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Jubel, Trubel, Nüchternheit: Wie die D-Mark in die DDR kam

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Deutsche Währungsunion Das D-Mark-Desaster

Vor 20 Jahren bekamen die DDR-Bürger die D-Mark - eins zu eins. Das beschleunigte die Wiedervereinigung, doch beide Seiten zahlten mit Massenarbeitslosigkeit und Billionentransfers einen hohen Preis. Die wirtschaftliche Einheit Deutschlands krankt am gleichen Problem wie der Euro.

Hamburg - Die D-Mark? In der DDR? "Kommt überhaupt nicht infrage, ausgeschlossen!" Karl Otto Pöhl reagierte so spontan wie überzeugt, als ihm Reporter am 6. Februar 1990 diese Frage stellten. Der Bundesbankpräsident kam gerade von einem Treffen mit seinem Ostberliner Kollegen Horst Kaminsky aus dem Gebäude der Staatsbank der DDR. Pöhl warnte davor, "die Wiedervereinigung mit der Notenpresse zu finanzieren".

Da wusste er noch nicht, dass in Bonn die Entscheidung für ein genau solches Angebot bereits gefallen war. Der oberste Hüter des westdeutschen Geldes war überrumpelt, von Bundeskanzler Helmut Kohl, Finanzminister Theo Waigel und dessen Staatssekretär Horst Köhler - nach Vorarbeit seines SPD-Parteifreunds Thilo Sarrazin, damals Referatsleiter im Bundesfinanzministerium, heute ausgerechnet Vorstandsmitglied der Bundesbank.

Pöhl fügte sich schließlich, trat aber 1991 zurück - zuvor hatte ihn Kohl gerügt, weil "Mr. D-Mark" das Ergebnis der Union als "Desaster" bezeichnet hatte. Damals lief noch der Wiedervereinigungsboom, ein Konsumrausch im Osten füllte die Auftragsbücher der Westindustrie. Zugleich stieg die Inflation, die Bundesbank erhöhte die Zinsen bis auf 9 Prozent und mühte sich, Kaufkraft abzuschöpfen - was anschließend zu einer umso tieferen Rezession führte.

Aus heutiger Sicht fällt die Bilanz noch schlechter aus. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der damals für die DDR an den Verhandlungen beteiligt war, sieht die Währungsunion nun als fehlerhaft an. "Wir waren Getriebene", bekannte er jüngst dem SPIEGEL. Als "Entscheidung für die Konsumenten" wertet es Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle - und Entscheidung gegen deren Arbeitsplätze. Von "ökonomischem Schwachsinn" spricht Lars-Henrik Röller, der als Präsident der Berliner European School of Management and Technology im früheren Staatsratsgebäude der DDR sitzt.

Das gleiche Problem wie in der Euro-Krise

Mit dem 1. Juli 1990 stand die ostdeutsche Wirtschaft plötzlich in direktem Wettbewerb zur West-Konkurrenz, musste ihre laufenden Ausgaben in D-Mark decken, die sie mit ihrer geringeren Produktivität nicht erwirtschaften konnte. Wer bis dahin nicht zahlungsfähig war, wurde es jetzt.

Es war in extremer Form das gleiche Problem wie heute in der Euro-Krise: Die festgelegten Umtauschkurse (eine Ost- zu einer Westmark für laufende Zahlungen wie Löhne und Teile der Sparguthaben, zwei zu eins für die meisten Vermögen und Schulden) passten nicht zur unterschiedlichen Wirtschaftskraft und ließen keine Luft für eine externe Anpassung. Die importierte Kaufkraft konnte das Problem nur vorübergehend verdecken.

Konsumrausch mit Massenpleite bezahlt

Die DDR-Bürger bezahlten einen kurzfristigen Konsumrausch mit der Massenpleite ihrer Betriebe und damit dem dauerhaften Verlust eines Großteils ihrer Einkommensbasis. Nur dank Hilfe von außen ist der Lebensstandard, immer noch deutlich unter Westniveau, zu halten.

Pöhl und seine Bundesbanker waren nicht die einzigen Kritiker. "Watte" sei die Rede von der Währungsunion, warnten die fünf Wirtschaftsweisen. "Dahinter verbirgt sich auf Jahre hinaus ein zweistelliger Milliardentransfer." Tatsächlich rechnete im Bonner Finanzministerium ein Thilo Sarrazin bereits mit dreistelligen Milliardenbeträgen - die dann auch flossen, und zwar bis heute. Der westdeutschen Wirtschaft wurden so bislang nach verschiedenen Schätzungen 1,3 bis 1,6 Billionen Euro entzogen.

