Fotostrecke

Banken, Unternehmen, Privatpersonen, Staaten: Die wahren Schuldenberge

Foto: Getty Images

Sparzwang Wo die wahren Schuldenberge stehen

Private Haushalte, Konzerne und Banken haben die Kreditblase parallel zu den Staaten aufgepumpt. Jetzt können nicht alle gleichzeitig ihre Schulden abbauen. Sonst droht eine Abwärtsspirale.

Hamburg - Schulden bringen nur Ärger, den Schuldnern wie den Gläubigern. So dozierte Bill Gross zuletzt. Und räumt ein, dass es schon merkwürdig sei: Solche Ratschläge ausgerechnet von ihm, der als Fondsmanager der Allianz-Tochter Pimco eine Billionensumme in Schuldtitel anlegt.

Doch die Anleger müssten sich mit der Einsicht arrangieren, dass die Welt vor einem Deleveraging stehe, einem Prozess, in dem viele Wirtschaftsakteure zugleich von Gewinnmaximierung auf Schuldenabbau umschalten. Das könnte fallende Preise und eine schrumpfende Wirtschaft bewirken. Ganz sicher werde es auf absehbare Zeit keine hohen Renditen geben. "Zu viele Schulden, zu wenig Wachstum, um sie zu bedienen", urteilt Gross. Doch für diese einfache Diagnose gebe es keine einfache Lösung.

Die von der Schuldenkrise erschütterten Staaten stünden vor dem Sparparadoxon: Je mehr sie sparten, desto tiefer stürzten sie die Wirtschaft in die Rezession, und desto größer werde am Ende ihre Schuldenlast. Doch die Alternative, Schulden mit mehr Schulden zu bekämpfen, stehe nur einer Handvoll Staaten wie der USA frei, ohne die Gläubiger zu vergraulen. Und selbst das sei fraglich.

Beziehe man die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte, Unternehmen und Banken mit ein, werde "das Wasser trüber", meint Gross. Es fehle schon allein an Statistiken, um die Dimensionen zu erfassen, während die Höhe der Staatsschulden gut dokumentiert ist.

Was der Staat spart, müssen private Schulden ausgleichen

Die Diskussion um Staatsschulden spiele sich in "einer Art Vakuum" ab, schimpft Rob Parenteau, Ökonom am Levy Economics Institute nahe New York. Der Staat werde losgelöst von seinen wirtschaftlichen Verflechtungen betrachtet. Private Schulden können schnell zu öffentlichen Schulden werden, wie sich in der Krise mit Bankenrettungs- und Konjunkturpaketen gezeigt hat. Umgekehrt müssen die Bürger eines Staates letztendlich dessen Schulden tragen, denn ihre Steuern und Abgaben bestimmen seine Fähigkeit, die Verbindlichkeiten zurückzuzahlen.

Parenteau verweist auf bilanzielle Grundsätze. Während einzelne Sektoren wie der Staat, die Privatwirtschaft oder das Ausland Überschüsse oder Defizite erwirtschaften können, müsse die Summe dieser Bilanzen in einer Volkswirtschaft immer Null ergeben. Ersparnis gleich Investitionen. Daraus folge, dass "unmöglich alle Sektoren zugleich sparen können". Was der Staat weniger ausgebe, müssten entweder die Privaten mehr an Schulden aufnehmen oder die ausländischen Handelspartner mit höheren Exporten ausgleichen. Doch diese "neomerkantilistische Strategie" funktioniere auch nicht mehr, wenn wie jetzt international alle den Gürtel enger schnallen.

Griechenland steht im Vergleich noch gut da

Die Forschungsabteilung der Beratungsfirma McKinsey hat in einer Studie untersucht, wie groß der Schuldenberg in 14 der größten Wirtschaftsnationen und ist (siehe Bildergalerie). Wegen des Datenmangels bezieht sich dieser aktuellste brauchbare Vergleich aber noch auf 2008, bevor die staatlichen Schuldenquoten in den meisten Ländern in die Höhe schossen. Nur einzelne Zahlen neueren Datums sind verfügbar.

Seit 2000 ist die Schuldensumme in den untersuchten Ländern laut der Studie um 40 Billionen Dollar gewachsen. Die Gesamtverschuldung erreichte in Großbritannien und Japan fast das Fünffache der jährlichen Wirtschaftsleistung, in allen entwickelten Ländern mehr als das Doppelte. Hauptverantwortlich dafür seien vor dem Hintergrund des Immobilienbooms die privaten Haushalte (mit Ausnahme der Deutschen und der Japaner) und die Finanzkonzerne, die aber bis auf einige wichtige Ausnahmen ihre Verschuldung noch im historischen Durchschnitt gehalten hätten.

"Während die Krise das Kreditwachstum in vielen Wirtschaften abrupt gestoppt hat, beginnt das Deleveraging erst", schreiben die McKinseyaner. Nach der historischen Erfahrung seien mehrere Jahre des Schuldenabbaus zu erwarten, was die Wirtschaft stark belasten werde.

Die Autoren der Studie haben bisherige Phasen des Deleveraging in vier Typen unterteilt: Am häufigsten sei ein zeitweises "Gürtel-enger-Schnallen", das zu mehrjährigen Schwächephasen aber nur geringem Schuldenabbau führe. Nur wenige Beispiele gebe es für Entschuldung via hoher Inflation, Zahlungsausfall oder die bequemste Variante, "aus den Schulden herauswachsen".

Sorgenkind Spanien - und Hoffnungswert Griechenland

Das größte Risiko für ein Deleveraging sieht McKinsey bei den privaten Haushalten in Kanada, Südkorea, Großbritannien, Spanien und den USA. Bei den Angelsachsen seien auch Firmen der Gewerbeimmobilienbranche gefährdet, in Spanien außerdem der ganze Unternehmenssektor und die Regionalbanken. Für den Staat geben die Autoren der Studie, die von Januar datiert, dagegen grünes Licht. Doch das Urteil dürfte inzwischen hinfällig sein.

Auch Ökonom Rob Parenteau sieht Spanien als Sorgenkind. Wenn selbst der Staat, der dort als einziger Sektor einen vergleichsweise niedrigen Schuldenstand hat, nun sein Defizit abbauen muss, falle der letzte Puffer aus, der das unausweichliche Deleveraging der anderen abfedere. Wenn das Haushaltsdefizit in drei Jahren von 10 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken solle, müssten die spanischen Bürger und Unternehmen so lange 7 Prozent des BIP mehr ausgeben, als sie einnehmen - "hoch unwahrscheinlich", findet Parenteau.

Die kleineren Länder an Europas Peripherie kommen in McKinsey Übersicht nur am Rand vor. Die Brandherde der Bankenkrise stellen mit ihren Schuldenquoten (Irland: über 700 Prozent, Island: 1189 Prozent des BIP) selbst die Briten und Japaner in den Schatten.

Die Griechen dagegen haben den Vorteil, dass im Unterschied zu Spanien nur der Staat hoch verschuldet ist, alle anderen Akteure dagegen kaum. Die Gesamtschuldenquote ist mit 230 Prozent sogar niedriger als die deutsche (274 Prozent). Theoretisch könnten die griechischen Sparer und Unternehmen also mit höheren Schulden für den Staat in die Bresche springen. Doch wie groß wird deren Neigung zu neuen Investitionen angesichts von Sparkurs und Steuererhöhungen sein?

Pimco-Manager Bill Gross hat sein Urteil gefällt. Mit den "restriktiven Bedingungen" der Rettung seitens EU und IWF gebe es "kein realistisches Szenario, dass Griechenland seiner Schuldenlast entwachsen kann".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.