Wirtschaftsaufschwung Beffa fordert Franzosen zum Abgucken in Deutschland auf

Deutschlands Wirtschaft beweist zum Ende der Wirtschaftskrise Stärke. Jetzt fordert Saint-Gobain-Ehrenvorstand Jean-Louis Beffa im Gespräch mit manager magazin, die Europäer sollten sich an der Bundesrepublik orientieren - und aus einem nationalen deutschen Gesellschaftspakt einen der Euro-Zone machen. 
Von Arne Gottschalck
Blick vom Champs de Mars auf den Eiffelturm: Der französische Topmanager Jean-Louis Beffa empfiehlt das deutsche Modell

Blick vom Champs de Mars auf den Eiffelturm: Der französische Topmanager Jean-Louis Beffa empfiehlt das deutsche Modell

Foto: epa Lucas Dolega/ picture-alliance/ dpa

mm: Herr Beffa, Banken sollen nach dem Willen der Regierungen an den Kosten der Krise beteiligt werden, der deutschen Flugindustrie steht eine zusätzliche Abgabe ins Haus. Laufen wir Gefahr, die Balance des Wirtschaftssystems mit Sonderabgaben zu zerstören?

Beffa: Bei der Diskussion um die Bankenbesteuerung geht es zumeist darum, einen Fonds zu schaffen, wenn es Probleme gibt. Darauf kann man dann zurückgreifen, ohne den Steuerzahler zu belasten. Es ist also eine Art Versicherungspolice. Ich sehe es nicht wirklich als Steuer.

mm: Die Tatsache, dass jede Industrie versucht, sich mit Lobbyarbeit ins rechte Licht zu rücken, ist also ganz normal?

Beffa: Das ist sie, solange es Industrien gibt. Ich will aber einen Punkt betonen. Aus der Sicht des Staates ist die Finanzindustrie so wichtig, weil mit ihr die Wirtschaft arbeitet. Ohne ein effizientes Finanzsystem kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Das ist also die Priorität der Regierung. Und weil wir gesehen haben, dass Selbstregulierung nicht funktioniert, gibt es die Notwendigkeit staatlicher Interventionen.

mm: Das ist eine Kehrtwende, oder? Früher wurde ja immer gesagt, staatliche Regulierungen seien zu kompliziert, lasst die Unternehmen selbst machen.

Beffa: Es ist klar, dass Selbstregulierung nicht funktioniert hat. Nun brauchen wir also Regierungseingriffe. Es wäre gut, so etwas so global wie nur irgend möglich zu machen, notfalls müssen wir selbst vorangehen. Zumindest in der Euro-Zone sollten wir aber eine gemeinsame Anstrengung unternehmen. Und es sollte eine Koordination geben.

mm: Auch über unterschiedliche Industrien hinweg?

Beffa: Geschäfte sind in der Tat ganz unterschiedlich. Es gibt regionale Unternehmen wie die Zementindustrie oder die Retail-Unternehmen. Auf der anderen Seite gibt es die globale Industrie, bei der deutsche oder französische Unternehmen mit chinesischen Firmen konkurrieren. Für die müssen die Regierungen sorgen. Denn Export ist extrem wichtig für das jeweilige Land. In einer Welt, in der beispielsweise Energie immer teurer wird, muss mehr an die Außenwelt verkauft werden als von ihr eingekauft wird. Sonst wird unser Handelsdefizit zu groß.

mm: Wie können denn die Staaten dabei helfen?

Beffa: Der Staat muss beispielsweise mit der Umweltpolitik oder den Beziehungen zwischen Management und Arbeitnehmern den nötigen Rahmen schaffen. Das ist wichtig, und in meinen Augen auch der vorbildliche Baustein des deutschen Modells.

mm: Ist das dann eine wünschenswerte Intervention in Deutschland?

Beffa: Der Eingriff ähnelt eher einem nationalen Pakt in Deutschland. Und in Europa sollten wir versuchen, es so ähnlich zu machen, zumindest in der Euro-Zone. Zum Zwecke der Kohärenz sollten sich deshalb andere Länder, vor allem Frankreich, auch in diese Richtung bewegen.

mm: Hat die Krise vielleicht auch ihr Gutes - eine Art kathartische Wirkung?

Beffa: In den vergangenen Jahren hat sich Europa mit der Geschwindigkeit von Diplomaten fortbewegt. Heute muss es das im Tempo der Finanzmärkte machen. Und die sind grausam, realistisch und ungeduldig. Probleme, die bislang unter den Teppich gekehrt worden sind, müssen nun tatsächlich angegangen werden - auf die eine oder andere Weise. Wegen dieses Tempos bringt eine Glaubwürdigkeitslücke - in der Welt ist Glaubwürdigkeit ein kostbares Gut - ein großes Problem mit sich. So eine Lücke muss durch neue Aktionen gefüllt werden, sonst gibt es sehr schnell negative Ergebnisse.

mm: Wie wichtig ist es daher, die Finanzmärkte zu regulieren, zum Beispiel durch ein Verbot ungedeckter Leerverkäufe?

Beffa: Nun, ich bin da kein Experte, aber es ist klar, dass manche Ideen der Finanzindustrie pure Spekulationen sind, auch wenn sie innovativ aussahen. Und die Regulierungsbehörden der Länder sollten wirklich trennen zwischen dem, was der Wirtschaft nützt und dem, was reine Spekulation ist.

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