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Banken, Unternehmen, Privatpersonen, Staaten: Die wahren Schuldenberge

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Deflationsgefahr Die Wagenburg der EZB

Selbst im Aufschwung sinken die Inflationsraten. Das verschärft das Schuldenproblem und könnte Europas Wirtschaft eine Dauerkrise wie in Japan bringen. Doch die Frankfurter Geldhüter sorgen sich mehr um ihre Glaubwürdigkeit - und suchen sich äußere Feinde.

Hamburg - Lasst sie doch reden. Jean-Claude Trichet ist stolz darauf, den Rat der Ökonomen immer wieder zu überhören. "Unser Kompass hat nur eine Nadel, und das ist Preisstabilität", sagt der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Früher habe sich die EZB dagegen verwahrt, ihr Inflationsziel zu senken. Jetzt weigere sie sich, es anzuheben. Immer gegen den Mainstream der Volkswirte.

Die EZB sei die erfolgreichste Zentralbank, betont Trichet. Seit Bestehen des Euro hätten die Geldhüter für eine durchschnittliche Inflationsrate von 1,98 Prozent gesorgt. "Unter 2 Prozent, nahe 2 Prozent", so heißt ihr Ziel. Doch seit Ende 2008 verfehlt die EZB ihr Ziel - nach unten. Zwar stiegen die gesamten Verbraucherpreise zuletzt um immerhin 1,4 Prozent, doch die um schwankende Rohstoffkurse bereinigte Kerninflationsrate zeigt mit 0,8 Prozent einen Negativrekord, Tendenz fallend. Spanien steht an der Schwelle zur Deflation. Irland, das früher auf Schuldenabbau umschwenkte, ist schon weit darüber hinaus.

Vor einem verlorenen Jahrzehnt wie in Japan warnt der Geldpolitikexperte John Makin vom American Enterprise Institute, das der US-Industrie nahesteht. "Noch in diesem Jahr wird die anhaltende Überkapazität wahrscheinlich zu fallenden Preisen in Amerika und Europa führen", meint Makin. Das verlängere die Krise, weil die Last der bestehenden Schulden steigt und Gewinnmargen schrumpfen. Private Haushalte, Unternehmen und Banken wollen ihr Geld dann lieber horten, als es auszugeben.

"Die akute Phase der Finanzkrise ist vorbei, der folgende chronische Trend zur Deflation aber nicht", so Makin. "Es wird wohl Zeit für die Zentralbanken, besonders die EZB, das zu beachten." Wohin Untätigkeit führe, könne man in Japan beobachten. In laufenden Preisen gemessen, ist die japanische Wirtschaftsleistung seit 1993 nicht gestiegen. Daher ist die Schuldenlast seitdem auch nicht gesunken. Wenn die Preise einmal fallen, warnt Makin, wird Bargeld im Gegensatz zur Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen immer attraktiver.

Geldmenge kollabiert, EZB schaut nicht hin

Allerdings haben die Zentralbanken zu beiden Seiten des Atlantiks seit Beginn der Finanzkrise enorme Summen in die Wirtschaft gepumpt, die Geldbasis so verdoppelt bis verdreifacht. Etliche Kritiker sehen daher eher ein Risiko der Inflation als der Deflation. Doch laut Makin reichte das nicht annähernd, um die steigende Geldnachfrage zu befriedigen.

"Wenn Sie die Geldmengen sehen und die Sparpolitik der Staaten, ist Deflation die unmittelbare Gefahr", meint auch Charles Goodhart, die graue Eminenz der Geldtheorie aus London. Als Inflationstreiber komme nicht die direkt von der Zentralbank gesteuerte Geldbasis infrage, sondern die breitere Geldmenge M3, worin auch Spareinlagen und Geldmarktfonds enthalten sind. Und M3 sei bisher kollabiert, nicht gewachsen. "Das ist der Elefant im Raum", macht sich Goodhart über die EZB lustig. "Sie haben ein Geldmengenziel, etwas Enormes und Augenfälliges passiert damit, und sie ignorieren es."

Goodhart empfiehlt, stärker in die einzelnen Finanzmärkte einzugreifen, statt zu hoffen, dass niedrige Zinssätze die Wirtschaft beleben. Den Kauf von Staatsanleihen begrüßt er ausdrücklich. Die US-Zentralbank Federal Reserve diskutiert bereits neue Programme zum Ankauf von Wertpapieren für den Fall, dass der Aufschwung weiter stockt. "Wir haben eine Reihe von Instrumenten, und wir sollten keines ausschließen", so Eric Rosengren, regionaler Fed-Chef in Boston.

Die Antwort: Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Amerika-Bashing

Die Frankfurter Euro-Wächter sehen das ganz anders. "Deflation ist kein Thema für die Euro-Zone als Ganzes", wiegelt EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark ab. Auch die Geldmenge M3 werde nach Ansicht der EZB in den kommenden Monaten wieder wachsen. Von einer Wende möge er zwar noch nicht sprechen, aber teils positive Kreditzuflüsse an die privaten Haushalte seien ein "positives Zeichen".

Besonders stolz ist Stark darauf, dass die EZB den Banken in der Euro-Zone in der vergangenen Woche mehr als 250 Milliarden Euro an Liquidität entziehen konnte, "ohne Marktzerrüttung", wie der Euro-Banker betont. "Die Banken brauchen die zusätzliche Liquidität nicht in dem Maß, wie sie gewährt wurde", folgert er daraus.

Wenn es dem Finanzsektor gut geht, so die Hoffnung, kann die Zentralbank endlich ihre Krisenhilfe zurückziehen und sich wieder voll dem Kampf gegen die Inflation widmen. Das sei "ein wichtiges Zeichen des Vertrauens", sagt Stark.

Vertrauen, Glaubwürdigkeit, das ist die Währung der EZB. Trichet betont, dass die Zentralbank ihre "Glaubwürdigkeit" mit dem Ziel der Preisstabilität erhalte, weil sie das Geld sofort wieder eintreibe, das sie für Staatsanleihen ausgibt. Der zeitgleiche öffentliche Sparkurs werde auch nicht die Wirtschaft abwürgen, sondern im Gegenteil "Vertrauen fördern und letztlich Wohlstand schaffen". Die Inflationserwartungen in der Euro-Zone seien "ganz besonders gut verankert". Im Unterschied zu Amerika, soll das wohl heißen.

In die gleiche Kerbe haut auch Stark. Europas Politiker hätten die Euro-Krise als "Weckruf" verstanden, sagt er. "Der Schlüssel zu zukünftigem Wachstum" gar seien Schuldenabbau und Strukturreformen zusammen. "Ich sehe diese Selbstverpflichtung in anderen führenden Volkswirtschaften nicht."

Die EZB schließt die Reihen. Der interne Streit um das Verhalten in der Euro-Krise scheint beendet, jetzt wehren die Frankfurter Geldpolitiker gemeinsam Kritik von außen, vorzugsweise von angelsächsischen Ökonomen, ab. Nun müssen sie nur hoffen, dass sie mit ihrer Prognose recht behalten und sich die Deflationswolken von selbst verziehen.

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