Griechenland vor der Pleite Wie Tsipras die griechische Wirtschaft austrocknet

Die neue Regierung schnürt der privaten Wirtschaft gezielt die Luft ab. Viel zu retten gibt es da bald nicht mehr.
Von Ulric Papendick
Griechenlands Premier Alexis Tsipras: In dieser Woche muss Griechenland einen IWF-Kredit zurückzahlen - und die Staatspleite rückt immer näher

Griechenlands Premier Alexis Tsipras: In dieser Woche muss Griechenland einen IWF-Kredit zurückzahlen - und die Staatspleite rückt immer näher

Foto: ALKIS KONSTANTINIDIS/ REUTERS

Grauer Waschbeton, ein edel gestaltetes Foyer, mittendrin ein Olivenbaum: Auf den ersten Blick ähnelt die Zentrale von Apivita einer Werbeagentur. Allein die mit großen Glaswänden abgeschirmten Produktionsanlagen und Labors, in denen Mitarbeiter in Schutzanzügen Pflanzenextrakte destillieren, verraten, dass hier ein Kosmetikhersteller residiert.

Das hypermoderne Apivita-Gebäude mit seinen Sonnenkollektoren und begrünten Dachflächen würde man eher im kalifornischen Silicon Valley erwarten als im vermeintlich rückständigen Griechenland. Und so eilte vor Jahren sogar Bill Gates nach Athen, um dem Apivita-Gründer Nikos Koutsianas einen Innovationspreis zu verleihen.

Fotostrecke

Firmen in Griechenland: "Viel zu retten gibt es bald nicht mehr"

Foto: ALKIS KONSTANTINIDIS/ REUTERS

Der gelernte Apotheker, der das Unternehmen vor fast 40 Jahren gründete, ist eher Philosoph als Manager. Konkurrenzkampf und Konsumterror sind ihm fremd. Und trotzdem verkauft Apivita seine Biokosmetika inzwischen in die halbe Welt. Der Konzern wächst, selbst im Krisenjahr 2014 legte der Umsatz um 10 Prozent auf 36 Millionen Euro zu.

Gerade erst hat Koutsianas mehrere Filialen in Japan eröffnet. Made in Greece ist für den Unternehmer, dessen Cremes und Shampoos auf Basis griechischer Naturprodukte entstehen, eine Erfolgsformel. Noch.

Syrizas Hinhaltetaktik - für griechische Unternehmen ist das ruinös

Denn was seine neue Regierung um Ministerpräsident Alexis Tsipras (40) vor den Augen der Weltöffentlichkeit da treibt, mit ihrer Hinhaltetaktik und ihrem Betteltourismus (Brüssel, Washington, Moskau, Peking), irritiert nicht nur die Europäer. Für die Wirtschaft daheim ist dieser Aktionismus geradezu ruinös. Viele Firmen sind kaum noch in der Lage, frisches Geld, egal ob fürs Tagesgeschäft oder für Investitionen, aufzutreiben.

Die neue Regierung sei eine einzige Katastrophe für das Land, sagt der Chef eines der größten Konzerne: "Die sind auf dem besten Weg, uns alle in die Pleite zu treiben."

In der Tat ist das Unheil, das mit dem Regierungswechsel in Athen über die griechische Wirtschaft hereingebrochen ist, gewaltig. Die klammen heimischen Banken leihen den Unternehmen, wenn überhaupt, nur noch zu Wucherzinsen Geld. Investoren, die angesichts des drohenden Euro-Austritts noch bereit wären, Kapital bereitzustellen, gibt es so gut wie keine mehr. Und die Reserven sind nach sechs Jahren Dauerkrise weitgehend aufgebraucht.

Jeder Tag Unsicherheit vernichtet Substanz

Jeder Tag Unsicherheit vernichtet Substanz. Selbst sinnvolle, dringend nötige Investitionen in noch gesunde Geschäfte bleiben aus. "Viele Unternehmen sind bereits jetzt mehr tot als lebendig", sagt der Vorstand einer griechischen Bank. Wenn die Europäische Union Griechenland retten wollte, dann sollte sie dies schnell tun, empfiehlt er. "Ansonsten ist hier nichts mehr, was sich zu retten lohnt."

