Geld für russische Gas-Importe 660 Millionen Euro pro Tag – so finanzieren wir Putins Krieg

Die Debatte um Sanktionen und einen Lieferstopp treibt die Gaspreise in die Höhe. Damit steigt auch die Summe, die EU-Länder täglich an die russischen Gaskonzerne überweisen: Anfang März waren es 660 Millionen Dollar. Geld, das Staatschef Wladimir Putin für seine Kriegswirtschaft gut gebrauchen kann.
Gas aus Russland: Für Staatschef Putin sind die Gasexporte der derzeit wichtigste Devisenbringer

Gas aus Russland: Für Staatschef Putin sind die Gasexporte der derzeit wichtigste Devisenbringer

Foto: Dmitry Lovetsky / dpa

Wie lange werden europäische Länder noch Gas aus Russland einkaufen und damit Russlands Wirtschaft stützen? Wann ist es Zeit, den Hahn zuzudrehen? Allein die Debatte um einen möglichen Stopp der Öl- und Gasimporte aus Russland hat ausgereicht, um den Gaspreis in den vergangenen Tage zweistellig in die Höhe zu treiben. Damit steigt auch die Summe, die Gaskunden in Europa jeden Tag an russische Gaskonzerne überweisen: Nach Berechnungen des europäischen Thinktanks Bruegel waren es Anfang März bereits 660 Millionen Euro - an einem einzigen Tag (Siehe Grafik).

Zwar haben die EU-Länder langfristige Lieferverträge, so dass die täglichen Preissteigerungen nicht 1:1 und nur mittelbar durchschlagen. Dennoch: Solange noch Gas durch die Pipelines gen Europa fließt, so lange profitiert Russland von den extremen Preisentwicklungen im Energiesektor. Zahllose Menschen in Europa demonstrieren einerseits gegen den Krieg in der Ukraine und gegen das diktatorische Regime Wladimir Putins - und zahlen gleichzeitig hohe Summen an ein Land, das eigentlich wirtschaftlich isoliert und durch Sanktionen unter Druck gebracht werden sollte.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Sanktionen gegen Russland verschärfen, aber gleichzeitig an Russland zahlen: Dieses Dilemma wird so lange fortbestehen, bis die EU-Länder Alternativen zu russischem Gas gefunden haben oder bereit sind, sich so stark einzuschränken, dass sie auf russisches Gas verzichten können. Für Verbraucher würde das im nächsten Winter lediglich bedeuten, den Heizungs-Thermostat um 2-3 Grad kälter einzustellen. Für die europäische Industrie wären die Auswirkungen jedoch verheerend. Viele Unternehmen müssten wahrscheinlich allein wegen des Preisschocks ihre Produktion zeitweise einstellen. Denn die Abhängigkeit von Russlands Gas ist hoch: Es ist kurzfristig nicht komplett durch Flüssiggas aus den USA oder Katar zu ersetzen.

Russischer Staatskonzern Gazprom liefert 40 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach Europa

Ungeachtet des Kriegs laufen allein die russischen Gaslieferungen durch die Ukraine nach Angaben des Energiekonzerns Gazprom weiter auf hohem Niveau. Die durchgeleitete Menge liege wie vertraglich vereinbart bei 109 Millionen Kubikmetern pro 24 Stunden, teilte Gazprom am Dienstag in Moskau mit. Insgesamt sei eine jährliche Menge von 40 Milliarden Kubikmetern vereinbart. Die europäischen Käufer hätten ihre Bestellungen seit Inkrafttreten der Sanktionen gegen Russland deutlich hochgefahren, sagte Gazprom-Sprecher Sergej Kuprijanow der Agentur Interfax zufolge.

Wegen der Sanktionen des Westens und der Diskussionen in der EU, sich von russischem Gas und Öl schrittweise zu lösen, droht die Energiegroßmacht Russland nun seinerseits damit, die Lieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland einzustellen - und treibt damit die Preise in die Höhe. "Wir haben das volle Recht, eine 'spiegelgerechte' Entscheidung zu treffen und ein Embargo zu erlassen auf die Durchleitung des Gases durch die Pipeline Nord Stream 1, die heute maximal mit 100 Prozent ausgelastet ist", sagte Vize-Regierungschef Alexander Nowak.

Habeck glaubt nicht an Stopp der Gaslieferungen nach Europa

Wirtschaftsminister Robert Habeck hat sich unterdessen gegen einen europäischen Importstopp für russisches Öl ausgesprochen. "Ich sehe das Szenario nicht, für Europa und für Deutschland", sagte der Grünen-Politiker bei RTL/ntv mit Blick auf ein Öl-Embargo. Die Amerikaner hätten ihm bei seinem Besuch in Washington gesagt, sie befürworteten gar kein europäisches Öl-Embargo gegen Russland. Denn damit steige "die Gefahr, dass die europäische Wirtschaft wankt, richtig eine schwere Rezession erleidet, und wir damit die anderen Sanktionen gar nicht mehr durchhalten können". Er glaube auch nicht an einen russischen Stopp der Gaslieferungen nach Europa.

Zudem entschied sich der Grünen-Politiker gegen eine Verlängerung der Laufzeiten der noch drei in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke über den 31. Dezember hinaus. "In dieser Abwägung haben wir eine minimale Mehrproduktion an Strom für maximal hohe Sicherheitsrisiken", sagte Habeck. "Und deswegen bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass dieser Weg der falsche ist."

BDI: "Brauchen Zeit zum Umstellen"

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) spricht sich ebenfalls gegen einen Importstopp von russischem Öl und Gas als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine aus. Die deutsche Industrie könne nicht von heute auf morgen ihren Energiebedarf umstellen, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm. "Deswegen sollten wir alles tun, diese Eskalation zu vermeiden", warnte Russwurm vor einem Importstopp, auch wenn dies vor dem Hintergrund der Kriegsbilder schwerfalle. Russwurm bestritt zugleich, dass die Einnahmen aus dem Verkauf von Gas und von Öl "jetzt akut diesen Krieg finanzieren". Die Argumentation stimme "rational nicht". Präsident Wladimir Putin habe zuvor aufgerüstet.

la/DPA/Reuters