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Weltwirtschaft: Freiheitsentzug

Foto: Christian Schaarschmidt für manager magazin

Weltwirtschaft Die Globalisierung wird zurückgedreht

Jahrelang wurde die Globalisierung als Motor des Wachstums gefeiert. Jetzt stößt sie erstmals an Grenzen, Protektionismus greift um sich. Vor allem für die Deutschen steht viel auf dem Spiel.
Von Philipp Alvares de Souza Soares und Ulric Papendick

Hamburg - Karel De Gucht ist genervt. Schon wieder eine dieser leidigen Unterstellungen. Der EU-Handelskommissar seufzt und neigt den Kopf nach vorn. "Ja, ich weiß, dass Sie viele Unterschriften gesammelt haben. Das kann ich in den Mails lesen, die Ihre Leute mir ständig schreiben. Aber ich muss hier Politik für 500 Millionen machen!"

Gerade hat ihm eine Aktivistin vorgehalten, bei den Verhandlungen über das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA ("Transatlantic Trade and Investment Partnership", kurz TTIP) europäische Chemikalienstandards aufs Spiel zu setzen. 470.000 Unterschriften habe ihre Organisation bereits dagegen gesammelt.

De Gucht hat das schon oft gehört, er ist müde geworden. "Nein, wir werden keine Standards aufgeben" - diesen Satz wiederholt er immer wieder an diesem Montag Anfang Mai in Berlin. Er hat keine Lust mehr, Dinge zu dementieren, die er schon zigmal ausgeschlossen hat.

Neben De Gucht auf dem Podium sitzen Michael Froman, der amerikanische Handelsbeauftragte, und der Hausherr: Sigmar Gabriel (SPD). Der Wirtschaftsminister hatte zur bislang größten öffentlichen TTIP-Diskussion dieses Jahres geladen. Die Aula seines Ministeriums ist rappelvoll. Viele Besucher stehen stundenlang, nur um mehr über ein längst noch nicht ausgehandeltes Abkommen zu erfahren. Selten zuvor stieß Handelspolitik auf so großes Interesse.

Seit der NSA-Affäre macht sich Misstrauen breit

Gabriel hatte sich gleich zu Anfang der Veranstaltung "auch Kritik" gewünscht, von der ihm die Gäste nun eine ganze Lkw-Ladung vor die Füße kippen. Lebensmittel, Medikamente, Bücher - es gibt kaum ein Produkt, das die Kritiker nicht bedroht sehen. Obwohl Deutschland von einer transatlantischen Freihandelszone mit am stärksten profitieren würde, haben die drei Politiker Mühe, auch nur ein Fünkchen Begeisterung dafür zu wecken. Freiere Märkte machen den Leuten vor allem eines: Angst.

Die Globalisierung, vor kurzer Zeit noch als Patentrezept zur Mehrung des Wohlstands gefeiert, stößt an ihre Grenzen. Nicht nur im Festsaal des Berliner Ministeriums. Auch Politiker und Wirtschaftsführer denken um. Seit der NSA-Affäre macht sich selbst unter ehemaligen Verbündeten Misstrauen breit.

Abschottung und Nationalismus, das zeigen der Rechtsruck bei den Europawahlen sowie die Fremdenphobie beim Hickhack um den französischen Konzern Alstom , sind derzeit ausgeprägter als der Wunsch nach einer freiheitlichen Weltordnung.

Politische Krisen wie in der Ukraine, der Türkei und in Südostasien belasten das fein austarierte System der internationalen Arbeitsteilung zusätzlich.

Protektionismus macht China und Brasilien zu einem Risiko für Unternehmen

Vor allem die BRICs, die lange als Superstars gehandelten Schwellenländer, haben an Glanz verloren. Volatile Wechselkurse, steigende Löhne und ein allenthalben spürbarer Protektionismus haben China, Brasilien & Co. zu einem Risiko für weltweit vernetzte Unternehmen gemacht.

In den Zentralen der großen Industriekonzerne wird der Trend hin zu immer freieren Märkte und globaleren Lieferketten mittlerweile ernsthaft infrage gestellt. "Statt Kostengünstigkeit ist Krisenfestigkeit gefragt", sagt der Berliner Unternehmensberater, Ökonom und Buchautor Daniel Stelter. Die ersten Unternehmen leiten bereits einen geordneten Rückzug ein.

