Großbritanniens Austritt aus der EU Don´t panic - der Brexit ist eine Chance für Europa

Von Christian Scholz
Und tschüss: Der Abschied der Briten bietet Europa neue Chancen

Und tschüss: Der Abschied der Briten bietet Europa neue Chancen

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Kaum ist es Gewissheit, dass 52 Prozent der Briten für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt haben, überschlägt sich die öffentliche Meinung der gesamten Welt auch schon reflexartig in ihren entsetzten Kommentaren. Aktienkurse stürzen ab, der Pfundkurs bricht ein und Politiker kritisieren die britischen Wähler wegen ihrer Unverantwortlichkeit und Kurzsichtigkeit.

Christian Scholz
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Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Gleichzeitig reiben sich viele erstaunt die Augen, dass sich hier ein Volk mehrheitlich gegen eine europaweite Medienkampagne und gegen den Rat aller "großen" Politiker auflehnt: Nahezu alle Zeitungen und Fernsehanstalten sowie fast alle Politiker und Wissenschaftler hatten mit eindringlichen Beschwörungen versucht, den Briten vorzuschreiben, wie sie abzustimmen haben.

Nur: Demokratie besteht eben darin, dass sich "das Volk" anders entscheiden kann als seine politischen Führer. Und haben Politiker nicht permanent mündige und selbständig denkende Bürger gefordert, die sich eine eigene Meinung bilden?

Der Brexit hat nur wenig negative Effekte

Großbritannien hat immer schon in vielen Punkten eine Sonderrolle gespielt und Sonderrechte in der EU genossen. Dazu zählt auch die Beibehaltung der eigenen Währung. Gäbe es diese nicht, wäre der Brexit sowieso kaum durchführbar und auch die Auswirkungen auf Europa wären dramatischer. So wird vielleicht alles etwas bürokratischer, aber mit einem für beide Seiten intelligenten Freihandelsabkommen wird sich im Handel zwischen Großbritannien und der Europäischen Union kaum etwas ändern.

Selbst in Großbritannien an sich wird erstaunlich wenig passieren: Sicherlich werden sich Veränderungen im Wirtschaftssystem ergeben. Die Wechselkurse haben sich bereits angepasst. Britische Exporte werden billiger, Importe teurer und Zinsen höher. Nach einigen kurzfristigen Ausschlägen wird sich aber vieles einpendeln. Und die Flüchtlingszahlen bleiben unverändert niedrig. Viel gravierender wird der erneute Versuch Schottlands sein, die Unabhängigkeit von England zu erreichen. Beim letzten Referendum zur Unabhängigkeit haben die Schotten letztlich nur deshalb für den Verbleib im Vereinten Königreich gestimmt, weil David Cameron ihnen klar gemacht hatte, dass die Loslösung von England auch einen Ausschluss aus Europa bedeuten würde. Dieses Argument dreht sich jetzt um, kommt wie ein Bumerang zurück und wird zudem auch Nord-Irland treffen.

Wirklich bemerkenswert ist: Noch während die Stimmen in den letzten vier Wahlbezirken ausgezählt wurden, gab es im Fernsehen bei der BBC bereits Aussagen mit interessanten Untertönen in Richtung absoluter Entwarnung. Nicht viel würde sich ändern und die Verhandlungen um den Brexit könnten sogar die britische Position stärken. Man werde zwar aus dem Club austreten, aber weiterhin die Gemeinschaftsangebote nutzen. Und zudem könnte der Brexit zu neuen Verhandlungen, zu einem neuen Angebot von Brüssel an London und in einigen Jahren zu einer neuen Volksabstimmung über den Brexit führen.

Um es also mit den Worten von Douglas Adams zu sagen: Don't panic!

Der Brexit erzwingt ein Umdenken

Wir erleben aktuell ein Europa, in dem irgendwo oben von irgendwem irgendetwas entschieden wird. Da kommt eine Bologna-Reform, da kommen Entscheidungen zu Handelsabkommen und Pflanzenschutzmitteln, da kommen irgendwelche ominösen Regelungen beim Datenschutz und letztlich hat man das Gefühl, dass es fast wie in der Matrix eine übergeordnete Instanz gibt, die uns lenkt. Für viele ist auch nicht mehr nachvollziehbar, wer hier wirklich die Entscheidungen trifft: Haben wir in Deutschland bald zwei Millionen Flüchtlinge aufgrund eines EU-Beschlusses oder aufgrund einer wie auch immer in Berlin getroffenen Entscheidung?

