Mittwoch, 29. Januar 2020

Das Internationale Währungschaos (II) Manipulation im großen Stil

Gegengewicht zum Westen: Der Kreml in Moskau
Yuri Kochetkov/ DPA
Gegengewicht zum Westen: Der Kreml in Moskau

Der Euro in der Krise, Dollar und Pfund angezählt, der chinesische Yuan massiv unterbewertet - um auf einen soliden Entwicklungspfad zurückzufinden, braucht die Welt dringend ein neues Währungssystem. Im zweiten Teil der Serie beleuchtet manager magazin die zweifelhafte Rolle der Schwellenländer.

Hamburg - Das Treffen kam für den Westen völlig überraschend. Es gab keine Vorwarnungen, keine vorherige Abstimmung der Tagesordnung oder des Communiqués, keinen Austausch diplomatischer Achtungsbezeichnungen, wie es sonst bei internationalen Gipfeln üblich ist. Nichts. Am 16. Juni 2009 trafen sich erstmals die Staats- und Regierungschefs der sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) in der russischen Ural-Metropole Jekaterinburg zu einem eigenen Gipfel – ohne Beteiligung des Westens. Es war eine Art Gegen-G7.

Nicht mehr die führenden sieben westlichen Nationen, die sich seit den siebziger Jahren regelmäßig über ihre Politiken abstimmten, saßen zusammen über globale Fragen, sondern eine neue Gruppe von Megaschwellenländern traf sich separat – und für den Westen unerwartet: Die Regierungen in Nordamerika und Westeuropa erfuhren von dem Treffen erst über die Nachrichtenagenturen.

Während sich die G7 – beziehungsweise G8, seit Russland an den Gipfeltreffen teilnimmt – in einem umfangreichen und aufwändigen Konsultationsprozess zuvor mit anderen Staaten und Organisationen abstimmen, um das Vertrauen des Rests der Welt zu gewinnen, geschah vor dem ersten BRIC-Gipfel nichts dergleichen. Wichtigster Tagesordnungspunkt der Zusammenkunft in Jekaterinburg: die Abschaffung des US-Dollar als Weltwährung. So weit kam es zwar nicht. Aber die Botschaft war klar: Die geopolitische Machtverschiebung, seit langem in Umrissen erkennbar, nimmt konkrete Formen an.

Fundamental geschwächt, müssen die USA und die EU mit ansehen, wie die neuen Großmächte auf eigene Faust Politik machen. Und einer der wichtigsten Schauplätze dieses historischen Umbruchs ist das globale Geldgefüge: Die immer noch dominante Rolle westlicher Währungen, insbesondere des US-Dollar, wird nicht zu halten sein. In der Tat hat sich das bisherige internationale Währungssystem überlebt, weil es die Instabilität des Westens, die in der Finanzkrise deutlich wurde und die in Inflations- und Staatsschuldenkrisen ihre Fortsetzung zu finden droht, in den Rest der Welt exportiert.

Lang anhaltende Turbulenzen

Die Welt braucht dringend ein neues System, das zugleich flexibler und stabiler ist als das bisherige. Es geht darum, künftig jene Fehler zu vermeiden, die in die Finanzkrise geführt haben. Es geht darum, den großen Inflationsschock zu verhindern, der nun als Folge der Krise droht. Leider steht ein neues System nicht zur Verfügung. Es gibt viele Überlegungen, viele Ansätze, aber keine Blaupause, keine Pläne, die man einfach mal eben aus der Schublade ziehen könnte. Zu unterschiedlich sind die Interessen.

Die Lage erinnert an die siebziger Jahre, als das Bretton-Woods-System auseinanderbrach; der US-Dollar war an den Wert des Goldes gebunden, die übrigen Währungen an den US-Dollar. In diesem System waren die Notenbanken der übrigen westlichen Staaten außerhalb der USA vornehmlich damit beschäftigt gewesen, den Wechselkurs gegen über dem US-Dollar konstant zu halten. Sie hatten keine eigene Geldpolitik betrieben, die ihren nationalen Prioritäten gefolgt wäre. Als dann die Bindung an den US-Dollar gefallen war, waren viele Notenbanken heillos überfordert.

Die neue monetäre Freiheit mündete in lang anhaltenden finanziellen Turbulenzen. Inflation und unerwartete Wechselkursschwankungen lösten die vorherige Phase der Stabilität ab. Die Ausgangssituation heute ist ähnlich. Wie in den siebziger Jahren, so betreibt auch heute die Mehrzahl der Staaten der Welt keine selbstständige Geldpolitik. Sie haben sich mehr oder weniger eng an eine westliche Währung gebunden, die meisten an den US-Dollar; der Euro spielt bislang als Ankerwährung nur eine untergeordnete Rolle. Insbesondere folgen große Teile Asiens, inklusive der neuen Wirtschaftssupermacht China, dem US-Dollar.

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