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Tore kosten Geld: Wie Spielerberater die Liga dominieren

Foto: Felix Gemein für managaer magazin

Wie Spielerberater Volker Struth das Fußball-Geschäft reformieren will Der Spielmacher der Bundesliga

Bundesligamanager brauchen Volker Struth wie die Luft zum Atmen und zahlen teuer dafür. Jetzt will der Spielerberater seine skandalreiche Branche reformieren - Porträt eines Mannes auf heikler Mission.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 1/2017 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

An einem Freitag Mitte November macht Volker Struth (50) einen Besuch bei seinem ältesten Kunden. Der hat sich in der Nähe von Köln ein neues Haus gekauft, und sein Nachwuchs ist auch erst wenige Wochen alt.

Am nächsten Tag, es läuft die 91. Spielminute im Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln, jagt Struths Kunde den Ball aus 33 Metern ins Tor. Köln siegt 2:1, die FC-Fans taufen den Torschützen Marcel Risse "Fußballgott".

Struth ist zwar auch Kölner und FC-Fan. Aber für den Spielerberater bedeutet der Kunstschuss vor allem, dass die anstehenden Verhandlungen mit FC-Sportdirektor Jörg Schmadtke um Risses nächsten Vertrag leichter geworden sind.

Hinter jedem Bundesligaspieler steht ein Spielerberater. Er entscheidet über die wichtigste Ressource und deren Preis im Milliardengeschäft mit dem Ball. Männer wie Struth sind die heimlichen Herrscher der Fußballwelt. Ihre Macht ist immens: Würden die Regeln des Ballsports im Dax gelten, müssten Siemens oder Bayer bei Headhuntern wie Egon Zehnder oder Spencer Stuart katzbuckeln, um neue Vorstände einstellen zu dürfen.

Hinter jedem Spieler steht ein Berater - deshalb sind sie gefürchtet

Für viele Klubmanager sind die Berater wie Torwächter, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Deshalb wagt auch kaum einer der großen Fußballverantwortlichen, offen über die Berater zu sprechen - zu groß scheint die Sorge, es sich mit den Spielmachern zu verscherzen.

Volker Struth gehört zur absoluten Spitze dieser Gilde. In nur zehn Jahren hat er es mit seiner Agentur SportsTotal zur Nummer eins in Deutschland gebracht und unter die Top Four in Europa. Er vertritt Weltmeister wie Toni Kroos (Real Madrid) und Topstürmer wie Marco Reus (Borussia Dortmund). 2015 kürte das US-Magazin "Forbes" Struth zu einem der fünf einflussreichsten Sportleragenten der Welt.

Bis zu 150 Spiele besucht er pro Jahr. Risses goldenes Tor in Gladbach hört er im Radio, da sitzt er schon im Auto, fährt zum Schlagerspiel Borussia Dortmund gegen Bayern München am selben Abend. Freitag war er in Leverkusen bei der Partie gegen Leipzig, Sonntag schaut er sich Hoffenheim gegen Hamburg an.

Die dunkle Bruderschaft des Fußballs - Geldkoffer, Offshore-Konten, Kick-backs

Struth weiß, was er kann, aber er weiß auch, dass seine Profession als dunkle Bruderschaft des Fußballs gilt. Geldkoffer, Offshore-Konten, Kick-backs - eine Heerschar von Gordon Gekkos in Turnschuhen.

Affären wie in Spanien, wo gerade Superstars wie Lionel Messi oder Neymar wegen Steuerhinterziehung sogar Gefängnisstrafen drohen, rücken die Berater immer wieder ins Zwielicht. So zeigen die unlängst bekannt gewordenen Dokumente von Football Leaks, wie Spieler und Berater ihre Gier über die Moral und womöglich das (Steuer-)Recht gestellt haben.

Und dass Mino Raiola (49), einer von Struths größten Rivalen, Paul Pogba für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United lotst und dafür 27 Millionen Euro Provision einstreicht, wirkt ebenfalls nicht gerade vertrauensbildend. In der Industrie müssen sich Topmanager für weit geringere Jahresverdienste rechtfertigen.

Das Image ist übel, auch weil der Spielerberatermarkt fast völlig unreguliert ist: Jeder, der ein Handy bedienen und einen Fußball von einem Kürbis unterscheiden kann, darf sich Spielerberater nennen. Eine Lizenz? Gab es, doch die hat der Fußball-Weltverband Fifa 2015 abgeschafft. Willkommen in einem Wilden Westen, wo die Nuggets jedes Jahr größer werden.

