Inflation Bank-of-England-Chef warnt vor "apokalyptischen" Lebensmittelpreisen

Andrew Bailey verstärkt mit seinen Aussagen die Sorgen von Millionen Menschen in Großbritannien, über die Runden zu kommen. Statt zu beruhigen, zeigte sich der Chef der Bank of England vor Abgeordneten hilflos.
Bank of England-Chef Andrew Bailey: "Tut mir leid, dass ich apokalyptisch bin, aber das ist ein großes Problem"

Bank of England-Chef Andrew Bailey: "Tut mir leid, dass ich apokalyptisch bin, aber das ist ein großes Problem"

Foto: WPA Pool / Getty Images

In einem seltenen wie dramatischen Schritt hat der Chef der britischen Zentralbank vor "apokalyptischen" Preissteigerungen bei Lebensmitteln gewarnt. Das wichtige Agrarland Ukraine habe zwar ausreichend Vorräte, könne die Waren aber nicht exportieren, sagte Bank-of-England-Chef Andrew Bailey vor einem Parlamentsausschuss in London. "Es ist eine große Sorge für dieses Land und eine große Sorge für die Entwicklungsländer", sagte Bailey britischen Medien vom Dienstag zufolge. "Tut mir leid, dass ich apokalyptisch bin, aber das ist ein großes Problem."

Die aufsehenerregenden Aussagen dürften die Sorgen von Millionen Menschen in Großbritannien noch verstärken, wie sie angesichts der grassierenden Inflation mit explodierenden Lebenshaltungskosten über die Runden kommen sollen. Im März waren die Lebensmittelpreise in Großbritannien bereits um 5,9 Prozent gestiegen. Experten rechnen mit einem weiteren Anstieg.

Millionen Menschen droht Armut und Verschuldung

Bailey warnte, steigende Energie- und Lebensmittelpreise würden die Inflation noch weiter anheizen und zugleich einen "sehr großen Reallohnschock" auslösen. Letztlich werde sich die Arbeitslosigkeit wieder erhöhen. Die Inflation war in Großbritannien zuletzt auf 7 Prozent geklettert, die Bank of England rechnet damit, dass die Verbraucherpreise in diesem Jahr um bis zu 10,25 Prozent steigen. Wegen der steigenden Preise vor allem für Lebensmittel und Energie könnten Experten zufolge Millionen Menschen im Land in Armut und Verschuldung abrutschen. Viele müssten sich überlegen, ob sie ihr Geld für Essen oder Heizen ausgeben. Die Aufsichtsbehörde Office for Budget Responsibility sagte voraus, der Lebensstandard werde so schnell sinken wie seit Mitte der 1950er Jahre nicht.

Die Zentralbank hätte nicht anders handeln können, versicherte Bailey. "Wir können Dinge wie Kriege nicht vorhersagen, das steht in Niemandes Macht." Auf die Frage, ob er sich hilflos fühle, etwas gegen die steigende Inflation zu tun, sagte Bailey: "Ja." Der Notenbankchef forderte Arbeitnehmer – vor allem mit höheren Einkommen – auf, sie sollten "überlegen und reflektieren", bevor sie Lohnerhöhungen forderten und die Inflation weiter anheizen könnten.

Verband warnt vor Aus für Fish-and-Chips-Shops

Regierungspolitiker zeigten sich irritiert über Baileys Warnungen. Finanzminister Rishi Sunak jubelte am Dienstag über die niedrigste Arbeitslosenquote seit fast 50 Jahren. Erstmals überhaupt stehen nun mehr Jobs zur Verfügung als es Arbeitssuchende gibt. Eine wirkliche Antwort hat die Regierung bisher nicht auf die drohende Armut. Maßnahmen, die arme Haushalte entlasten sollen, halten Experten für unzureichend. Vielmehr sorgten konservative Abgeordnete für Empörung: Der Parlamentarier Lee Anderson legte nahe, dass Menschen, die ihr Essen von Tafeln erhalten, lediglich nicht kochen könnten. Und seine Kollegin Rachel Maclean schlug vor, Betroffene sollten halt mehr arbeiten oder in besser bezahlte Jobs wechseln.

Die steigenden Lebensmittelpreise treffen auch die Gastronomie – und gefährden ein britisches Nationalgericht: Viele Fish-and-Chips-Shops könnten wegen der Folgen des Kriegs gegen die Ukraine bald vor dem Aus stehen, sagte Andrew Crook, Chef des Branchenverbands National Federation of Fish Friers (NFFF). Die vier Zutaten – Mehl, Sonnenblumenöl, Fisch und Kartoffeln – stammen zu großen Teilen aus Russland oder der Ukraine. Die steigenden Preise kommen noch zum deutlichen Anstieg der Energiekosten hinzu. Verbandschef Crook fordert daher von der Regierung, den Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie zu senken. Derzeit werden für zubereitete Speisen in Großbritannien wieder 20 Prozent Mehrwertsteuer fällig.

dri/dpa-afxp
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.