Fotostrecke

Jubel, Trubel, Nüchternheit: Wie die D-Mark in die DDR kam

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Thilo Sarrazin Billionentransfers waren einkalkuliert

Als Referatsleiter im Finanzministerium hat Thilo Sarrazin 1990 die deutsch-deutsche Währungsunion in vier Tagen ausgearbeitet. Im Gespräch mit manager magazin erklärt der Bundesbank-Vorstand, warum die Währungshüter damals nicht viel zu sagen hatten - und die Bundesrepublik in der Euro-Krise nicht wieder so generös sein darf.

mm: Herr Sarrazin, Sie haben die Eckpunkte der deutsch-deutschen Wirtschafts- und Währungsunion 1990 in einem 14-seitigen Vermerk formuliert. Als die DDR dann am 1. Juli die D-Mark einführte, brach die Wirtschaft zusammen. Trotz Billionentransfers erholt sie sich bis heute nur langsam. War Ihnen klar, was Ihr Papier auslösen würde?

Sarrazin: Das Papier enthielt die Prognose, dass die Währungsumstellung zu einer Freisetzung von 35 bis 40 Prozent der Industriebeschäftigten führen würde. Die sich daraus ergebende Arbeitslosigkeit in der DDR hatte ich auf 1,4 Millionen Menschen geschätzt. Im März 1990 hatte ich berechnet, dass eine schnelle Modernisierung der Kapitalstocks der DDR Richtung westdeutsches Niveau einen jährlichen Kapitalimport in dreistelliger Milliardenhöhe erfordern würde.

mm: Und trotzdem haben Sie die Währungsunion mit den umstrittenen Wechselkursen vorbereitet?

Sarrazin: Zu einer Umstellung der laufenden Zahlungen im Verhältnis eins zu eins gab es damals aus meiner Sicht keine vernünftige Alternative, und dieser Ansicht bin ich noch heute. Als zuständiger Fachbeamter war es mein Ehrgeiz und meine Pflicht, auch Kosten und Risiken aufzuzeigen. Aber ich stand zu 100 Prozent hinter dem Kurs des Hauses und der Bundesregierung, die Währungsunion anzubieten.

mm: Ihre Kostenschätzung war ein politischer Sprengsatz. Wie haben Ihre Vorgesetzten, Staatssekretär Horst Köhler und Finanzminister Theo Waigel, reagiert?

Sarrazin: Alle Berechnungen waren selbstverständlich vertraulich, sie beruhten auf gewagten Annahmen, und sie enthielten große Unsicherheiten.

"Eine seriöse Alternative war ja nicht zu erkennen"

mm: Hat die Bundesregierung die Bürger getäuscht?

Sarrazin: Nein, natürlich nicht. Jeder wusste, dass wir ein Wagnis eingingen. Im Frühjahr 1990 ging es darum, die Wirtschafts- und Währungsunion unwiderruflich auf den Weg zu bringen als Vorstufe zur deutschen Einheit. Sie musste zu einem Erfolg werden. Auch ich hätte den Prozess mit größter Dynamik vorangetrieben, wenn ich politisch verantwortlich gewesen wäre. Eine seriöse Alternative war ja auch nicht zu erkennen - außer man peilte eine Lösung mit zwei deutschen Staaten an, wie der spätere SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine es wollte.

mm: Der kritisierte die Währungsunion scharf und forderte einen schrittweisen Übergang - wie auch viele Wirtschaftsexperten und die Bundesbank. Sind Sie nicht sonst immer für wirtschaftliche Vernunft, auch wenn sie unbeliebt ist?

Sarrazin: Ohne D-Mark in der DDR wäre die beispiellose Massenflucht nur mit einer neuen innerdeutschen Grenze einzudämmen gewesen. Wir mussten den Ostdeutschen vor Ort eine vernünftige Perspektive vermitteln. Die Lage in anderen Ostblockländern war völlig anders: Die Polen wollten in Polen leben, die Tschechen wollten in der Tschechoslowakei leben, die Ungarn in Ungarn, aber die DDR-Bürger wollten in Deutschland leben.

mm: War das Vorgehen der Bundesregierung aus Ihrer Sicht also alternativlos?

