Montag, 22. April 2019

Georg Stumpfs eigenwilliges Regime bei M+W Ein Ex-Dax-Chef, ein rätselhafter Milliardär und das ewige deutsche Industrie-Talent

Wolfgang Büchele: Ball der einsamen Herzen
imago stock&people

Der ehemalige Linde-Chef startete beim Industriekonzern M+W mit großen Hoffnungen - doch dort geraten Manager sehr schnell aus dem Takt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 10/2017 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wolfgang Büchele (58) war in Hochstimmung. Freudestrahlend posierte er Mitte Februar mal an der Seite von Multiaufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner (51), mal neben dem ewig grimmigen russischen Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow (67). Gerade erst hatte er einen Deal in eigener Sache perfekt gemacht. Er habe wieder einen neuen Spitzenjob, vertraute er Bekannten während der Münchner Sicherheitskonferenz im "Bayerischen Hof" stolz an.

Wenige Monate zuvor hatte Büchele den Vorstandsvorsitz beim Dax-Konzern Linde Börsen-Chart zeigen hingeschmissen, nachdem klar geworden war, dass er die Fusion mit Praxair nicht im Amt überleben würde. Büchele brauchte dringend einen einflussreichen Posten. Sonst wäre auch der Vorsitz des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft gefährdet gewesen, und mit ihm die Teilnahme an einer so hochkarätig besetzten Tagung wie der Sicherheitskonferenz.

Nun also der ersehnte Anschlussjob. Doch wo? Das behielt Büchele lieber erst mal für sich, obwohl er den neuen Job schon zwei Wochen später antreten würde.

Büchele dient jetzt als Chef beim Stuttgarter Anlagenbauer M+W. Dort hat er es mit einem höchst eigenwilligen österreichischen Milliardär als Eigentümer zu tun: Georg Stumpf (45). Der hagere Mann mit der hohen Stirn ist ein ausgesprochener Minimalist in Sachen Publicity - zumindest soweit es ihn, seine Geschäfte und auch seine Angestellten betrifft. Abgesehen von Besuchen beim Wiener Opernball mit seiner Lebensgefährtin tritt er öffentlich so gut wie nie in Erscheinung. Für Reisen hält er - ganz diskret - zwei Privatflieger bereit, einen pompös ausgestatteten Airbus A319 und einen Bombardier-Jet. Bei einem solchen Eigner redet man lieber zu wenig als zu viel, das hat Büchele früh begriffen.

In seiner Heimat hat Stumpf sich einen Namen als risikobereiter Immobilieninvestor gemacht. In der Schweiz erlangte er als aggressiver Firmenjäger einen eher zweifelhaften Ruf. Seit ein paar Jahren widmet er sich vor allem seinem deutschen Industriebesitz: M+W.

An der Seite dieses Mannes erlebt Büchele nun das wahrscheinlich größte Abenteuer seiner Laufbahn. Die Mission darf als quasi impossible eingestuft werden. Da ist zum einen der nach außen scheue Eigner, der nach innen umso machtbewusster auftritt und gern mal im Handstreich wichtige Entscheidungen seiner Führungscrew revidiert. Und da ist eine Firma, an der schon viele verzweifelten: der verstorbene Lothar ("Cleverle") Späth ebenso wie diverse Managerkoryphäen.

Rein technisch gesehen mag das auf Reinräume für die Chipproduktion spezialisierte Unternehmen (2,6 Milliarden Euro Umsatz) zu einer respektablen Adresse der deutschen Industrie zählen. In anderen Belangen ist M+W dagegen eher eine Großbaustelle. In den zurückliegenden vier Jahren schrieb das Unternehmen mit einer Unterbrechung rote Zahlen.

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2017 soll nun die Ergebniswende bringen - wenn denn die Restrukturierung anschlägt und die zermürbte Belegschaft wieder Mut fasst. Und die Steueraffäre, die das Unternehmen seit geraumer Zeit plagt, endlich abgehakt werden kann.

Der Fall M+W gibt Einblicke in die Arbeitswelt von Managern, die ihre Karriere eigentlich schon hinter sich haben. Wie ein Profifußballer, der im fortgeschrittenen Alter bei einem zweitklassigen US-Klub noch mal sein Glück sucht.

Unter Stumpf hat sich M+W zu einer regelrechten Auffangstation für gestrandete Hochkaräter entwickelt. Osram-Chef Olaf Berlien (55) legte hier nach seinem Abgang bei ThyssenKrupp einen Zwischenhalt ein. Ebenso der ehemalige Audi- und Magna-Chef Herbert Demel (63).

Beide hielten es nicht lange mit Stumpf aus. Berlien blieb gerade mal zehn Monate in Stuttgart. Bei Demel waren es gut zwei Jahre, aber nur, weil sein Landsmann Stumpf zunächst keinen Ersatz fand. Nach Bücheles Verpflichtung flüchtete Demel auf seine brasilianische Fazenda.

Mittlerweile ist auch Büchele in der M+W-Realität angekommen. Er selbst mag sich nicht äußern, aber Nahestehende wollen deutliche Anzeichen von Ernüchterung bei dem anfänglich so euphorischen CEO festgestellt haben.

Büchele war gewarnt. Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle (68), der einiges an Erfahrung mitbringt, hatte zu allergrößter Vorsicht gemahnt.

Doch Büchele hatte schon immer einen Hang zu unbequemen Lösungen. Als designierter BASF-Vorstand überwarf er sich mit dem damaligen CEO Jürgen Hambrecht (71). Den Weltkonzern tauschte er ein gegen die Einöde eines Firmenheims an der ungarisch-slowakischen Grenze, von wo aus er den Chemiekonzern BorsodChem lenkte. Bei Linde nahm er es mit einem aufsässigen Finanzchef auf und rüttelte am Denkmal des übermächtigen Reitzle.

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