"Es gab keine seriöse Alternative", erklärt Sarrazin nun im Interview mit dem manager magazin. Eine Verzögerung der Währungsunion hätte zu einer fortgesetzten Massenflucht in den Westen geführt, und ein für die Ostwirtschaft tragfähiger Umtauschkurs die DDR-Bürger schlechter gestellt als zuvor.

DDR-Staatsbanker Most: "Man hätte manche Betriebe retten können"

Anders sieht das Edgar Most, der damals Kaminskys Stellvertreter an der Staatsbankspitze war und später in der Deutschen Bank Karriere machte - als einer von wenigen Ostmanagern. "Es gab schon Alternativen, aber die wurden nicht zu Ende diskutiert", klagt er gegenüber manager magazin. "Hätten wir doch nur mehr Zeit gehabt!"

Tatsächlich hatte Wirtschaftsminister Helmut Haussmann von der FDP noch kurz vor Pöhls Düpierung einen Stufenplan vorgelegt, der über eine Sanierung der Ost-Betriebe in zehn Jahren zur Währungsunion führen sollte. Von einer "Sonderwirtschaftszone Ost" war die Rede. Später noch warb die SPD unter Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine für eine vorübergehende Zwei-Staaten-Lösung und sanftere Anpassung, wurde dafür aber mit 33,5 Prozent der Stimmen zum Bundestag abgestraft.

Most: "Die D-Mark kam, und die Leute sind trotzdem gegangen"

Die Akteure in Bonn und Frankfurt konnten damals von den Plakaten der Montagsdemonstrationen ablesen, was das Volk im Osten erwartete. "Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr", hieß es da. Und als die Bundesbank einen Umtauschkurs von zwei zu eins ins Spiel brachte: "Eins zu eins, sonst werden wir niemals eins."

"Die D-Mark kam, und die Leute sind trotzdem gegangen, weil sie hier keine Perspektive sahen", wendet Most ein. Der Umtauschkurs für die Bevölkerung sei in Ordnung, aber die Besonderheiten der DDR-Wirtschaft seien gar nicht berücksichtigt worden. Die habe beispielsweise mit mehreren verschiedenen Währungen operiert - neben der DDR-Mark mit dem konvertiblen Rubel für den Ost-Handel, speziellen deutsch-deutschen Verrechnungskursen und wieder anderen für das übrige kapitalistische Ausland.

Noch 20 weitere Jahre Transferökonomie?

"Das allgemeine Umtauschverhältnis von zwei zu eins für alle Unternehmen anzuwenden war falsch", sagt der Banker, der die deutsch-deutschen Geldverhältnisse wohl kennt wie kein Zweiter. "Echte Wertbetrachtungen waren so gar nicht möglich."

Auch deshalb sei die Privatisierung der DDR-Betriebe fehlgeschlagen. Denn die Treuhandgesellschaft habe zu Anfang 1,2 Billionen Mark Vermögenswerte erfasst, weil der Umtauschkurs die Bilanzen aufblähte. Zudem wurde die interne Verschuldung, "das größte Problem der DDR", nicht entschärft. Statt gewünschter 600 Milliarden Verkaufserlös stand am Schluss ein Minus von 200 Milliarden. Mit ihren DM-Bilanzen waren fast alle Unternehmen überschuldet.

"Man hätte manche Betriebe retten können", glaubt Most. Viele Einwände nennt er selbst: Sicher seien viele nicht wettbewerbsfähig gewesen. Sicher hätten die Ostdeutschen mit ihrer anfänglichen Vorliebe für Westprodukte den Niedergang beschleunigt. Sicher wäre der osteuropäische Absatzmarkt sowieso weggebrochen. Sicher habe die ungeklärte Eigentumsfrage vielerorts eine Sanierung erschwert. Doch "zumindest hätte es eine andere DM-Eröffnungsbilanz gegeben und andere Privatisierungsmöglichkeiten", beharrt Most.

Es gebe ja heute viele Betriebe im Osten, die gute Produkte herstellen und auf dem Markt bestehen können. Davon sei aber nur ein kleiner Bruchteil in ostdeutscher Hand. "Die Wertschöpfung bleibt nicht im Osten, deswegen sind wir abhängig von Transfers", sagt Most.

Und wann entkommt die ostdeutsche Wirtschaft dieser Abhängigkeit endlich? Thilo Sarrazin, Architekt der Währungsunion auf westdeutscher Seite, ist optimistisch: Die Unterteilung in Ost und West habe sich bald "historisch überholt". Edgar Most, Mitgestalter auf ostdeutscher Seite, winkt ab: "Ich sehe das nicht, die nächsten zwanzig Jahre nicht." Dann hätte die ostdeutsche Transferökonomie ein genauso langes Leben wie die DDR.

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