DaimlerChrysler "Deutschland ist fast mittelalterlich"

Daimler-Chefkontrolleur Hilmar Kopper erläutert im Gespräch mit manager magazin TV, warum er CEO Jürgen Schrempp nicht in die Wüste schickt, wie sich die Rolle der Banker dramatisch verändert hat, und weshalb Wirtschaft nicht "aus der Dose" kommt.
Von Matthias Ziemann

Hamburg/Frankfurt am Main - In den höheren Etagen der Deutschen Bank  in Frankfurt wird die Kunst geschätzt - auf den Fluren der 34-sten zum Beispiel hängt ein Heckel, vor dem Panoramafenster posiert eine Figur von Renée Sintenis und schaut auf die "Hermannsschlacht" von Anselm Kiefer.

Da ringen auf großer Fläche Geistesgrößen und Feldherren mit dem urdeutschen Mythos. Für Details dieser Art hat der 1,90-Mann im dunkelblauen Tuch an diesem Tag keinen Blick - obwohl seine heutige Gattin Brigitte Seebacher bei der Auswahl der Exponate vermutlich eine wichtige Rolle gespielt hat.

Hilmar Kopper muss seine Schlachten in der Gegenwart bestehen. Und der wichtigste Schauplatz dürfte für den langjährigen Lenker der Deutschen Bank derzeit die Zentrale von DaimlerChrysler  in Stuttgart sein. Dort steht er dem Aufsichtsrat vor; und dort hat sich in den vergangenen Wochen eine Konfrontation mit Symbolcharakter abgespielt.

500 Millionen Euro Kosten möchte der scheidende Mercedes Car Group-Chef Jürgen Hubbert in den kommenden Jahren am Platz Sindelfingen einsparen - und Privilegien wie die "Steinkühler-Pause" beseitigen. Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter halten dagegen; und Hilmar Kopper.

Der gibt sich gelassen. "Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter sind sehr pflichtbewusst", sagt er. "Und ihr Horizont ist weiter, als es nach außen oft scheint." In der Öffentlichkeit werde getrommelt, "aber hinter den Kulissen verläuft das in sehr vernünftigen Bahnen."

Ein Garant dafür: Sein Stellvertreter im Aufsichtsrat, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Erich Klemm. Zwischen ihnen herrsche "ein großes Maß Offenheit, aber keine falsche Kameraderie", so Kopper. Überhaupt findet er das Getöse um die Arbeitszeiten bei Siemens  oder DaimlerChrysler ziemlich übertrieben: "Der Mittelstand ist im Sinne einer vernünftigen Flexibilisierung schon viel weiter."

"Warum Schrempp in die Wüste schicken?"

"Warum soll ich Schrempp in die Wüste schicken?"

Aber der Mittelstand ist nicht sein Terrain; immerhin beaufsichtigt er ein Unternehmen, das als "Welt AG" apostrophiert wird. "Dieses Wort liebe ich nicht. Es ist inhaltslos", sagt er und verteidigt alle Entscheidungen, für die er und sein Vorstandsvorsitzender Jürgen E. Schrempp einer fast andauernden Kritik unterzogen werden.

Die Internationalisierung als Milliardengrab? "Unfug!" Die Fusion mit Chrysler ein Fehlschlag? "Die Strategie ist ordentlich aufgegangen" - auch wenn man zwei Deutsche habe entsenden müssen, um den Autobauer "aus dem Schlamassel" zu holen.

Das Festhalten an Jürgen Schrempp? "Warum", fragt Kopper, "soll ich jemanden in die Wüste schicken, der besser ist als seine Kollegen?" Er steht zu Schrempp, bei dem er sich "sehr darauf verlassen kann, was mir gesagt wird. Und Corporate Governance lebt von Vertrauen, nicht von einem Buddy-Buddy-Gefühl."

Der 69-jährige Kopper, der einst nach der Schneider-Pleite mit dem flapsigen Bonmot von den "Peanuts" (Erdnüsse) zu einer so nicht ganz beabsichtigten Prominenz gelangt war, steht wie kaum ein anderer für die Veränderungen im Gefüge der deutschen Wirtschaft.