War die Globalisierung also bloß ein "Schönwetterkonzept" (Stelter), das bei Sturmwarnung zu den Akten gelegt wird? Stehen wir nun wieder vor einer neuen Ära des Protektionismus? Für den Exportchampion Deutschland würde dies das Ende seines Geschäftsmodells bedeuten.

Gefährliche Unwucht - Sorgen um China

Hannover, Mitte Mai. Der Autobauer Volkswagen  feiert sich auf der alljährlichen Hauptversammlung mit einer Phalanx neuer Modelle, vom Kleinwagen Up für knapp 10.000 Euro bis zum edlen Bugatti für 1,4 Millionen Euro. Die Geschäfte laufen blendend, die Aktie ist auf Rekordkurs. Man habe "neue Maßstäbe gesetzt", verkündet ein sichtlich stolzer Konzernchef Martin Winterkorn den Aktionären.

Doch das Lob der Investoren bleibt verhalten. Was VW denn unternehmen wolle, um die Abhängigkeit von China zu verringern, will ein Redner wissen. Eine Frage, die die erfolgsverwöhnten Automanager an einer empfindlichen Stelle trifft. Jedes dritte Auto verkauft VW in China, fast die Hälfte des Konzerngewinns stammt Schätzungen zufolge aus der Volksrepublik.

Eine gefährliche Unwucht. Die Anzeichen, dass China schon bald als Turbolader der Weltwirtschaft ausfallen könnte, mehren sich. Seit Monaten gehen die stolzen Wachstumsraten zurück, ob die Wirtschaft auch dieses Jahr um die üblichen gut 7 Prozent zulegen wird, ist keineswegs ausgemacht.

Emerging Markets: Westliche Industrieriesen haben ein Problem

Die Möglichkeiten der Regierung gegenzusteuern, sind angesichts der hohen öffentlichen und privaten Verschuldung limitiert. Die Parteioberen in Peking setzen daher nicht mehr zuvorderst aufs Tempo, sondern auf die Nachhaltigkeit des Wachstums - allein schon um die dramatische Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen. "Weniger exportlastig, weniger energieintensiv, weniger Billigproduzent" beschreibt Thomas Mayer, Senior Fellow am Frankfurter Center for Financial Studies, den Kurswechsel im Reich der Mitte.

Den Chinesen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich die Wertschöpfungskette hochzuhangeln. Die Arbeitskosten haben sich seit 2004 nahezu verdreifacht, auch die Energiepreise sind rasant gestiegen. Mittlerweile ist die industrielle Produktion kaum noch günstiger als in den USA, haben die Berater der Boston Consulting Group errechnet.

Bei den gehobenen Jobs hat sich das Gehaltsgefüge sogar noch stärker verschoben. "Ein guter Geschäftsführer kann heute in China mehr kosten als in Deutschland", sagt Thomas Döbler, Partner beim Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater Deloitte. Und selbst Spitzenlöhne seien kein Garant dafür, dass die Führungskraft nicht nach zwei Jahren - samt dem erworbenen Know-how - zur Konkurrenz überlaufe.

Schwellenländer werden für viele Unternehmen zum Problem

Für Unternehmen wie VW, die ihre Produktionskapazitäten im Fernen Osten in den vergangenen Jahren erheblich ausgeweitet haben, wird das zunehmend zum Problem. Zumal sie immer wieder erleben, wie erratisch sich die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden gestaltet. Als VW im vergangenen Jahr knapp 400.000 Fahrzeuge wegen Getriebedefekten in die Werkstätten rufen ließ, wurde der Autobauer im chinesischen Staatsfernsehen regelrecht vorgeführt.

Vom Pharmahersteller Boehringer Ingelheim über den Autozulieferer Bosch bis hin zum Kosmetikriesen Henkel  setzen sich etliche deutsche Konzerne dieser Tage in internen Strategiemeetings mit der Frage auseinander, was denn nun aus den viel gelobten Emerging Markets wird. Und dabei geht es keineswegs nur um China. Auch andere Schwellenländer drohen nach jahrelangem Boom einzubrechen.

Brasilien etwa hat seine Wettbewerbsvorteile gegenüber den großen Industrienationen binnen zehn Jahren komplett eingebüßt und schottet sich weiter ab. Die Arbeitskosten haben sich mehr als verdoppelt, bei geringen Produktivitätszuwächsen. Die Strompreise sind um 300 Prozent gestiegen, die Aufwertung des Real verteuert die Exporte zusätzlich. Blutige Unruhen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft und eine bestenfalls glücklos agierende Präsidentin Dilma Rousseff verschärften die Misere.