Zwar gelang es Athen, seinen Primärhaushalt dank größter Sparanstrengungen von einem 9,6-Prozent-Defizit (2009) in einen Überschuss zu verwandeln. Doch erkauft wurde dieser Turnaround mit gigantischen Wohlstandseinbußen: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte 18 Quartale in Folge, bevor sich im vergangenen Jahr eine zaghafte Wende abzeichnete und sowohl Industrieproduktion als auch Gesamtwirtschaft und Beschäftigung wieder leicht wuchsen.

Nun könnten die Populisten das Land vollends vor die Wand fahren, warnt Berenbergs Chefökonom Holger Schmieding.

Die Hoffnung, dass sich ihr Land aus eigener Kraft aus der Misere befreit, haben die privaten Unternehmer längst aufgegeben. Denn die Regierung begegnet ihnen mit offener Feindseligkeit. Vor allem der harte Kern der Syriza-Partei um Energieminister Panagiotis Lafazanis würde die Marktwirtschaft in den zentralen Industriezweigen am liebsten ersetzen: durch Behörden und Staatskonzerne.

Grexit wird immer wahrscheinlicher

Viele in der Wirtschaft rechnen mit dem Schlimmsten: einem Grexit. Es gebe Kräfte in der Regierung, die insgeheim genau das planen, sagt ein griechischer Topmanager. Das Argument der Ultralinken: Das Elend sei derart groß, dass eine Rückkehr zur Drachme die Not nur lindern könne.

Für die zumeist hoch verschuldeten und auf Rohstoffimporte angewiesenen griechischen Unternehmen käme ein Austritt aus dem Euro indes einem technischen K. o. gleich, schließlich würden Gläubiger und Geschäftspartner auf Begleichung ihrer Forderungen in der vereinbarten Währung beharren.

Schon jetzt trockne Griechenlands Wirtschaft regelrecht aus, klagt Panos Marinopoulos, Chef einer der größten griechischen Lebensmittelhändler. Seine vor über 120 Jahren gegründete Familienfirma, die mit internationalen Branchenriesen wie Carrefour  und Starbucks  zusammenarbeitet, bekomme vom Staat keine offenen Rechnungen mehr beglichen.

Griechische Unternehmer hoffen, dass sich Merkel gegen Tsipras durchsetzt

Die Kapitalknappheit hat selbst dynamische Vorzeigeunternehmen wie Apivita erfasst. Es sei fast unmöglich, Geld für neue Projekte zu erhalten, berichtet Koutsianas' rechte Hand John Choukalas. "Wir müssen uns sehr genau überlegen, wofür wir die wenigen verfügbaren Mittel einsetzen."

So wie viele seiner Unternehmerkollegen hofft er auf einen "New Deal" mit der EU und darauf, dass Kanzlerin Angela Merkel sich gegen Tsipras durchsetzt.

Offen sagen mag das indes keiner. Zu groß ist die Furcht vor dem Groll der Syriza-Regierung. Denn aus deren Sicht sind die mächtigen Unternehmerclans nichts anderes als Oligarchen, die sich viel zu lange auf Kosten des Staats und seiner Bürger bereichert haben.

Seit seinem Amtsantritt im Januar lässt Tsipras die Bosse auflaufen. Industriepräsident Theodoros Fessas hat bei ihm trotz wiederholter Versuche keine Audienz bekommen. Ein Baumagnat wie Anastasios Kallitsantsis, der zu mehr als 90 Prozent auf öffentliche Aufträge angewiesen ist, wird übergangen.

Schlimmer noch: Die neue Regierung stellt sogar bereits abgeschlossene Projekte wieder infrage, darunter die privat finanzierten Autobahnen, die Kallitsantsis' Unternehmen Ellaktor im Athener Umland gebaut hat. Syriza will die Höhe der Mauteinnahmen, die Ellaktor zufließen, neu verhandeln.

Auch die Unternehmer-Dynastien haben die Politik für ihre Zwecke missbraucht

Zugleich macht die Regierung ihren Unternehmern erbittert Konkurrenz. Die geplante Privatisierung vieler Staatsunternehmen hat Syriza gestoppt oder sogar rückgängig gemacht. Der staatliche Energieversorger PPC, mit 20.000 Mitarbeitern einer der größten Betriebe des Landes, wird nicht wie geplant an die Börse gebracht. Stattdessen inthronisierte Syriza einen ehemaligen Gewerkschaftsführer an der Konzernspitze, mit dem Auftrag, die privaten Wettbewerber anzugreifen.

