Donnerstag, 5. Dezember 2019

Sparzwang Wo die wahren Schuldenberge stehen

Banken, Unternehmen, Privatpersonen, Staaten: Die wahren Schuldenberge
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Private Haushalte, Konzerne und Banken haben die Kreditblase parallel zu den Staaten aufgepumpt. Jetzt können nicht alle gleichzeitig ihre Schulden abbauen. Sonst droht eine Abwärtsspirale.

Hamburg - Schulden bringen nur Ärger, den Schuldnern wie den Gläubigern. So dozierte Bill Gross zuletzt. Und räumt ein, dass es schon merkwürdig sei: Solche Ratschläge ausgerechnet von ihm, der als Fondsmanager der Allianz-Tochter Pimco eine Billionensumme in Schuldtitel anlegt.

Doch die Anleger müssten sich mit der Einsicht arrangieren, dass die Welt vor einem Deleveraging stehe, einem Prozess, in dem viele Wirtschaftsakteure zugleich von Gewinnmaximierung auf Schuldenabbau umschalten. Das könnte fallende Preise und eine schrumpfende Wirtschaft bewirken. Ganz sicher werde es auf absehbare Zeit keine hohen Renditen geben. "Zu viele Schulden, zu wenig Wachstum, um sie zu bedienen", urteilt Gross. Doch für diese einfache Diagnose gebe es keine einfache Lösung.

Die von der Schuldenkrise erschütterten Staaten stünden vor dem Sparparadoxon: Je mehr sie sparten, desto tiefer stürzten sie die Wirtschaft in die Rezession, und desto größer werde am Ende ihre Schuldenlast. Doch die Alternative, Schulden mit mehr Schulden zu bekämpfen, stehe nur einer Handvoll Staaten wie der USA frei, ohne die Gläubiger zu vergraulen. Und selbst das sei fraglich.

Beziehe man die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte, Unternehmen und Banken mit ein, werde "das Wasser trüber", meint Gross. Es fehle schon allein an Statistiken, um die Dimensionen zu erfassen, während die Höhe der Staatsschulden gut dokumentiert ist.

Was der Staat spart, müssen private Schulden ausgleichen

Die Diskussion um Staatsschulden spiele sich in "einer Art Vakuum" ab, schimpft Rob Parenteau, Ökonom am Levy Economics Institute nahe New York. Der Staat werde losgelöst von seinen wirtschaftlichen Verflechtungen betrachtet. Private Schulden können schnell zu öffentlichen Schulden werden, wie sich in der Krise mit Bankenrettungs- und Konjunkturpaketen gezeigt hat. Umgekehrt müssen die Bürger eines Staates letztendlich dessen Schulden tragen, denn ihre Steuern und Abgaben bestimmen seine Fähigkeit, die Verbindlichkeiten zurückzuzahlen.

Parenteau verweist auf bilanzielle Grundsätze. Während einzelne Sektoren wie der Staat, die Privatwirtschaft oder das Ausland Überschüsse oder Defizite erwirtschaften können, müsse die Summe dieser Bilanzen in einer Volkswirtschaft immer Null ergeben. Ersparnis gleich Investitionen. Daraus folge, dass "unmöglich alle Sektoren zugleich sparen können". Was der Staat weniger ausgebe, müssten entweder die Privaten mehr an Schulden aufnehmen oder die ausländischen Handelspartner mit höheren Exporten ausgleichen. Doch diese "neomerkantilistische Strategie" funktioniere auch nicht mehr, wenn wie jetzt international alle den Gürtel enger schnallen.

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