Nach dem Abitur durchläuft er eine lupenreine Laufbahn in der Deutschen Bank, erlebt Legenden wie Hermann Josef Abs, macht Karriere in der Blütezeit der Deutschland AG und wird 1989 Nachfolger des ermordeten Alfred Herrhausen als Vorstandssprecher des Frankfurter Geldhauses.

Die Rolle der Banker? "Die hat sich dramatisch verändert in den letzten zehn oder 15 Jahren." Kopper trauert der alten Zeit, in der das Leitungspersonal der großen Häuser fast wie eine Nebenregierung betrachtet wurde, nicht nach. "Die Banker waren nicht zu mächtig, ihnen wurde zuviel zugemutet oder sie haben sich das aufladen lassen; das gab einen falschen Eindruck." Vor allem, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllt hätten. "Jetzt sind wir auf dem Weg in eine größere Professionalität."

International rangiert die Deutsche Bank nur noch in der zweiten Riege der Topadressen. Auf dem heimischen Markt scheint der deutsche Branchenprimus, in dem Kopper kein Amt mehr bekleidet, zumindest besser unterwegs als die Konkurrenz.

"Wirtschaft hält alles zusammen, aber ..."

"Wirtschaft hält alles zusammen, aber keiner weiß es"

Doch der Pensionär beklagt die Fesseln: "Wir sind deswegen zurückgefallen, weil es international enorme Zusammenschlüsse gegeben hat." Das würden die Regularien des Drei-Säulen-Modells hierzulande verhindern. Video:"Deutschland ist fast mittelalterlich in einem Zunftgebaren zurückgeblieben", sagt Kopper. "Und diese Säulen sind altgriechisch. Eine moderne Volkswirtschaft kann man darauf nicht aufbauen."

Also konzentriert man sich auf die eigenen Stärken. "Der Name Deutsche Bank ist Programm. Der hat einen unglaublichen Klang im Ausland." Die immer wieder auftauchenden Gerüchte über eine Verlegung? "Das ist auch so eine Mär, die aus der Klamottenkiste gezogen wird und auftaucht ... wie Nessie."

Ebenso irritiert zeigt sich Kopper über das Misstrauen, mit dem sein Nach-Nachfolger Josef Ackermann hierzulande belegt wird. Manchmal habe er den Eindruck, dem Eidgenossen werde die falsche Nationalität unterstellt. "Der ist 'nur' ein Schweizer, und er wäre vielleicht ein vaterlandsloser Geselle."

Egal, nicht mehr ganz seine Baustelle; eine andere beackert Kopper, der auch den Kontrollgremien von Unilever und Xerox angehört, umso engagierter. "Unsere Aufsichtsräte sind zu groß und deshalb nicht immer effektiv." Der rechtliche Hintergrund in Deutschland erschwere die Aufgabe der Aufseher, bei 20 Räten sei das "eine Statement-Bude, aber kein Diskussionskreis."

Ganz klar, die Mitbestimmung will Kopper reformiert sehen, nicht aber abschaffen. Und die Zahl der Räte am liebsten halbieren. Es sei ohnehin schwer genug, die geeigneten Leute zu finden - für beide Seiten des Tisches. Er kenne kaum noch aktive Vorstände, die über Zusatzmandate begeistert wären. Kein Wunder, "ein Vorstand verlangt heute den ganzen Mann oder die ganze Frau, die können nicht noch auf anderen Veranstaltungen herumhopsen."

Und daher gibt es für Kopper keine geeigneteren Kontrolleure als frühere Unternehmenslenker - so wie er es bei der Bank exerziert hat und wie es jetzt für Siemens angekündigt wurde. "Neue Vorstände lassen sich doch von ihrem alten Herrn nicht den Weg verbauen."

Kopper betrachtet das Getriebe inzwischen aus seiner ganz eigenen Position. "Ich genieße meinen Zustand", sagt er. "Ich sitze in leicht erhöhter Position, man könnte sagen: verantwortungslos; und schaue herunter und möchte manchmal dazwischenrufen." Vor allem dieses an Politik und ökonomische Eliten: "Man muss den Menschen verständlich erklären, warum Veränderungen sein müssen." Und was die Wirtschaft dabei leisten könne oder auch nicht. "Die Wirtschaft", sagt Kopper, "hält schließlich alles zusammen, aber keiner weiß es. Jeder glaubt, Wirtschaft kommt aus der Dose."

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