Ganz unschuldig sind die Unternehmer an dieser Misere nicht. Die Dynastien haben die Politik früher regelmäßig für ihre Zwecke missbraucht. Bis heute haben sie den Apparat derart unter Kontrolle, dass keine Daten über ihr in der Schweiz gebunkertes Vermögen zu bekommen sind.

Diese Form von Vetternwirtschaft wollte Syriza eigentlich ausmerzen. Ein Untersuchungsausschuss, so der Plan, soll die größten Korruptionsfälle aus der Vergangenheit nachträglich aufdecken. Bisher ist es den selbst ernannten Aufräumern allerdings nicht einmal gelungen, einen unabhängigen Anti-Korruptionsbeauftragten zu installieren. Dessen Behörde wurde ins Finanzministerium eingegliedert, die Unabhängigkeit ist dahin.

Griechen räumen Konten leer - und bunkern Milliarden in der Schweiz

Stattdessen haben Tsipras und sein Ressortchef Yanis Varoufakis zur Jagd auf Steuersünder geblasen. Geldtransfers ins Ausland sollen überwacht, die illegale Einfuhr von Öl, Tabak und Alkohol hart bestraft werden.

Die Folge: Monat für Monat ziehen die Griechen gewaltige Summen von ihren Konten ab. Schätzungsweise 140 Milliarden Euro werden mittlerweile in der Schweiz und anderen vermeintlich sicheren Häfen gebunkert.

Dass Syriza die ohnehin schon extrem laxen Rückzahlungsmodalitäten für Steuerschuldner sogar noch weiter gelockert hat, untergräbt die Steuermoral zusätzlich. Rund 7000 Griechen schulden ihrem Fiskus gegenwärtig mehr als eine Million Euro, alles keine armen Schlucker.

Syriza bewirkt das Gegenteil dessen, was sie intendierten

Auch an anderer Stelle bewirken die Regierenden das Gegenteil dessen, was sie ursprünglich intendierten. Das Gesetz gegen Zwangsversteigerungen, das säumige Kreditnehmer davor schützen soll, von Banken auf die Straße gesetzt zu werden, wird ausgeweitet auf Immobilienvermögen in Höhe von einer halben Million Euro. Die Konsequenz: Viele Banken vergeben nun aufgrund mangelnder Sicherheiten gar keine Darlehen mehr, was einen Aufschwung der schwer angeschlagenen Bauindustrie weiter verhindert.

Leere Staatskassen, klamme Konzerne, massive Kapitalflucht - wenn Syriza so weitermacht, droht Griechenland ein Lebensstandard "knapp über dem Albaniens", echauffiert sich ein Topmanager.

Spyros Theodoropoulos, Chef des Knabberwarenkonzerns Chipita, der Croissants, Fertigkuchen und Kartoffelchips herstellt und in 65 Länder exportiert, hofft, dass Ministerpräsident Tsipras in letzter Minute doch noch einlenkt. Zumal die zunehmend schlechtere Wirtschaftslage mittlerweile auch für ihn gefährlich werde: Tsipras' Zuspruch im Volk sei inzwischen dramatisch gesunken.

Viele in der Athener Business-Community setzen darauf, dass der geschickte Taktierer die Notlage nutzt, um sich von den Hardlinern im Syriza-Lager und vom kaum minder radikalen Koalitionspartner "Unabhängige Griechen" abzusetzen und eine Liaison mit wirtschaftsfreundlicheren Parteien wie To Potami und Pasok einzugehen. Ein neues Hilfsprogramm für Griechenland könnte dann zur nationalen Aufgabe erklärt werden.

Tatsächlich ist Tsipras schon von vielen seiner ursprünglichen Forderungen abgerückt. Von einem radikalen Schuldenschnitt will die Partei nichts mehr wissen, selbst Privatisierungen sind - bei allen Bedenken - nicht mehr völlig tabu. So soll jetzt etwa die zunächst hart kritisierte Übernahme mehrerer regionaler Flughäfen durch den Frankfurter Airport-Betreiber Fraport genehmigt werden. Vorausgesetzt, der macht angesichts der dramatischen Lage keinen Rückzieher.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.