Gleichzeitig erleben wir ein Europa, in dem es in vielen Ländern sehr unterschiedliche Diskussionen gibt: Deutschland mit "seinen" Flüchtlingen, Frankreich mit "seiner" Arbeitsmarktreform, Österreich mit 49,7 Prozent der Stimmen für den FPÖ-Kandidaten bei der Wahl zum Bundespräsidenten. Die Liste lässt sich spielend um Ungarn, Polen, Spanien, Italien, Portugal sowie die skandinavischen Länder ergänzen - und natürlich um Griechenland, wo "Grexit" als Drohung von Brüssel an Athen eingesetzt wurde. Trotz der Europäischen Union bekommen wir also immer mehr landesspezifische Probleme.

Damit ist klar, dass es so nicht weitergeht und unsere Vordenker in Brüssel sowie in Berlin umdenken müssen.

Integration und Konvergenz sind die Zauberworte, an die sie fast alle seit Jahrzehnten glauben. Der Autor dieses Beitrags forscht seit Jahren zu Divergenz-Bewegungen in Europa. Allein schon das macht ihn für manche verdächtig, ein Gegner der europäischen Idee zu sein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade um die Vision eines gemeinsamen Europas zu realisieren, müssen wir verstehen, dass Europa eben nicht permanente Integration und Konvergenz bedeutet.

Fünf Konsequenzen aus dem Brexit

Fünf notwendige Konsequenzen aus dem Brexit

Wettbewerbsvorteile in und für Europa entstehen zum einen durch Standardisierung. Da ist Europa auf einem guten Weg, Wettbewerbsvorteile entstehen zum anderen aber auch durch Unterschiedlichkeit und Vielfalt innerhalb Europas: Was für die spanische Wirtschaft gut ist, passt nicht automatisch auch für Schweden. Unsere europäischen Führer sollten sich bewusst werden, dass sie bei Integration und Konvergenz wesentlich zu weit gegangen sind. Sie sollten Divergenz als Chance akzeptieren und einen wirklichen europäischen Föderalismus anstreben.

Konkret bedeutet dies:

Erstens sollten unsere Politiker die Entscheidung in Großbritannien nicht als einen "Fehler" der dortigen Bevölkerung brandmarken. Vor allem unsere selbsterklärte EU-Elite sollte den Brexit als Warnschuss anerkennen und ein Europa mit weniger EU-Zentralismus entwickeln. Ansonsten werden wir schnell weitere Abspaltungstendenzen erleben.

Zweitens sollten Martin Schulz und Jean-Claude Junker schnell David Cameron folgen und ebenfalls zurücktreten. Beide verkörpern bis hin zu ihren diversen "Ratschlägen" einen EU-Feudalismus, der auch für Nicht-Britten nur schwer tragbar ist. Vor allem haben sie versagt, weil sie es nicht geschafft haben "die Familie" zusammenzuhalten.

Drittens sollte die Anzahl der Personen reduziert werden, die in Brüssel und an diversen anderen Standorten permanent "Integration und Konvergenz" durchsetzen wollen. Zielgröße: Zwei Drittel weniger Abgeordnete und Beschäftigte in allen europäischen Institutionen. Das spart Geld und verhindert weitere Beschädigungen der europäischen Idee.

Viertens sollten die zentralen europäischen Regelungen daraufhin untersucht werden, ob sie nicht übergroß-falsche Tendenzen in Richtung "Integration und Konvergenz" implizieren. Das würde uns teure Anpassungen ersparen, die unabhängig vom Brexit bereits jetzt einsetzen.

Und fünftens sollte man, bevor es zu spät ist, noch einmal genau darüber nachdenken, was "Europa" eigentlich bedeutet. Wenn der Brexit uns dazu bringt, hat er sich bereits jetzt gelohnt und wir kommen unserem gemeinsamen Europa ein großes Stück näher.

Christian Scholz ist Direktor des Europa-Instituts der Universität des Saarlandes und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de . Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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