Henrik Müller

Sanierungsplan für Deutschland Was Manager jetzt tun würden

Nach der Blamage der Wahl des Bundespräsidenten droht der Koalition eine Lähmung aus Misstrauen. Das ist schlecht für die deutsche Wirtschaft: Denn eigentlich müsste das Berliner Führungspersonal jetzt mit Hochdruck an die Sanierung des Landes gehen - und neue Wege beschreiten.
Gemeinsame Regierungsmitglieder: FDP-Chef Westerwelle und CDU-Kanzlerin Merkel erscheinen nicht als Team

Gemeinsame Regierungsmitglieder: FDP-Chef Westerwelle und CDU-Kanzlerin Merkel erscheinen nicht als Team

Foto: Berthold Stadler/ APN

Hamburg - Sicher, die Wahl des Bundespräsidenten ist geheim. Natürlich, zur Wahl stehen Personen, keine Koalitionen. Aber was die schwarz-gelben Wahlleute gestern vorführten, war nichts weniger als ein kollektives Misstrauensvotum. Vertrauensvolle Zusammenarbeit einer eigentlich mit komfortablen Mehrheit regierenden Koalition sieht jedenfalls anders aus.

In ökonomisch höchst anspruchsvoller Zeit steht Deutschland nun mit einer angeschlagenen Regierung da. Das ist dramatisch. Denn eigentlich müsste diese Regierung jetzt endlich entschlossen zupacken. Statt dessen droht sie sich selbst zu lähmen - voll Zwietracht und Selbstzweifeln.

Manager haben für derlei politische Gefühlslagen typischerweise wenig Verständnis. Im Gegenteil: Sie neigen dazu, ihre unternehmerischen Erfahrungen auf die Politik zu übertragen. Das ist nie die ganze Wahrheit. Aber es ist zuweilen durchaus anregend, manchmal gar auf erfrischende Art provokant - eine Art Gegenmodell zur realexistierenden deutschen Regierungstristesse.

Kann die Politik von der Wirtschaft etwas lernen? Gerade jetzt?

Für einen Report über den Sanierungsfall Deutschland im aktuellen manager magazin haben wir uns von einigen erfahrenen Sanierern und Beratern aus der Wirtschaft anregen lassen. Dabei fiel vor allem zweierlei auf:

  • zum einen die Klarheit, mit der die befragten Topmanager benennen konnten, worauf es bei einer erfolgreichen Sanierung ankommt;
  • zum anderen eine erstaunliche Bescheidenheit gegenüber den Unwägbarkeiten des politischen Systems, die zeigt, dass die Größe der anstehenden Aufgabe auch den Sanierungsprofis gehörigen Respekt einflößt.

Was die Diagnose betrifft, so besteht unter Finanzwissenschaftlern kein ernstlicher Dissenz: Deutschland ist ein Sanierungsfall. Punkt. Der Kieler Forscher Alfred Boss taxiert den strukturellen Konsolidierungsbedarf der deutschen Staatshaushalte auf 90 Milliarden Euro. Das aktuelle "Sparpaket" der Bundesregierung erreicht davon nur knapp ein Viertel - der durchschnittliche jährliche Konsolidierungseffekt, wie ihn die Bundesregierung für den Zeitraum 2011 und 2014 plant, liegt lediglich bei 20 Milliarden Euro im Jahr.

Kaum vorstellbar, wie mit bloßem Kostenkürzen und Steuererhöhen die jährliche 90-Milliarden-Lücke geschlossen werden kann. Ohne nachhaltige Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis - vulgo: Wachstum - wird es schwierig.

Es ist wie in der Wirtschaft: Ein Unternehmen, das nur Stellen streicht und Ausgaben einspart, wird auf Dauer nicht gesunden. Es zögert bloß seinen Exitus hinaus.

"Sparen alleine reicht jedenfalls nicht aus. Von zu viel Abnehmen wird man schnell magersüchtig", sagt Axel Heitmann, der in den vergangenen Jahren Lanxess, das einst verlustbeladene Bayer-Spin-off, auf einen bislang erfolgreichen Pfad gesteuert hat. "Es bedarf auch einer Vorwärtsstrategie. Die muss mit großer Sachkompetenz entwickelt werden."

Tatsächlich kann die Politik, bei allen Unterschieden, in dieser Hinsicht einiges von der Wirtschaft lernen: Ziele formulieren, einen Maßnahmenkatalog entwickeln und mit Gespür fürs richtige Timing durchziehen, effektiv kommunizieren.

Die Bundesregierung ist planlos

Mit all dem tut sich die Bundesregierung schwer. Dabei mangelt es ihr nicht an wirtschaftspolitisch vernünftigen Überzeugungen, die insbesondere Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vertritt: Ziel des Sparpakets sei es, so warb er kürzlich in der Bundestagsdebatte, die Wachstumskräfte stärken. Unter anderem deshalb solle bei Bildung und Forschung nicht gekürzt werden.

Soweit, so richtig.

Ansonsten aber geht die Politik den Weg des geringsten Widerstands. Sie belastet dort, wo es gerade machtmechanisch opportun erscheint: Die Stromkonzerne sollen eine "Brennelementeabgabe" zahlen, aber die Bauern und die Hoteliers dürfen ihre Subventionen behalten. Hartz-IV-Empfängern soll das Elterngeld gestrichen werden, während die Rentengarantie unangetastet bleibt, sodass die gesetzlichen Altersbezüge auch bei fallenden Löhnen nicht sinken.

Warum? Wieso? Mit welchem Ziel? Wird dadurch die Wirtschaft effizienter? Werden die Investitions- oder die Arbeitsanreize gestärkt? Wird die Verteilung von Einkommen und Chancen gerechter? Die Antworten darauf bleibt die Bundesregierung schuldig. Entsprechend gewinnt der Verteilungskampf an Schärfe.

Dem rumpeligen Team Merkel-Westerwelle fehlt ein übergeordneter Plan. Deshalb passen die Einzelmaßnahmen nicht zusammen. Deshalb bekommt die Regierung keine überwölbende Erzählung hin, die Sinn und Zweck der Maßnahmen erklären könnte.

Im aktuellen Heft haben wir einen Sanierungsplan für Deutschland zusammengetragen. Er verbindet Elemente aus der Managementpraxis mit einer angebotsorientierten Vorwärtsstrategie, bei der die soziale Gerechtigkeit nicht auf der Strecke bleibt.

Ist so etwas politisch durchsetzbar? Den Versuch wäre es jedenfalls wert, findet Lanxess-Chef Axel Heitmann: "Wenn die für einen Turnaround in Deutschland notwendigen Maßnahmen und Perspektiven klar ausgesprochen werden, dann findet die Politik damit auch Zustimmung bei einer großen Mehrheit in der Bevölkerung."

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