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2. Tissue Engineering

Die sieben wichtigsten Technologien: 2. Tissue Engineering
aus manager magazin 9/2001

Ziel: Körperteile, verletzt oder durch Krankheit zerstört, wachsen unter ärztlicher Obhut wieder nach.

Prinzip: Schon die ersten, bescheidenen Erfolge des so genannten Tissue Engineering speisen Hoffnungen bei Millionen von Brandopfern, Herzkranken, Diabetikern und Gehbehinderten. Zumindest in den wohlhabenden Ländern: Allein in Deutschland leiden 1,5 Millionen Menschen an Osteoarthrose, jenem Gebrechen, das im fortschreitenden Alter Hüft- und Kniegelenke zerstört. Behandlung und Kompensation kosten die deutschen Sozialkassen jährlich 30 Milliarden Mark.

Zur Heilung dieser Leiden züchten Unternehmen nun Gewebe. Derzeit funktioniert das Verfahren erst bei Hautzellen und bei Zellen der Mundschleimhaut. Doch schon in den kommenden Monaten sollen auf ähnlichem Weg auch Knochen und Knorpel gedeihen - und Defekte heilen, die durch Unfälle und Krankheiten wie Osteoarthrose entstehen.

Im Versuchsstadium sind bereits Züchtungen von Herzklappen, von Bauchspeicheldrüsen und von Geweben, die bei akutem Leberversagen zumindest zeit- und teilweise die Funktion dieses komplexen Organs übernehmen.

Basis all dieser Verfahren sind Zellen, die sich direkt aus dem Empfängerorganismus gewinnen lassen und die etwa nur Knorpel-, nur Knochen- oder nur jenes Hautgewebe heranbilden, das die Innenwände von Blutgefäßen überzieht - und damit auch die Oberflächen von Herzklappen.

In der nächsten Stufe geht es dann um die derzeit viel diskutierten Stammzellen. Die können sich noch in sehr viel mehr Richtungen entwickeln ("differenzieren"). Sofern sie aus Embryonen stammen, kann sogar alles aus ihnen werden: Hirngewebe, mit dem sich Alzheimer oder Parkinson heilen ließe; Knochenmark, das Blut bildet und Leukämiker kuriert; oder Zellen, die das tote Herzgewebe von Infarktopfern ersetzen.

So genanntes therapeutisches Klonen könnte das Züchten individuell maßgeschneiderten Gewebeersatzes weiter perfektionieren.

Im Idealfall werden die Transplantate aus den Zellen des Empfängers gezüchtet. Sie wachsen im Labor zu passenden Haut-, Knorpel oder Knochenstücken, die dann nach dem Einpflanzen nicht von der körpereigenen Abwehr abgestoßen werden, da sie keine Fremdkörper sind.

Nachteile: Die meisten fortgeschrittenen Verfahren, besonders das Klonen und das Verwenden embryonaler Stammzellen, sind ethisch heftig umstritten. In Deutschland sind sie verboten.

Außerdem ist selbst der bereits verfügbare, einfachere Gewebeersatz teuer. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Kassen nur in Einzelfällen und auf Antrag die Kosten.

Die meisten Experten schließen aus, dass jemals komplex aufgebaute Organe wie Nieren oder Lebern komplett gezüchtet werden könnten.

Zeitbedarf: Erste Produkte sind bereits auf dem Markt, die Entwicklung boomt, ist aber bei der international unterschiedlichen und veränderlichen Gesetzeslage nicht kalkulierbar.

Unternehmen: Biotissue, Codon, Geron, Neuralstem, Stemsource.

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