Die Aufsteiger haben sich verzockt

Indien, ein anderer einst gefeierter Aufstiegskandidat, bekommt die ausufernde Bürokratie und Korruption einfach nicht in den Griff. Russland gerät durch die aggressive Politik von Staatschef Wladimir Putin zunehmend in die Isolation. Und selbst die Türkei, bis vor Kurzem ein hochattraktives Ziel für ausländische Investoren, ist dank des übergroßen Egos seines Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan schwer in Verruf geraten.

Für Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, sind die diversen Störfälle der internationalen Arbeitsteilung kein kurzfristiges Phänomen. "Die Strategie der Emerging Markets, mit billigen Arbeitskräften und niedrigen Zinsen ihren Anteil an der globalen industriellen Wertschöpfung hochzuschrauben, geht nicht mehr auf", sagt Bielmeier. Sie hätten sich "verzockt" und "zu wenig in ihre Zukunftsfähigkeit investiert".

Behält der Ökonom recht, haben die westlichen Industriegiganten ein veritables Problem.

Die Werkbank wird teuer

Rund drei Billionen Dollar haben amerikanische und europäische Konzerne seit Ende der 90er Jahre in ihren Emerging-Markets-Feldzug investiert, mehr als die Hälfte davon für Übernahmen. Nach Kalkulation der Investmentbank Morgan Stanley  erzielten Coca-Cola  & Co. ein Drittel ihrer Einnahmen zuletzt in den Schwellenländern; zehn Jahre zuvor waren es noch 12 Prozent.

Gleichzeitig hat die internationale Vernetzung der Wirtschaft immens zugenommen. In den zurückliegenden 20 Jahren hat sich der Anteil ausländischer Wertschöpfung an der deutschen Produktion annähernd verdoppelt, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft errechnet hat (siehe Grafik "Teure Werkbank") . Vor allem China und Brasilien spielten eine immer gewichtigere Rolle.

Jetzt müssen etliche Unternehmen erkennen, dass diese Art der Gewinnmaximierung nicht mehr so ohne Weiteres aufgeht. Beim Autobauer Fiat  Chrysler etwa brachen die bislang stattlichen Profite in Lateinamerika zuletzt um die Hälfte ein, die Emerging-Markets-Geschäfte des schwedischen Haushaltsgeräteherstellers Electrolux  laufen ähnlich schlecht. Und Peugeot sah sich Anfang dieses Jahres sogar gezwungen, rund 1,5 Milliarden Dollar auf seine Investitionen in Russland und anderen Schwellenländern abzuschreiben.

"Beyond BRICs" - neue Billigstandorte gesucht

Diese Zahlen haben auch die heimischen Konzernchefs alarmiert, der Enthusiasmus ist dahin. Der Blick auf die neuen Märkte habe sich auf frappierende Weise verändert, beobachtet Nikolaus Lang, Senior Partner bei BCG: "Früher lag das unternehmerische Hauptaugenmerk bei einer China-Strategie vor allem auf passenden Produkten und dem richtigen Marketing." Heute sei das Risikobewusstsein wesentlich ausgeprägter als noch vor einigen Jahren.

Angesichts der grassierenden Unsicherheit versucht jeder den Überblick zu behalten, um schnell auf Gefahren reagieren zu können. Die, die es sich leisten können, haben Lagezentren eingerichtet, die den "War Rooms" des Militärs ähneln. Dort werden Informationen aus aller Welt zusammengetragen und für das Management aufbereitet.

Für einen Chemiekonzern wie BASF  ist ein solider Überblick überlebenswichtig. Die Produktionsanlagen amortisieren sich frühestens nach zehn Jahren, Rohstoff- und Auslastungsplanungen lassen sich nicht von heute auf morgen auf den Kopf stellen. Die Risikomanager in Ludwigshafen verknüpfen deshalb Meldungen aus den einzelnen Geschäftsbereichen mit volkswirtschaftlichen Frühindikatoren, um Blasen oder Klumpenrisiken frühzeitig erkennen zu können.

