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3. Genomik

Die sieben wichtigsten Technologien: 3. Genomik
aus manager magazin 9/2001

Ziel: Medikamente entwickeln auf biologischen Grundlagen; die Biochemie der Zellen und des Organismus nutzen.

Prinzip: Seit im vergangenen Jahr zwei Forschergruppen zeitgleich die Kartei des menschlichen Erbgutes vorlegten, herrscht in der Pharmaindustrie Goldgräberstimmung.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist das Genom, also die Gesamtheit aller Erbanlagen ("Gene"), praktisch das Betriebssystem jeder Zelle. Wer das kennt, der weiß, wo neue "Nutzersoftware" ansetzen kann. Genauer: wo neue Medikamente wirken können und welche das sind.

Zum Zweiten lassen sich individuelle Ausprägungen des zentralen Programms erkennen. Also die Veranlagung zu hohem Blutdruck oder zu Stoffwechseleigenheiten, die etwa zu hohem Cholesterinspiegel im Blut führen können oder zu Diabetes. Wer diese Abweichungen erkennen kann, vermag dagegen spezifische Medikamente einzusetzen - die zugleich weniger Nebenwirkungen haben.

Der Weg in die maßgeschneiderte Therapie ist so verlockend, dass nahezu alle Pharma-Weltkonzerne jährlich Milliarden investieren. Zahllose Wagniskapitalgesellschaften geben ebenso viel aus, um neue, kleinere Unternehmen zu unterstützen, die sich ebenfalls auf diesen Weg zum Klondike der Biotech-Pharma machen.

Gestritten wird derzeit, ab wann der Patentschutz greift. Weltweit schützbar ist nur der fertige Arzneistoff, nicht aber das Gen; Gleiches gilt für die Folgesubstanzen, die Zellen nach dem Bauplan und den Anleitungen des Gens herstellen.

Nun lautet die Frage: Ist das Entschlüsseln eines Gens bereits eine Erfindung, eine geistige Eigenleistung im Sinne des Patentrechts? Oder ist die Beschreibung eines Gens und seiner Funktion nur eine Entdeckung wie etwa die eines neuen Himmelskörpers oder einer Tierspezies, eine Errungenschaft, die zum Allgemeingut wird?

In den USA sind diese Fragen beantwortet, vorerst. Dort gibt es Patentschutz auf Gene - weshalb sich bereits Dutzende von Unternehmen auf die Nutzung und Weiterverwertung der verschiedenen Genome stürzen.

In Europa ist die "Biopatent"-Richtlinie des Europäischen Patentamtes noch nicht einheitlich umgesetzt. In Deutschland sind die Bedenken besonders stark ausgeprägt.

Ähnliche Probleme werden auftauchen, sobald es um das Proteom jeder Spezies geht. Also um die Produkte, die Zellen nach Anleitung durch die Gene herstellen. Diese Eiweißmoleküle ("Proteine") dienen als Botenstoffe (wie das bekannte Insulin) oder als Andockstellen ("Rezeptoren"), als Eintrittspforten für andere Botenstoffe in der Zellhülle. Sie bieten ähnliche Ansatzpunkte für Medikamente.

Venture-Capitalists wenden sich daher Unternehmen zu, die das Proteom jeder Spezies erkunden, kartieren, systematisieren und nutzen und so zu maßgeschneiderten Arzneien kommen wollen.

Genomik und Proteomik gehen quasi systematisch vor, nach dem natürlichen Bauplan von Zellen und Organismen. Die herkömmliche Pharmazie hingegen arbeitet zumindest teilweise noch nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum": Welche chemische Substanz wirkt wie lange und hat welche unerwünschten Effekte?

Werden die Erkenntnisse der Genomik konsequent umgesetzt in die Entwicklung und Erprobung von Arzneimitteln, dann lassen sich dadurch bei jedem neuen Wirkstoff 300 Millionen Dollar sparen. Das besagt eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG). Derzeit kostet die Erforschung eines neuen Medikaments bis zur Markteinführung durchschnittlich 880 Millionen Dollar.

Nachteile: Da jedes Gen nach einem noch nicht genau bekannten Schlüssel die Bauanleitung für mehrere Proteine enthalten kann, wird das Proteom einer Spezies noch größere Datenbanken füllen, als es die Genome tun. Die Rechner, die diese Daten dann auswerten, müssen noch größer und schneller sein, die Programme noch raffinierter als die bisher eingesetzten. Und das sind bereits die größten zivilen Computeranlagen der Welt.

Zeitbedarf: Erste Medikamente, die nach den Verfahren der Genomik und Proteomik gefunden und entwickelt wurden, werden in fünf bis zehn Jahren verfügbar sein.

Unternehmen: Celera Genomics, Human Genome Sciences, MetaGen Pharmaceuticals, Epigenomics.

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