Fotostrecke

Bildung: König Wolfang I.

Foto: imago/Astrid Schmidhuber

Warum die TU München so besonders ist König Wolfgang I.

Seit 22 Jahren ist Wolfgang Herrmann höchst erfolgreicher Präsident der TU München. Er ist der lebende Beweis, dass es Exzellenz im deutschen Hochschulwesen nur gibt, wenn man es maximal düpiert.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Den uniformierten Jüngling mit Mittelscheitel auf dem überlebensgroßen Bild am Ende des Flurs kennt jeder Bayer: Es ist König Ludwig II. Auf dem Türschild neben dem "Kini" steht in Großbuchstaben "PRÄSIDENT". Ludwig II. hat die "Königlich-Bayerische Polytechnische Schule zu München", in deren Verwaltungstrakt heute sein Konterfei hängt, nie geleitet, er hat sie nur 1868 gegründet.

Der Mann, der in dem Bürosaal hinter dem Gemälde residiert und wirklich der Chef ist, wird indes von einem ähnlichen Gestaltungswillen angetrieben wie einst der König selbst: Deutschlands dienstältester Hochschulpräsident, Wolfgang Herrmann. Seit nunmehr 23 Jahren führt der Chemiker die Technische Universität München (TUM). Die Hochschule, die in diesem Jahr ihr 150. Jubiläum begeht, schneidet nicht nur seit Jahren stets als beste Techuni der Republik ab, sie gilt auch als einzige deutsche Bildungsstätte, die es weltweit mit Topanbietern wie Stanford oder dem berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) aufnehmen kann.

Der 69-jährige Herrmann hat das Konzept der "unternehmerischen Universität" entwickelt, das Professoren zwar nach akademischer Exzellenz beruft, sie dann aber nach Leistung honoriert - und das den steten Austausch mit der Industrie sucht. Diese Reform hat er nicht nur entwickelt, er hat sie durchgeboxt - gegen den jahrelangen Widerstand von Gremien und Politik.

Dabei war er nie zimperlich. Der TUM-Präsident hat Gesetze bis an den Rand des Erlaubten interpretiert, zu seinen Gunsten neu formulieren lassen und sich bei Bedarf über Regeln auch einfach mal hinweggesetzt. Er hat taktiert, Rivalen ausgebremst und seine Beziehungen spielen lassen, wo immer er es brauchte.

Herrmann ist der lebende Beweis dafür, dass es Exzellenz im Hochschulwesen hierzulande nur gibt, wenn man das System maximal düpiert. "A Hund is a scho!", geben selbst jene zu Protokoll, die ihn verehren.

Herrmann, Kind einer Lehrerfamilie aus Kelheim an der Donau, spricht bis heute Bayerisch. Beim urwüchsigen "Gäubodenfest" in Straubing hielt er die Eröffnungsrede in breitem Dialekt, seine Laudatio auf eine geistesverwandte Kabarettistin war ebenfalls nur Bayern verständlich. Vor Besuchern inszeniert sich der Spitzenakademiker gern als eine dieser schnauzbärtigen Figuren des Heimatdichters Ludwig Thoma: mit geblümter Samtweste unterm grauen Businessanzug oder gleich im Lodenjanker mit Hirschhornknöpfen.

Das Chemiestudium hat Herrmann beim Nobelpreisträger Ernst Otto Fischer abgeschlossen; nach einem Forschungsaufenthalt an der Pennsylvania State University bekam er in Regensburg schon mit 31 Jahren seine erste Professur. Acht Jahre später wurde ihm der Leibniz-Preis zugesprochen, Deutschlands höchstdotierte akademische Auszeichnung, danach folgte der Max-Planck-Forschungspreis. Insgesamt kann der anorganische Chemiker auf über 800 Fachpublikationen verweisen, er ist beteiligt an rund 80 Patenten.

