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Kommentar Alle Schleusen offen

Die Notenbanken tragen Mitschuld am aktuellen Crash. Aber hatten sie eine Wahl?
aus manager magazin 9/2007

BESCHWICHTIGEN ODER SCHWEIGEN - so haben die offiziellen Stellen in Europa und den USA auf die Kreditmarktkrise und ihre Weiterungen reagiert. Am deutlichsten wurden noch die Euro-Banker, doch auch sie sprachen nur verniedlichend von einer "Normalisierung der Risikobepreisung", so die Präsidenten Jean-Claude Trichet (Europäische Zentralbank) und Axel Weber (Deutsche Bundesbank) unisono. Verständlich, Marktberuhigung gehört bei ihnen zur Jobbeschreibung. Selten aber war die Diskrepanz zwischen Wort und Tat so groß. Schließlich haben die Europäer eine weltweite Rettungsaktion für die Finanzmärkte initiiert, die ohne historisches Beispiel ist. Es ist unübersehbar, dass die Krise schwerwiegender ist als bislang öffentlich zugegeben; dass europäische Banken zu jenen gehören, die am härtesten getroffen sind; dass Informationen bewusst zurückgehalten werden, um keine neue Panik auszulösen; dass weitere Marktunruhen wohl noch vor uns liegen.

Erst wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, werden sich Regierungen und Parlamente den grundlegenderen Fragen widmen: Was ist falsch gelaufen? Wo liegen die Gründe? Wie müssen die Finanzinstitutionen reformiert werden?

Die Europäer werden darum ringen, ihre national zersplitterten Finanzaufsichtsbehörden besser zu koordinieren; vielleicht werden sie sich sogar dazudurchringen, eine für das Euroland einheitliche Behörde zu schaffen. Die Amerikaner werden ihre Bankenaufsicht überprüfen. Und beiderseits des Atlantiks geraten die Ratingagenturen unter Beschuss.

AUCH DIE NOTENBANKEN werden eindringlicher als bisher nach ihrer Mitverantwortung gefragt werden. Denn dass die Preise für Immobilien und andere Vermögenswerte in den USA und in vielen Euro-Mitgliedsstaaten in den vergangenen Jahren abgehoben haben, das liegt maßgeblich am Kurs der Geldpolitik. Eine Studie der Bundesbank belegt: Zwischen der Geldversorgung einer Volkswirtschaft und der Wertentwicklung der Immobilien gibt es einen engen Zusammenhang (siehe Grafik). So sind im Euro-Raum die Häuserpreise in jenen Ländern am stärksten gestiegen, wo die Geldmenge besonders stark zugelegt hat, in Irland, in Spanien, in Griechenland. Leichtes Geld, teure Häuser - auch für die USA haben die Bundesbanker diesen Zusammenhang nachgewiesen.

Die vordergründige Kausalkette geht so: Lockere Geldpolitik führt zu Häuserboom führt zu Hypothekenblase führt zu Kreditmarktkrise führt zu Börsencrash - führt, möglicherweise, zu massiven realwirtschaftlichen Verwerfungen.

Haben wir also die Hauptschuldigen identifiziert? So könnte man meinen. Wenn es stimmt, dass Fed, EZB und viele andere Notenbanken zu lange die Zinsen niedrig gehalten haben und deshalb die Märkte aus dem Ruder gelaufen sind, dann müsste künftig eine straffere Geldpolitik Kurs- und Kreditblasen im Keim ersticken. Und überhaupt: Die wiederkehrenden Rettungsaktionen, seit Alan Greenspans Tagen Teil des Standardrepertoires der Notenbanken, müssten aufhören, weil sich die Finanzmarktakteure inzwischen allzu sorglos darauf verlassen, im Zweifel aus der Klemme befreit zu werden. Zinsen rauf und gut? Leider ist die Sache komplizierter.

ES STIMMT SCHON: Die Notenbanken haben die Zügel arg locker gelassen. Das galt früher für Greenspans Fed, inzwischen gilt es aber genauso für die EZB, die derzeit die Euro-Geldmenge mit einer Jahresrate von 11 Prozent expandieren lässt - fast doppelt so schnell wie derzeit in den USA und sehr viel schneller, als die EZB selbst für wünschenswert hält. Trotz dieser Geldschwemme sind die Verbraucherpreise annähernd stabil; der scharfe internationale Wettbewerb sorgt für Stabilität der Güterpreise, Hauptziel der Notenbanken.

Hätten die Zinsen dennoch deutlicher steigen sollen, um die Inflation der Vermögenswerte zu bekämpfen? Hoch riskant. Eine straffere Geldpolitik kann unter diesen Bedingungen leicht zum Sinken der Güterpreise führen - zu einer Deflation, die mit ziemlicher Sicherheit eine Rezession ausgelöst hätte. Die Notenbanken stecken in einem Dilemma: In der derzeitigen Phase der Globalisierung können sie die dauerhafte Stabilität der Finanzmärkte und der Realwirtschaft nicht gleichzeitig erreichen. So bleibt ihnen einstweilen nichts anderes übrig, als die Welt mit Cash zu fluten. Auf dass es rasch wieder aufwärts geht.

Möchten Sie zum Schluss noch eine Vorhersage? Bitteschön: Die nächste Blase kommt bestimmt, vermutlich schon bald. u

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