"Unsere Anlagen laufen Jahrzehnte. Wir versuchen uns daher von kurzfristigen Trends zu lösen", sagt Bernhard Nick, Leiter der Strategieabteilung. BASF setzt auf eine Präsenz vor Ort und hat in Europa, Nordamerika und Asien große Verbundstandorte aufgebaut. "Wir produzieren in der Region für die Region", sagt Nick.

Afrika und Südostasien: Die "next Eleven"

Markenhersteller, die auf nahezu allen Kontinenten präsent sind, können und wollen das Modell der internationalen Arbeitsteilung nicht einfach zurückdrehen. Mehr und mehr Firmen weichen deshalb auf Märkte aus, die bisher wenig Beachtung fanden.

Beispiel Toyota: Der japanische Autohersteller hat einen Weg gefunden, in den kleinen, industriell noch wenig entwickelten Staaten Südostasiens eine Lieferkette aufzubauen, die es ihm ermöglicht, rund eine Million Fahrzeuge nahezu ausschließlich in dieser Region herzustellen. Die Dieselmotoren baut Toyota  in Thailand, die Benzintriebwerke in Indonesien. Das Getriebe entsteht auf den Philippinen, die Lenkung in Malaysia. Bis zu 90 Prozent der Wertschöpfung haben die Japaner in der ASEAN-Freihandelszone angesiedelt - "ein echtes Best-Practice-Modell in der Autoindustrie", zollt BCG-Experte Lang Respekt.

Beispiel Renault: Spätestens 2015 wollen die Franzosen rund 400.000 Autos pro Jahr in ihrem neuen Werk in der marokkanischen Hafenstadt Tanger produzieren. Eine Milliarde Euro hat Renault  in die größte Fabrikanlage auf dem afrikanischen Kontinent investiert - inklusive der Zulieferer sollen dort rund 36.000 Menschen Arbeit finden. Das Gros der in Marokko gebauten Autos wird nach Südeuropa exportiert.

"Beyond BRICs" oder "Next Eleven" nennen Unternehmensberater diese neuen Billigstandorte - neben Südostasien und ausgewählten afrikanischen Ländern zählen dazu auch der Mittlere Osten und die südamerikanischen Anden-Staaten.

Spanische Inditex holt Produktion zurück in die Heimat

Doch die Fortschreibung der Globalisierung ist alles andere als trivial. Verglichen mit China und Brasilien sind die "Next Eleven" deutlich kleiner, was es nahezu unmöglich macht, eine Zulieferkette in einem Land aufzubauen. "Die Frage, ob und wohin man einen Produktionsstandort verlagern soll, ist enorm komplex geworden", sagt Deloitte-Consultant Döbler. Dutzende Faktoren müssten beachtet werden, von Importzöllen über staatliche Anreize bis zu Local-Content-Forderungen.

Hinzu kommen die bis heute teilweise prekären Arbeitsbedingungen, etwa in Staaten wie Bangladesch. Der Einsturz einer Textilfabrik in Dhaka mit über 1100 Toten lastet bei C&A, Benetton oder Kik, die alle ihre T-Shirts dort nähen ließen, auch ein Jahr später noch schwer auf dem Image. "Das wird heute von den Konsumenten richtigerweise viel stärker wahrgenommen als noch vor ein paar Jahren", sagt Erik Lüders, Partner in der Risikomanagement-Practice von McKinsey.

Beispiel Inditex: Produktion kommt zurück in die Heimat

Manche Unternehmen überdenken ihre Einstellung zur Globalisierung deshalb grundsätzlich. Banken wie die niederländische ING oder die britische RBS haben sich nach der Finanzkrise weitgehend aus den Schwellenländern zurückgezogen; die Bank of America  hat ihr China-Geschäft verkauft. Große Einzelhändler wie Wal-Mart  schrumpfen ihre Filialketten in den Emerging Markets.

Einige Firmen holen die Produktion sogar zurück in die Heimat. Der spanische Textilkonzern Inditex  lässt einen Großteil seiner unter der Marke Zara vertriebenen Mode mittlerweile in Spanien und Portugal nähen. Plüschtiere der Marke Steiff werden heute nicht mehr in China, sondern wieder in Deutschland hergestellt; Gleiches gilt für Varta-Batterien und Katjes-Lakritz.

