Mittwoch, 18. September 2019

Billigflieger Wizz Air Pink Panther

Luftfahrt: Die wichtigsten Fakten über Wizz Air
REUTERS

2. Teil: Flugplan statt Windeln

Der Quereinsteiger, wegen seiner Procter-Vergangenheit zunächst als "Windelverkäufer" verhöhnt, überzeugte mit Reformen und stieg bald zum Vorstandsprimus auf. Er kämpfte gegen den Behördengeist, besorgte moderne Boeings, gründete sogar einen Expressableger, eine Art Billigtochter. Nach zwei Jahren war trotzdem Schluss. "Es gab eine neue Regierung, und die wollte Málev wieder eng kontrollieren", erzählt er. Anhaltende Bitterkeit klingt durch.

War die Gründung von Wizz Air also ein Racheakt oder nur eine logische Weiterentwicklung? Jedenfalls versammelte der Gefeuerte kurz darauf ein paar alte Mitstreiter und Cracks aus der Wirtschaft und entwarf seine eigene Airline.

Alle waren bereit, sich für den gemeinsamen Traum restlos zu verschulden. Doch das Startgeld reichte nicht. Váradi ging auf Roadshow und wurde in den USA fündig. Er gewann einen Finanzier, der heute als der großer Nestor des Billigflugs gilt: Bill Franke (81). Der Texaner war eher zufällig in die Luftfahrt geraten, sanierte und fusionierte US-Airlines. 2002 machte Franke sein eigenes Geschäft auf, gründete die Private-Equity-Firma Indigo Partners. Spezialgebiet: Luftfahrt.

Was der junge Ungar dem Investor präsentierte, passte genau ins Schema: ein aufbrechender Markt - im Mai 2004 sollten Ungarn und neun weitere Länder der EU beitreten; schwache Konkurrenten wie die Malév sowie ein ortskundiger Anführer mit westlichem Know-how, József Váradi eben.

Bill Franke wurde Chairman von Wizz Air und ist es heute noch. 20,8 Prozent der Firma gehören ihm, er ist größter Aktionär. Váradis Anteil hingegen schmolz auf 2,8 Prozent ab. Ist Franke der eigentliche Boss?

Der CEO beteuert die Eigenständigkeit von Wizz Air. Franke halte sich aus dem Operativen heraus. Sein Einfluss dürfte dennoch gewaltig sein. Er steckt tief im Geschäft.

Man kann ihn ohne Übertreibung als den Warren Buffett der Fliegerei bezeichnen. Seine Indigo Partners mischt maßgeblich bei einer eindrucksvollen Reihe von Billigfliegern mit: bei Spirit Airlines und Frontier Airlines in den USA, bei der chilenischen JetSmart, der mexikanischen Volaris und bald wohl auch bei einem kanadischen Discounter.

Der Geist der Finanzprofis ist bei Wizz Air an vielen Stellen zu spüren, etwa beim umsichtig organisierten Börsengang. Seit Februar 2015 ist Wizz notiert - in London, nicht in Budapest. Der Kurs hat sich seither nahezu verdreifacht.

Überhaupt geht es unter dem Gespann Váradi/Franke auffallend international zu. Das neunköpfige Führungsteam stammt aus sieben Nationen. Die meisten Topmanager sitzen gar nicht in Budapest, sondern an einem Standort, der sich für ein Low-Cost-Unternehmen nicht gerade aufdrängt: Genf. In Ungarn wird das Operative geregelt, in einem Bürohaus in zweiter Reihe. In der Schweiz reift die Strategie.

Die Hölle am Himmel
Wie der Erfolg den Billigfliegern zusetzt
Aufstieg
Die Revolution kam mit Turnschuhen und Baracken. Die Anfänge der Billigflieger in Europa in den 90ern waren wenig eindrucksvoll: flapsige Manager wie Ryanair-Chef Michael O'Leary und Provinzpisten bestimmten das Bild. Doch entgegen aller Skepsis der etablierten Airlines hat sich das Low-Cost-Modell auf der Kurz- und Mittelstrecke durchgesetzt. Die Discounter bedienen inzwischen praktisch sämtliche Top-Airports und bestimmen im Europaverkehr 48 Prozent des Markts. Von Deutschland aus gibt es gut 500 Low-Cost-Strecken. Der Untergang von Air Berlin verlieh den großen Billigfliegern 2017 zusätzlichen Schub.
Turbulenzen
Trotz des anhaltenden Wachstums zeigen sich auch bei den Billigfliegern Sättigungstendenzen. Zudem gibt es Zweifel, dass sie ihre Kosten halten können. Die Belegschaften reifen und verlangen mehr Geld, Steuer- und Sozialdumping wird immer weniger geduldet.
Kurswechsel
Um ihr Geschäft abzusichern, suchen besonders die Marktführer die Nähe der klassischen Airlines. EasyJet hat mehrfach Zubringerdienste für die Lufthansa sondiert, Ryanair will diese Rolle mit dem Kauf der Laudamotion anscheinend erzwingen. Eine riskante Route hat die skandinavische Norwegian Air Shuttle eingeschlagen. Sie versucht, das Low-Cost-Modell auf Fernflüge zu übertragen. Die bisherigen Ergebnisse sind wenig ermutigend. Norwegian scheint nun auf eine rettende Übernahme zu hoffen. Gleichzeitig schafft die Not der Großen Platz für kleinere Aufsteiger mit altem Biss, Wizz Air vorneweg.

Ein Entgegenkommen für die Expats. Die wollten lieber in der Schweiz arbeiten als in Ungarn, erklärt Váradi. Außerdem gebe es Steuervorteile - für die Firma wie wohl auch für ihre teuersten Angestellten.

Unerwähnt lässt er einen vermutlich ebenso wichtigen Grund: Abstand halten zur ungarischen Politik.

Váradi hatte das mal sehr nötig. Als er mit seiner Wizz Air (der Name ist reines Wortgeklingel und bedeutet nichts) die alte Malév attackierte, ja sogar in Brüssel gegen Subventionen für das Fossil vorging, galt er beinahe als Staatsfeind. Nach der Malév-Pleite 2012 hat sich sein Renommee stark verbessert, man überhäuft ihn mit Auszeichnungen, Váradi genießt in Ungarn Starruhm. Doch beim Halbexil am Genfer See bleibt es, auch wenn die Familie weiterhin in Budapest lebt.

Mental ist Váradi seiner Heimat längst entwachsen. Zwei- bis dreimal im Jahr, sagt er, nimmt er sich Auszeiten in New York, erkundet angesagte Restaurants, joggt im Central Park, atmet Freiheit: "Ich mag einfach die Energie dieser Stadt."

Seine US-Verbündeten sind Finanzinvestoren; die gelten gemeinhin als ungeduldig. Bei Wizz war davon lange nichts zu spüren. Für die ersten 50 Flugzeuge nahm sich die Linie elf Jahre Zeit. Die nächsten 50 Maschinen folgten dann binnen drei Jahren. Und jetzt zieht das Tempo richtig an.

Im vergangenen November beglückte Bill Franke den Flugzeugbauer Airbus mit einer spektakulären Bestellung: 430 Mittelstreckenjets auf einmal - historischer Rekord. Gedacht ist die Armada für das ganze Indigo-Reich. Wizz aber bekommt den dicksten Brocken ab, 146 Airbusse. Bis 2026 dürfte die Flotte auf 300 Maschinen anwachsen.

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