IDS Scheer "Die Revolution wird kommen"

August-Wilhelm Scheer, Gründer und Chefkontrolleur von IDS Scheer, erklärt im Gespräch mit manager magazin TV, wieso Deutschland viel zu wenig Zugpferde hat, warum unsere Forschung dringend besser werden muss und was Jazz mit aufgeklärtem Kapitalismus gemein hat.
Von Matthias Ziemann

Hamburg/Saarbrücken - Der freundliche Herr, der an diesem Frühlingstag durch die Hamburger Innenstadt schlendert, unternimmt eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Lockiger Graukopf mit lichter Stirn, dunkelblauer Einreiher, weißes Hemd, dezenter Binder; ab und zu verweilt der Flaneur.

Ein solventer Pensionär auf Tagesreise? Der Senior einer Kanzlei, der den Junior-Partnern die Arbeit überlässt?

Oder einer, der mal hier studiert hat und der dann als einer der wenigen den diffizilen Spagat zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gewagt und bestanden hat, der seit 20 Jahren mit einem wachsenden IT-Unternehmen auf dem Markt ist, der die Blase der New Economy überstanden hat und seinen Aktionären - und auch sich selbst - bis in die Gegenwart Freude bereitet?

Professor Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist in den Norden gekommen, um Aufklärung zu leisten. Am Vorabend hat der Wirtschaftsinformatiker, Gründer und Oberkontrolleur der IDS Scheer AG  mit dem Jenoptiker Lothar Späth ein Podium in Lübeck besetzt, an der Hamburger Alster unternimmt er im Gespräch mit Wolfgang Kaden für "manager magazin TV" eine Tour d'Horizon durch deutsche Befindlichkeiten in Märkten, Forschung und Politik.

Im Jahre 1984 beschloss Scheer, sein Know-how nicht nur Forschung und Lehre zugute kommen zu lassen, sondern auch in der Realität des Marktes anzuwenden. Die Anfänge von IDS Scheer waren für den ungeduldigen, aber doch an die Sicherheit des Beamten gewöhnten Gründer bisweilen hart.

"Natürlich gab es Krisen. Und es war so, das man manchmal wochenlang fast nicht schlief und dreimal das Nachtzeug wechseln musste", sagt Scheer. Heute schläft er besser. 290 Millionen Euro Umsatz bei einer Marge von mindestens 12 Prozent peilt das Saarbrücker Unternehmen für dieses Geschäftsjahr an, 2000 Mitarbeiter werden beschäftigt.

Der Namensgeber und Großaktionär fungiert als "aktiver Aufsichtsrat", um Kollisionen mit dem saarländischen Beamtenrecht zu vermeiden. Das Alltagsgeschäft besorgt ein Vorstand. "Ich kann sehr gut loslassen", sagt Scheer. "Man darf sich selbst nicht zum Engpass machen."

Den gewonnenen Freiraum nutzt der 62-Jährige, der auch dem SAP-Aufsichtsrat angehört, zu klaren, oft unbequemen und immer im höflichsten Ton vorgetragenen Bemerkungen und Analysen. Und die widmen sich vor allem drei Themen: dem stagnierenden deutschen Bildungssystem, der veralteten Wissenschaftsförderung und der fast unglaublichen Gelassenheit, mit der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik dem Exodus von Know-how, Spitzenforschern und am Ende auch Arbeitsplätzen zuschauen.

"Wir haben viel zu wenig Zugpferde"

Scheer fordert Studiengebühren, "damit der Student zum Kunden wird und von seiner Hochschule die beste Leitung verlangen kann." Eigentlich klar, dass damit auch der Status der beamteten Lehrkräfte obsolet würde.

Scheer, der auf die Hälfte seiner Uni-Bezüge verzichtet, setzt auf die Kraft der Vernunft: "Man muss den Leuten einfach nur klarmachen, dass es außerhalb des gegenwärtig bestehenden Wertesystems an den Hochschulen auch noch andere tolle Dinge gibt." Entrepreneurship zum Beispiel.

Die Beharrungskräfte an Lehrstühlen und Instituten mögen ob solcher Vorschläge noch zunehmen - "kein Frosch würde seinen Teich selbst trockenlegen" -, die eigentliche Entwicklung sei aber nicht zu stoppen. "Die Revolution wird kommen, angestoßen auch noch von der EU-Erweiterung. Und je später sie hier ankommt, umso härter wird sie." Im gleichen Kontext betrachtet der gebürtige Westfale die institutionalisierte Forschungsförderung: "Wir haben den Gedanken der Freiheit von Lehre und Forschung übertrieben."

Neue Kriterien müssten her: "Wir müssen die Effizienz der geförderten Vorhaben überprüfen." Und das nicht nur zu Beginn eines Projekts, sondern während des ganzen Verlaufs. Denn bisher gewinnt, "wer den besten Förderungsantrag schreibt, nicht der, der das beste Ergebnis abliefert."

Nur folgerichtig für Scheer, dass auch wegen dieser Defizite die vielen guten Ideen aus Instituten und Fakultäten viel zu selten bis zur Einführung eines Produkts umgesetzt werden. "Ein typischer Fall ist MP3 - in Deutschland erdacht und entwickelt, aber schauen Sie mal auf den Markennamen, wenn Sie sich so ein Gerät kaufen."

Dieser schleichende Prozess der Auszehrung, in dem viele deutsche Unternehmen wie Nixdorf und andere verschwunden sind, führt gerade für die engagiertesten Talente zu Problemen: "Es gibt hier im Land viel zu wenig Zugpferde, die auch mal die kleineren Firmen mitnehmen", sagt Scheer und gibt ein Beispiel für das Zusammenwirken: "Bill Gates wäre doch nie aus seiner Garage herausgekommen, wenn nicht IBM mit jedem Gerät auch MS-DOS verkauft hätte." IDS Scheer übrigens verfügt über einen Kooperationsvertrag mit SAP .

Der freundliche Mahner erstarrt aber nicht in pessimistischer Attitüde. Dazu glaubt er zu sehr an die Machbarkeit der Veränderung und die vernunfterzeugende Wirkung von Argumenten. Und wenn er damit mal nicht weiterkommt, kann er sich in die Musik zurückziehen. Jazz hat er immer geliebt, aber sein Saxophon als Student in die Ecke gestellt.

Als Mittvierziger hat er es wieder hervorgeholt, heute jammt er mit dem Werner Seifert, dem Chef der Deutschen Börse, oder Mitarbeitern - und hat natürlich eine Parallele zwischen Jazz und aufgeklärtem Kapitalismus ausgemacht: "Man muss sich auf die Rahmenbedingungen einigen und aufeinander hören - dann kann jeder mal Solist sein."