Fotostrecke

Bildung: Herrmanns Netzwerk

Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty Images

Als Herrmann 1995 zum Präsidenten gewählt wurde, war die TU München eine kleine, auf die Ingenieurwissenschaften spezialisierte Hochschule, die im entlegenen Weihenstephan auch noch Landwirte und Bierbrauer ausbildete. Der Forschungsreaktor galt als Schandfleck, gegen das "Atom-Ei" auf dem TUM-Campus in Garching marschierte sogar Münchens Oberbürgermeister Christian Ude mit. Die hochmütigen Weißkittelprofessoren des Uniklinikums distanzierten sich vom restlichen Lehrkörper so weit es ging. Die TUM stand tief im Schatten ihres Nachbarn, der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wo Nobelpreisträger wie Wilhelm Conrad Röntgen, Adolf Butenandt oder Theodor Haensch gewirkt hatten.

Als Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber 1997 telefonisch den Entwurf einer Hochschulreform für den Freistaat einforderte ("dass es kracht"), sah Herrmann seine Chance gekommen. Er entwickelte für Stoiber ein Konzept, das es bis dahin weder in Zürich, Lausanne, Paris oder an einer der Ivy-League-Universitäten gab.

Unerfahren, wie er war, band er Wissenschaftsminister Hans Zehetmair in die Planungsarbeit nicht ein. Das rächte sich: Von Herrmanns Vorhaben blieb im ersten Schritt nur eine "Experimentierklausel" im bayerischen Hochschulgesetz übrig, die anfangs einzig die TUM für sich nutzte: Seit 1999 wird dort das Präsidium nicht mehr allein von einem Gremium aus Professoren, Angestellten und Studierenden kontrolliert, sondern auch von externen Fachleuten.

Ordentlich durchgeschüttelt

Das hat die TU München ordentlich durchgeschüttelt. Während sich zuvor Lehrende und Lernende selbst kontrolliert hatten und es quasi unmöglich gewesen war, ganze Fakultäten zu schließen oder Lehrstühle umzuwidmen, konnte fortan die ordnende Hand des Präsidenten eingreifen.

Den Vorsitz des Kontrollgremiums übernahm ein Externer, derzeit leitet Helmholtz-Präsident Otmar Wiestler den Hochschulrat, dem auch Siemens-CEO Joe Kaeser, BMW-Chef Harald Krüger und Trumpf-Matriarchin Nicola Leibinger-Kammüller angehören.

Mit der neuen Governance im Rücken begann Herrmann seinen ersten Beutezug: die Forstwissenschaftliche Fakultät der LMU, in Weihenstephan direkte Nachbarin der TUM-Bierbrauer und -Agronomen. Wieder stellte sich Minister Zehetmair quer, für die "feindliche Übernahme" benötigte Herrmann einen Kabinettsbeschluss.

Den bekam er dann auch, mithilfe von Ministerpräsident Stoiber und Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Seither firmieren die fusionierten Fakultäten unter Regie der TUM als "Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt" (WZW).

Eine solche Übernahme würde er "heute anders machen", räumt Herrmann ein, "aber genauso zielführend": weniger Brechstange und Gemauschel, mehr zureden. Richtig sei sie trotzdem gewesen. Das WZW sei heute ein "pulsierendes Zentrum der Life Sciences und ein neues Standbein der TUM - größer als die gesamte Universität Passau".

Für Herrmann persönlich hatte der Sieg über den akademischen Rivalen indes schlimme Folgen: Nach dem Start des WZW wollte ihn Ministerpräsident Stoiber an den Kabinettstisch holen. Doch am Tag vor seiner Ernennung zum Verbraucherschutzminister musste Herrmann einen Rückzieher machen: Das bayerische Finanzministerium verfolgte eine längst beglichene Steuerschuld für Vortragshonorare und andere nebenberufliche Einkünfte in Höhe von insgesamt 90.000 D-Mark nun als Straftat. Herrmann behauptet, er habe die Einnahmen aus "Schlamperei und Überlastung" in den 90ern nicht korrekt deklariert.

Wie dem auch sei: Ein Steuerhinterzieher kann nicht Minister werden. Herrmann erhielt einen Strafbefehl in Höhe von 45.000 D-Mark und galt fortan als vorbestraft.