Sarrazin: Es wäre arrogant, zu sagen, man hätte in diesen wenigen Wochen gar nichts anders machen können. Aber zu den wesentlichen Dingen, die wir getan haben, sehe ich keine Alternative: Erstens die Einführung der D-Mark im Tausch gegen einen marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmen in der DDR. Denn das war gleichbedeutend mit der Entmachtung und Umschichtung der alten Strukturen. Zweitens den Umtauschkurs für laufende Zahlungen von eins zu eins.

"Ein Umtauschkurs von zwei zu eins hätte den Lebensstandard halbiert"

mm: Warum wäre ein anderer Umtauschkurs nicht angebracht gewesen?

Sarrazin: Die Binnenkaufkraft der DDR-Mark war in etwa so hoch wie die Binnenkaufkraft der Westmark. Zwar kostete ein Wartburg 30.000 und ein Farbfernseher 5000 Ostmark, aber das repräsentierte ja nicht den gesamten Warenkorb. Dazu gehörten Lebensmittel, Energie, Mieten und soziale Dienstleistungen. Und so gesehen, konnten Sie für die DDR-Mark in der DDR genauso viel kaufen wie mit der D-Mark in der Bundesrepublik.

mm: Die Waren und Dienstleistungen waren aber stark subventioniert.

Sarrazin: Wie auch immer, aber so stellte es sich für den Verbraucher dar. Wenn man einen Umtauschkurs von zwei zu eins angewandt hätte, hätte sich der Lebensstandard im Osten mit einem Schlag halbiert. Das ging nicht.

mm: Dennoch berücksichtigte die Rechnung offenbar nicht, wie sehr die DDR-Wirtschaft darniederlag. Wie vertraut waren Sie mit ihrem Zustand?

Sarrazin: Es gab in der Bundesrepublik ja eine etablierte DDR-Forschung, deren Erkenntnisse hatte ich studiert. Es gab Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, nach denen die Arbeitsproduktivität in der DDR-Wirtschaft bei 45 bis 60 Prozent des westdeutschen Niveaus lag. Auch das Statistische Jahrbuch der DDR enthielt nützliche Informationen. Dessen letzte, im Sommer 1990 erschienene Ausgabe, hatte zum Beispiel richtige Angaben zu Geldumlauf, Sparguthaben und Ähnlichem.

Was vorhanden war, hatte ich in den Monaten bis zur Entscheidung im Januar ausgewertet und auch benutzt. Dennoch war mir klar: Wenn wir zu einem Stichtag die D-Mark für alle Unternehmen einführen, wird das ein Sprung ins kalte Wasser.

"Die DDR musste 40 Jahre Strukturwandel nachholen"

mm: Haben Sie den Zustand beispielsweise der DDR-Industrie einmal in Augenschein nehmen können?

Sarrazin: Ich konnte in diesen Monaten nicht nach drüben reisen, aber ich kannte den Zustand zahlreicher DDR-Produkte, von Kameras bis hin zu Radios, Fernsehern, Rechengeräten, Autos und vielem mehr. Mir war klar, dass die Produkte im technischen Kern solide waren. Es waren Produkte einer deutschen Industriegesellschaft, aber sie waren gemessen an den Standards der Weltmärkte etwa 20 Jahre zurück und auch im Design sozialistisch und nicht marktwirtschaftlich.

Insofern war es klar, dass die Produktpalette in großen Teilen nicht überlebensfähig war. Und klar war auch, dass die DDR 40 Jahre des Strukturwandels verpasst hatte und diesen würde nachholen müssen.

mm: Angesichts dieses maroden Zustands der DDR-Wirtschaft konnte es ja der Bundesbank - Ihrem heutigen Arbeitgeber - nicht gefallen, die D-Mark auf den Osten auszudehnen. Wie haben die reagiert?

Sarrazin: Letztlich war die Frage, wie der Währungsraum abgegrenzt wird, eine politische Entscheidung. Bei deren Vorbereitung war die Bundesbank gar nicht beteiligt. Damit wäre sie politisch auch überfordert gewesen, weil das nicht ihre Rolle war.

