Sonntag, 16. Juni 2019

Vorbilder Egomanen statt Gurus

Vorbilder: Entrepreneure des Silicon Valley versagen als Ideale
AFP (2); REUTERS (2); AP

Die Krise der Marktwirtschaft ist auch eine Krise ihres Toppersonals. Die allseits bewunderten Entrepreneure des Silicon Valley versagen als Ideale.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 2/2017 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Mann, der für das Drängeln der Kapitalmärkte an guten Tagen ein Schulterzucken übrighat (und an schlechten blanke Verachtung), der als detailversessener Krümelpicker gilt und auf fast alle Benimmregeln modernen Managements pfeift - ausgerechnet dieser Mann wurde von der renommierten "Harvard Business Review" (HBR) 2014 zum "Best-Performing CEO in the World" gekürt.

Weil es dann eben doch eine Managementregel gab, die er meisterlich anwendet wie kein Zweiter: den permanenten Wandel. Jeff Bezos gilt als Inbegriff der Disruption, er krempelte Amazon um vom Onlinebuchhändler zum datengetriebenen Metalogistiker und machte es so zum sechstwertvollsten Unternehmen der USA.

Ein Titel wie in Stein gemeißelt, so schien es. Doch wie sich herausstellte, genügte am Ende eine minimale Änderung der Regularien, um Bezos die Krone als bester Firmenlenker der Welt wieder abzujagen. Im 2015er-Ranking führte die HBR eine kleine Neuerung ein und gewichtete auch das Engagement für Umwelt, Soziales und Governance. Ergebnis: Auf Platz eins landete der Däne Lars Sørensen, CEO von Novo Nordisk Börsen-Chart zeigen und zuvor nicht als Wirtschaftspopstar aktenkundig. Jeff Bezos stürzte ab auf Rang 87. Und das, obwohl die weichen Aspekte nur mit 20 Prozent gewichtet wurden.

Wenn das westlich geprägte Wirtschaftssystem in einer Sinn- und Rechtfertigungskrise steckt, dann hat das auch mit Managern wie Jeff Bezos zu tun. Mit Internetgiganten wie Amazon Börsen-Chart zeigen, Airbnb oder Uber, die ihr Geschäftsmodell global ausrollen und Gesellschaft vorrangig als Kundschaft verstehen ("Customer first"). Nicht aber als Sozialgefüge, das auch vom Engagement der Hochvermögenden lebt.

"Reichtum ohne Gier", "Kapitalfehler", "Rettet den Kapitalismus" oder gleich "Postkapitalismus" - so oder ähnlich heißen Bücher, die seit Jahren die Wirtschaftsbestsellerlisten dominieren.

Sie dokumentieren das wachsende Unbehagen wegen eines Systems, das Ungleichheit in einem grotesken Ausmaß verstärkt, das Populisten wie Donald Trump und Boris Johnson als Nährboden dient und einer wachsenden Zahl von Menschen den Eindruck vermittelt, "nach immer komplizierteren Regeln zu funktionieren, die zu ihren Lasten gehen und die sie weder verstehen noch verändern können", wie Andreas Suchanek sagt, Professor für Wirtschaftsethik an der Leipziger HHL.

Attraktiv auf Kosten Dritter

Die Krise des Systems ist auch - und vor allem - eine Krise seines Toppersonals. "Je komplexer die Wirklichkeit, umso wichtiger werden Vorbilder. Zur Orientierung, Identifikation und als Wertekompass", sagt Suchanek. Ex-BASF-Topmanager Dietmar Kokott, der als früherer Vorstandsvorsitzender des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik diverse Vorstandschefs beriet, sieht in der Vorbildfunktion gar "die vornehmste Aufgabe eines CEOs".

Dass es der Wirtschaft dennoch an glaub- und verehrungswürdigen Repräsentanten mangelt, hat viel mit den Verfehlungen der Old Economy zu tun: Einstige Lichtgestalten wie Abgasschummler Martin Winterkorn, Hauptsache-die-Eigenkapitalrendite-stimmt-Zocker Joe Ackermann, Steuervermeider Uli Hoeneß oder WM-Märchenonkel Franz Beckenbauer taugen kaum (noch) zum Idol.

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