Der Hochschulrat blieb indessen loyal, Ex-Bundespräsident Roman Herzog, Allianz-Vorstandschef Henning Schulte-Noelle und andere sprachen Herrmann das Vertrauen aus. Sie glaubten, der reuige Steuersünder werde für die TUM mehr leisten als ein linientreuer Ersatz. Er durfte Präsident bleiben.

Das richtige Gespür

Und zwar über seine zweite Amtszeit hinaus. Dabei sah das bayerische Hochschulgesetz damals noch vor, dass Führungskräfte nur einmal wiedergewählt werden dürfen. Da Herrmann der TUM jedoch gerade den Titel "Eliteuni" gesichert und weitere große Pläne hatte, ließ Stoiber das Gesetz kurzerhand ändern. "Man wollte die außerordentliche Kompetenz des Wolfgang Herrmann, sein großes Managementtalent in der bayerischen Hochschullandschaft halten", erinnert sich der ehemalige Ministerpräsident an die Entscheidung.

Bei der 2014 anstehenden Flurbereinigung ebendieser Landschaft düpierte Herrmann die LMU, die er intern gern als "Lower Munich University" verspottet, erneut. Die kleine Münchener Hochschule für Politik, die eigentlich perfekt zur sozialwissenschaftlich renommierten LMU gepasst hätte, wurde der TUM zugesprochen. Mit einem Auftritt im Landtag hatte Herrmann die Abgeordneten von der Notwendigkeit dieser Fusion überzeugt, um für Zukunftsprojekte wie künstliche Intelligenz oder Biotechnologie in der Landwirtschaft eine breitere Akzeptanz zu schaffen. Nach der Übernahme zeigte er sich großzügig und installierte sieben neue Lehrstühle an der Hochschule.

Herrmanns Gespür für den richtigen Moment, sein diplomatisches Geschick und seine Vernetzung in die Wirtschaft haben der TUM auch so manchen Mäzen verschafft. BMW-Großaktionärin Susanne Klatten etwa hat in den vergangenen 15 Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag in den Inkubator UnternehmerTUM investiert. Auf dem Campus in Garching werden jährlich rund 50 Start-ups gepäppelt.

Zu den bekanntesten Ausgründungen zählen die Softwarefirma Celonis (Entrepreneur des Jahres 2016), die AMSilk, die ultraelastische Fasern aus den Proteinen von Spinnweben herstellt, sowie Flixbus, der neue Reisebusmonopolist.

Ein ähnliches Projekt wie mit Susanne Klatten ist Herrmann nun mit der Stiftung von Lidl-Gründer Dieter Schwarz gelungen. Die suchte für ihren Bildungscampus in Heilbronn einen potenten Partner, der dort für BWL-Studiengänge auf Uni-Niveau sorgen sollte. Die private German Graduate School for Management and Law und die Duale Hochschule Baden-Württemberg, beide am Standort Heilbronn, waren überzeugende Konzepte schuldig geblieben; die Universität Mannheim zögerte, sich in der Industriestadt zu engagieren.

Herrmann einigte sich gleich nach dem ersten Treffen mit dem Geschäftsführer der Schwarz-Stiftung auf einen Deal: Die TUM bekommt den Zuschlag, um auf dem Campus eine Fakultät für Wirtschaft und Technik zu errichten. Die Gebäude samt 13 neuen Lehrstühlen und 7 weiteren am TUM-Standort Garching finanziert die Schwarz-Stiftung.

Obwohl sie weder bei der Ausrichtung noch bei der Besetzung der neuen Professuren ein Mitspracherecht hat, bezahlt sie den gesamten Apparat nicht wie üblich für fünf Jahre, sondern auf Dauer.

Eine neue Uni für Nürnberg

Sind die 20 von der Schwarz-Stiftung bezahlten Ökonomen erst einmal berufen, wird die TUM School of Management mit 60 Ordinarien "Deutschlands größte BWL-Fakultät sein", bilanziert Herrmann stolz. Dass ein Großteil von denen nicht in Bayern, sondern in Baden-Württemberg forscht und lehrt, stört ihn nicht. "Im Zeitalter der Globalisierung ist das Schaffen von Wissen nicht mehr an die Strukturen des deutschen Föderalismus gebunden. Internationalisierung duldet keine Kirchturmpolitik."