"Das hatte Bundesbankpräsident Pöhl offenbar nicht richtig verstanden"

mm: Haben Sie den damaligen Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl mit Ihrem Papier überrumpelt?

Sarrazin: Meinen Vermerk habe ich am 29. Januar fertiggestellt und meinem Staatssekretär Horst Köhler (dem späteren Bundespräsidenten, d. Red.) übergeben. Der gab ihn dann weiter an Finanzminister Theo Waigel. Dann fiel die interne politische Entscheidung zwischen dem Bundeskanzler und dem Finanzminister einen Tag später. Davon wurde ich informiert, und dann hat man überlegt, wie die Regierung die Bundesbank einbezieht. Daraufhin wurde ein Vieraugengespräch zwischen Waigel und Pöhl für die darauffolgende Woche vereinbart.

Am Abend des 6. Februar sah ich abends einen sehr überraschten Pöhl im Fernsehen. Zuvor hatte Kohl nachmittags das Angebot zur Währungsunion in der CDU/CSU-Fraktion öffentlich gemacht. Pöhl war gerade auf Besuch bei dem Staatsbankpräsidenten Horst Kaminski in Ostberlin. Offenbar hatte er nichts gehört von dem, was in Bonn gelaufen war. Damals gab es ja noch keine so guten Nachrichtenverbindungen wie heute. Wahrscheinlich hatte die Information aber auch nicht so geklappt am Tag vorher im Gespräch mit Waigel.

Viele Jahre später hat mir mein alter Chef Waigel den damaligen Ablauf erläutert und sagte, er habe Pöhl über das Kommende aufgeklärt, aber sehr höflich und vorsichtig. Er habe gesagt: "Also Herr Pöhl, Sie müssen wissen, wenn das so weitergeht, kann eine Situation kommen, wo die Bundesregierung sagen muss: 'Cobra, übernehmen Sie'." Das hatte Pöhl offenbar nicht richtig verstanden, und so gab es ein Missverständnis, was Pöhl verständlicherweise sehr kränkte.

mm: Das Missverständnis kam den politischen Handlungsträgern nicht eben ungelegen.

"Bundesbankvizepräsident Schlesinger war recht ungehalten"

Sarrazin: Ich will mich aus weiteren Interpretationen völlig heraushalten. Die Vorbereitung der politischen Entscheidung erfolgte rein hausintern im Finanzministerium. Den ersten Kontakt mit der Bundesbank hatte ich in dieser ereignisreichen Woche, als am Donnerstag Vizepräsident Helmut Schlesinger und Direktoriumsmitglied Hans Tietmeyer bei Horst Köhler zu Besuch waren. Da hatte Schlesinger meinen Vermerk und war recht ungehalten, sowohl inhaltlich als auch zum Verfahren. Tietmeyer schwieg.

mm: Waigel und Kohl waren ja sehr mutig. Nur zwei Jahre nach diesen ereignisreichen Monaten vereinbarten sie in Maastricht schon die nächste Währungsunion. Und heute haben wir die Euro-Krise, die wiederum zeigt, dass starre Wechselkurse nicht immer den unterschiedlichen Produktivitäten gerecht werden. Hätte man bis dahin Lehren ziehen können?

Sarrazin: Die Europäische Währungsunion unterliegt anderen Bedingungen. Sie darf ja nach dem Willen aller politisch Beteiligten keine Transferunion sein, sondern jedes Land soll seine eigene Steuer- und Abgabenpolitik machen, mit seinen Haushalten also vernünftig wirtschaften. Natürlich bauen sich in einer Währungsunion Spannungen auf, wenn die Kosten- und Produktivitätsentwicklung in den einzelnen Bereichen sehr unterschiedlich verläuft.

mm: Kann man nicht doch eine Analogie ziehen zwischen beispielsweise Griechenland heute und der DDR damals, und zwar insofern, dass auf lange Sicht doch Transfers nötig werden, um die Einheit Europas zu wahren?

Sarrazin: Wissen Sie, Europa war schon in der Antike eine kulturelle Einheit mit wirtschaftlich intensiven Beziehungen. Und da gab es auch einen einheitlichen Währungsraum im Römischen Reich. Ich glaube aber nicht, dass damals große Transfers flossen von Rom Richtung Athen. Man muss mit solchen Analogien immer vorsichtig sein. Jedenfalls ist eine Währungsunion ohne einen starken Zentralstaat schon eine anspruchsvolle Angelegenheit.

