Die Wirtschaftsglosse Die Mutter aller Rücktritte

Die verweichlichten Politiker von heute können nicht einmal mehr anständig zurücktreten. Am Ende des Tages wollen wir Oskar Lafontaine wiederhaben, den unumstrittenen Großmeister des Rücktritts.

Spätestens seit jenem, mit Verlaub, erbärmlichen Auftritt von Ole von Beust am vergangenen Sonntag in Hamburg wünschen sich viele wohl Oskar Lafontaine zurück an die Macht. Nicht etwa weil Lafontaine der fähigere Politiker wäre, bewahre, nein. Aber bei dem Saarländer könnte man sich zumindest auf einen anständigen Rücktritt freuen.

Mal ehrlich, angesichts dieses jämmerlichen Schauspiels zurzeit, wer dächte da nicht mit Wehmut an jenen 11. März 1999 zurück, als Lafontaine hinschmiss. Als Finanzminister, als SPD-Vorsitzender und als Abgeordneter im Bundestag natürlich auch.

Ach was, hinschmiss - hat die Welt je einen grandioseren Abgang gesehen? Keine Gerüchte oder Ankündigungen vorab, keine Begründung, dafür aber eine Riesenlücke, die zurückblieb.

Keine Frage, Lafontaine hat sich damals unsterblich gemacht. Als Großmeister, i wo, als Godfather der Zurücktreter. Sein Abgang, das war, sagen wir es, wie es ist, schlicht und ergreifend: die Mutter aller Rücktritte.

Und was wird uns dagegen in diesem Sommer geboten? Ein Koch. Ein Köhler. Und, ach, ein Beust. Teils Monate im Voraus verkünden sie, was ihnen offenbar wie des Heilands Himmelfahrt erscheint. Selbstverliebt und weitschweifig breiten sie ihre Beweggründe aus.

Will so was eigentlich irgendjemand wissen? Und hätte ein Lafontaine das jemals nötig gehabt? Nie und nimmer!

Vergangenen Sonntag zum Beispiel, in Hamburg. "Alles hat seine Zeit", tat der scheidende Bürgermeister sybillinisch kund. Hat dem Beust denn niemand gesagt, dass er sich für eine Zeit von vier Jahren hat wählen lassen, und nicht für zwei? Und überhaupt: Was hatte von Beust denn Neues bekannt zu geben? Seit Tagen standen die Zeitungen voll von seiner Rücktrittsabsicht. Selbst der Prietzlhuber Sepp vom Strandbad Wartaweil am Ammersee wusste schon bescheid.

Und dann Horst Köhler! Der kann einem ja schon fast leidtun. Was war denn das bitte für ein bejammernswerter Auftritt, beim Rücktritt, in Bellevue? Dieser hilflose Schuljungenblick, mit feuchten Augen, die Hand, suchend, nach der Mama … Pardon, Gattin. Einfach kläglich. Und undenkbar für einen Lafontaine.

Roland Koch, immerhin, zeigte Haltung. Auch das Überraschungsmoment stimmte, einigermaßen jedenfalls (erst wenige Stunden vor dem Termin sickerte sein Plan an die Journaille durch). Der Hesse hat, einziger Makel, offenbar aber ein wichtiges Detail übersehen: Zurücktreten kann ein Politiker immer nur, bevor er abgewählt wird. Nicht danach.

Nein, nein, das Rezept für einen gelungenen, einen wirklich bravourösen Abgang sieht anders aus: Der Rücktritt kommt aus dem Nichts und hinterlässt nichts. Außer vielleicht Ratlosigkeit. Dazu ein weithin unbekanntes Statement des großen Lafontaine: "Ich habe mich vorher nicht einmal selber informiert, um die Überraschung nicht zu gefährden. Auch die wahren Gründe für meinen Entschluss halte ich bis heute geheim. Auch vor mir selbst."

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