzlich ein Streik in einer chinesischen Honda-Fabrik, in dessen Folge die Entlohnung der Beschäftigten um fast die Hälfte stieg.

Schön, dass die Leute dort besser verdienen. Aber das Ausmaß der Lohnerhöhungen zeigt, wie groß das versteckte inflationäre Potenzial ist. Die "Zweitrunden-Effekte" der derzeitigen Rohstoffhausse sind nicht zu unterschätzen.

Die Bedingungen für eine Lohn-Preis-Spirale sind gegeben

Auch in Deutschland sind die Bedingungen für eine sich beschleunigende Lohn-Preis-Spirale gegeben: Der Aufschwung der Schwellenländer befeuert die hiesige Industrie; die Nachfrage nach Arbeitskräften zieht stark an. Parallel dazu wirkt sich die demografische Wende aus, die das Angebot an Arbeitskräften verknappt, wie die laufende Debatte über den Mangel an Fachkräften zeigt. Folge: steigende Löhne.

Die Volkswirte der Commerzbank rechnen damit, dass ab dem kommenden Jahr die Effektivverdienste in Deutschland deutlich anziehen werden. Der "Boden für einen stärkeren Lohnanstieg" sei "bereitet". Und das werde Auswirkungen auf die Entwicklung der Preise insgesamt haben: Die "Inflation schläft, aber der Wecker ist gestellt".

Für die Notenbanken gäbe also gute Gründe, den Ausstieg aus den Liquiditätsprogrammen ins Auge zu fassen. Zumindest gilt das für Länder wie China und Indien, aber auch für Deutschland.

Nur: Solange hochverschuldete Volkswirtschaften wie die USA, Großbritannien, Spanien und Griechenland in heikler Verfassung sind, werden die Notenbanken die globale Geldschwemme nicht eindämmen.

Die Rechnung - in Form höherer Inflationsraten - kommt später.