"Wer nicht mehr ausgibt als er hat, hat auch keine Solvenzprobleme"

mm: Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, damit die Union nicht auseinanderfliegt?

Sarrazin: Die inneren Spannungen sind keine geldpolitische Frage, sondern eine Frage, wie die einzelnen Mitgliedsländer mit den Zwängen umgehen, die das Korsett einer einheitlichen Währung eben beinhaltet.

mm: Also ist die Krise ein reines Disziplinproblem?

Sarrazin: Die Griechen haben in den letzten Jahren ein enormes Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit aufgebaut. Als das größere Problem sehe ich das griechische Leistungsbilanzdefizit an. Ein Haushaltsdefizit kriegt man, wenn man will, immer noch eher in den Griff. Aber um dem Leistungsbilanzdefizit zu begegnen, muss man entweder Importe stark drosseln oder Exporte stark steigern.

Das geht wohl nur, indem man auch faktisch versucht, das binnenwirtschaftliche Kostenniveau, welches es jetzt in Griechenland gibt, gegenüber dem beispielsweise in Deutschland wieder stark zu reduzieren. Es ist letztlich wie im Privatleben: Wenn man nicht mehr verbraucht, als man produziert oder nicht mehr ausgibt, als man hat, dann hat man - unabhängig vom Niveau der Leistungsfähigkeit - keine Liquiditäts- und Solvenzprobleme.

mm: Das Argument hätte man damals auch auf die DDR anwenden können und zu mehr Maßhalten auffordern.

"Eine neue binnendeutsche Arbeitsteilung bricht sich Bahn"

Sarrazin: Die DDR war historisch ein Teil Deutschlands. Die Menschen in der DDR fühlten sich zuerst als Deutsche und dann als DDR-Bürger, und die DDR grenzte unmittelbar an die Bundesrepublik. Beide deutschen Staaten entstammten einer tausendjährigen gemeinsamen Staatlichkeit. Das kann man nicht vergleichen mit dem Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland.

mm: Ist die europäische Solidarität heute weniger wichtig als die deutsch-deutsche damals?

Sarrazin: Wenn ein reiches Westdeutschland mit 62 Millionen Einwohnern im Rahmen des Projekts deutsche Einheit eine heruntergewirtschaftete DDR mit 17 Millionen Einwohnern in das eigene Staatsgebiet aufnimmt, ist das ein anderes Thema als die Frage, was für Leistungen ein alterndes Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern für einen Wirtschaftsraum von 450 Millionen erbringen kann.

Angenommen, wir wären 1989 ein Land mit 17 Millionen Bürgern gewesen und die DDR eines mit 60 Millionen, dann ist es ganz klar, diese Art von Deutscher Einheit hätte nicht stattfinden können. Das konnten wir uns nur leisten, weil auf einen DDR-Bürger vier Bundesbürger kamen und nicht umgekehrt.

mm: Heute, 20 Jahre nach der Währungsunion, zählt der Osten erstmals seit 1991 wieder weniger als eine Million Arbeitslose. Blühen da bald die Landschaften?

Sarrazin: Die Infrastruktur im Osten hat im Wesentlichen auf westdeutsches Niveau aufgeschlossen, das ist ja schon mal sehr viel. Der industrielle Kern in Ostdeutschland ist kleiner als in Westdeutschland, er ist aber gesund und modern und er wächst sogar ein bisschen schneller. Zudem hat sich das Verhältnis von Transfers, von Güterproduktion, von Dienstleistungsexport sehr gut eingependelt.

In Mecklenburg gibt es jetzt mehr Touristen als in Bayern. Da sieht man, dass sich eine neue binnendeutsche Arbeitsteilung Bahn bricht. Die demografische Entwicklung führt dazu, dass der Arbeitskräftemangel bei jüngeren Leuten teils schon ausgeprägter ist als im Westen. Ich glaube, dass sich die Fragestellung, Deutschland nach Ost und West zu sortieren, allmählich historisch überholt hat.

Mehr lesen über