Die Deutsche Bank  hat ihre einst überwiegend in Indien angesiedelte Risikosteuerung nach Berlin verlagert. Die weltweiten Gefahren des Bankgeschäfts werden nun von einem Gebäude in der Nähe des Bahnhofs Zoo überwacht. Und der Chiphersteller Infineon , berichten Insider, denke intensiv darüber nach, sein nächstes Werk nicht mehr in Taiwan oder Korea, sondern näher an der Heimat, in Spanien, zu bauen.

In jüngster Zeit würden Unternehmen ihre Produktion immer häufiger zurück nach Europa holen, weil die Niedriglohnländer zu teuer geworden sind, sagt BCG-Experte Nikolaus Lang.

Amerika wird wieder attraktiv

Weit mehr noch als Europa profitieren von diesem Trend die USA. Jenseits des Atlantiks ist das Lohnniveau so stabil, dass die Arbeitskosten sogar mit denen in Osteuropa mithalten können. Zugleich ist Energie in Amerika deutlich billiger geworden, der Gaspreis hat sich dank der großflächigen Förderung von Schiefergas und Fracking seit 2008 halbiert.

Wie nachhaltig der Energieboom auch sein mag - gemeinsam mit dem hocheffizienten Kapitalmarkt und der Digitalkompetenz habe dies die USA wieder "zum beliebtesten Standort für Industrieansiedlungen" gemacht, sagt Bain-Partner Armin Schmiedeberg.

BASF ließ sich bereits verführen und kündigte Anfang Mai die bislang größte Einzelinvestition der Firmengeschichte an: Für voraussichtlich eine Milliarde Euro errichtet der Konzern eine petrochemische Großanlage an der Golfküste. Dank günstiger Energie und einem großen Markt vor der Haustür könne künftig die "gesamte Wertschöpfungskette an einem Fleck" ablaufen, freut sich Strategiechef Bernhard Nick.

Auch für Mercedes, Klöckner und Evonik , alles klangvolle Namen der deutschen Industrie, sind die Vereinigten Staaten wieder attraktiv. Sie wollen dort entweder neue Fabriken eröffnen oder bestehende erweitern. Mancherorts sind die Arbeiten bereits im Gange, wie bei BMW . Der Autohersteller baut sein Werk in Spartanburg (South Carolina) bis 2016 zur weltweit größten Fabrik des Konzerns aus.

Trend zur neuen Westachse

Verstärkt wird der Trend zur neuen Westachse durch die Verheißungen der geplanten Freihandelszone mit der EU. Die Brüsseler Kommission will alle verbliebenen Zölle aus dem Weg räumen und doppelte Standards oder Zulassungsverfahren abschaffen. Autoblinker sollen dann künftig auf beiden Seiten des Atlantiks die gleiche Farbe haben; und wenn die US-Arzneimittelbehörde ein Medikament für sicher befindet, sollen es auch spanische Ärzte verschreiben dürfen.

Zugleich möchte die EU-Kommission die Amerikaner zwingen, europäische Firmen bei öffentlichen Ausschreibungen genauso zu behandeln wie einheimische. Der "Buy American Act", der dies bislang verhindert und mit dem sich die USA allzu oft abschotten, verlöre seine Wirkung.

Derlei unbestreitbare Vorteile gehen in der öffentlichen Debatte um amerikanische Chlorhühnchen und französischen Rohmilchkäse bisher weitgehend unter. "Skurrilitäten" würden die Diskussionen prägen, klagt Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten im Europaparlament. "Die Debatte ist total durchgedreht."

Viele Menschen hätten ganz grundsätzlich Angst vor der Globalisierung und würden die nun auf TTIP projizieren, vermutet Lutz Güllner, stellvertretender Referatsleiter bei De Gucht in Brüssel. "Meine Kollegen hier wundern sich über die Debatte bei uns, da doch der Exportweltmeister Deutschland besonders profitieren würde."

Die EU-Kommission, so Güllner, möchte mit dem Abkommen auch eine Art Goldstandard für künftige Verhandlungen setzen, etwa mit den Chinesen. Sollte das trotz aller Widerstände gelingen, dürften die USA und Europa laut Berechnungen des Ifo-Instituts zweistellige Wohlfahrtsgewinne daraus ziehen. Gekniffen wären dann jedoch die Stars von gestern: Länder wie Brasilien oder Mexiko, haben die Ifo-Forscher ermittelt, dürften bis zu 7 Prozent ihrer Realeinkommen verlieren.

In diesem Fall hätte die Alte Welt die Globalisierung einmal mehr zu ihren Gunsten genutzt.

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