Mittlerweile tragen die "Drittmittel" etwa 21 Prozent zum Gesamtetat der TU von 1,4 Milliarden Euro bei. Aus privater Hand stammen 80 Millionen, knapp 6 Prozent. Herrmann achtet schon im Eigeninteresse darauf, dass die von Unternehmen geförderten Professoren nicht nur Aufträge ihrer Sponsoren abarbeiten, sondern unabhängig forschen. Die Verträge mit seinen Hochschullehrern erlauben ihm deutlich mehr Kontrolle des akademischen Outputs als anderswo. Wer nicht performt, dem werden die Zulagen gestrichen.

Dem akademischen Sonnenkönig ist es gelungen, fünf international renommierte Professoren an die TUM zu locken, die mit jeweils fünf Millionen Euro von der Humboldt-Stiftung gefördert werden, plus 12 Leibniz-Preisträger und einige Dutzend Stipendiaten des Europäischen Forschungsrates, jeder ebenfalls in Millionenhöhe gesponsert.

Seit 2002 betreibt die TUM bereits einen Ableger in Singapur, das German Institute for Science and Technology. Finanziert von dem Stadtstaat, war es als Kooperation mit zwei ortsansässigen Hochschulen gegründet worden. Heute werden dort Hightechspezialisten für die Region ausgebildet. Die Absolventen sind hochbegehrt bei den asiatischen Niederlassungen deutscher Konzerne wie Bosch, Wacker oder BMW.

Natürlich musste Herrmann in seiner Amtszeit auch Misserfolge einstecken. Sein Vorhaben, den Widersacher LMU komplett der TUM einzuverleiben, wurde im Keim erstickt. Und selbst die kleine Fusionsvariante, der Zusammenschluss der Medizinfakultäten, scheiterte am politischen Widerstand.

Für das Jubiläumsjahr seiner Uni hat sich der Präsident ein großes Ziel gesetzt: Unter dem Projektnamen "Industry on Campus" will er Technologiemultis stärker an die TUM binden. Siemens hat schon zugesagt, ein Labor für über hundert Forscher und Entwickler in Garching zu errichten, dort sollen Roboter und andere autonome Systeme entstehen. Ein Drittel der 10.000 Quadratmeter Fläche soll allein der TUM zur Verfügung stehen.

Als Lockvogel setzt Herrmann seinen künftigen Ordinarius für Robotik ein: Sami Haddadin. Der Shootingstar der Szene wird ab April in Garching forschen und lehren. Haddadin habe Angebote von Stanford und vom MIT abgelehnt, berichtet Herrmann stolz. Auch dank der geplanten Zusammenarbeit mit Siemens.

Als Nächstes will Herrmann den Softwarekonzern SAP in Garching unterbringen. Bis Ende September 2019 hat er dazu Zeit, dann scheidet er aus dem Präsidium aus. Mit 71 ist er selbst nach dem neuen Hochschulgesetz zu alt zum Weiterregieren. Und danach? Wird sich der Herr Professor, der im Münchener Nobellokal "Osteria Italiana" heute schon gern mittags eine Flasche guten Wein bestellt, trotzdem nicht in den Ruhestand verabschieden. Im Auftrag der Landesregierung konzipiert er eine neue Universität in Nürnberg, mit mindestens 6000 Studierenden. Rund eine Milliarde Euro ist das Land Bayern bereit zu investieren.

Wieder fühlt sich ein Nachbar übergangen: Die Universität Erlangen-Nürnberg hat nichts mitzureden bei den Plänen vor ihrer Haustür.

Herrmann will in Nürnberg deutlich mehr Professoren- und Dozentenstellen pro Student schaffen als anderswo. "Klar, das kostet", sagt er, notfalls müssen eben Gebühren erhoben werden und der Bund einspringen, um "die besten Studierenden der Welt nach Deutschland zu holen".

Wie das gehen soll, sei ihm wurscht. Regeln lassen sich schließlich anpassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.