Das Image ist übel, der Markt völlig unreguliert

Ab der nächsten Saison erhält etwa die Bundesliga für ihre TV-Rechte fast 1,2 Milliarden Euro pro Saison, 72 Prozent mehr als bisher. Klubs wie Paris Saint-Germain, mit Eigentümern aus Ölstaaten, kaufen pro Jahr für fast 100 Millionen Euro Spieler. Nun kommen sogar noch die Chinesen und steigen bei Traditionsklubs wie Atlético Madrid oder den Mailänder Rivalen Inter und AC ein.

2016 haben Europas Topligen - die Bundesliga, die Premier League in England, La Liga in Spanien und Italiens Serie A - Transfers über fast vier Milliarden Euro abgewickelt, dreimal mehr als 2010. Berater erhalten bei einem Transfer rund 10 Prozent der Nettosumme, der Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis eines Spielers, als Provision. Das Geschäft boomt.

Die Fußball-Bonanza lockt immer mehr Glücksritter an. In Deutschland tummeln sich mittlerweile um die 2500 Spielerberater. Dabei beschäftigen die Klubs der Ersten und Zweiten Liga nur gut 1000 Lizenzspieler. Macht also 2,5 Feethunter pro Planstelle.

Viele Möchtegernberater fahren jahrelang von Aschenplatz zu Aschenplatz - auf der Jagd nach Talenten. Schon ein einziger Star kann einen Berater reich machen. Es ist eine Fußballlotterie - mit Menschen statt Zahlen.

Das halbseidene Image wird für die großen Player zunehmend zum Problem. Beraterfirmen wie Struths SportsTotal in Köln sind zu Mittelständlern gereift, die die Verhandlungshärte und Marktkenntnis einer Künstleragentur mit dem Rundumservice eines guten Family-Office koppeln. Sie brauchen Regeln und ein paar Linien auf dem Spielfeld, an die sich alle halten müssen. Die Topberater wollen raus aus dem Dunkel, und mit ihnen Spielmacher Struth.

Der Weg hin zu einer tadellosen Reputation und sozialer Anerkennung kann lang sein. Volker Struth weiß das nur zu gut.

Aufgewachsen ist er bei der Oma. Der Vater weg, Mutter und Großvater verstarben früh. Oft fehlte es am Nötigsten. So was lehrt Demut, aber auch Einfühlungs- und Durchhaltevermögen.

Struth lernt Zimmermann, schult dann um auf Industriekaufmann bei den Ford-Werken in Köln. Alles nicht das Richtige für einen, der nach oben will. Mit 25 gründet er seine erste Firma. Er verkauft Büroartikel aus einer Garage, Kulis, Papier, Locher für 6,95 D-Mark. Er stellt Frührentner ein und bietet einen Sofortlieferservice. Ein paar Jahre später ist er einer der größten Büroartikel- und Merchandisinghändler in Nordrhein-Westfalen. Es ist ein Anfang.

In Struth brodeln immerzu neue Ideen. Sind nicht die Kölner närrisch auf alles Kölsche? Er gründet eine Event- und Marketingagentur, ihr Name ist Programm: KölnTotal. Er beglückt seine Kunden mit allerlei Köln-Kram, vom Schirm bis zum Schuh. Beim Besuch der Fußball-EM 2004 in Portugal sieht er in Lissabon einen Mann, der mit einem Draht ein Fähnchen an sein Auto montiert hat. Zwei Jahre später zur WM in Deutschland bringt Struth die Autofähnchen raus, ein Riesenerfolg. Da ist er erst 40, aber finanziell weitgehend abgesichert. Was kann es Schöneres geben?

Ein königlicher Deal - Kroos als bestbezahlter deutscher Fußballer aller Zeiten

Vielleicht Momente wie diesen: Am 17. Juli 2014 steht Struth, ausnahmsweise mit Krawatte, im legendären Bernabéu-Stadion zu Madrid, links neben ihm Florentino Pérez (69), Präsident von Real Madrid. Der Bauunternehmer und Milliardär hält das Trikot mit der Nummer 8 hoch, das von Toni Kroos. Der Nationalspieler steht im dunklen Sakko rechts neben Pérez.

Im vergangenen Sommer wurde es noch schöner. Kroos verlängerte seinen Vertrag bis 2022, zu besseren Konditionen: Mit 120 Millionen Euro für sechs Jahre wird der Mittelfeldspieler zum bestbezahlten deutschen Fußballer aller Zeiten.

Verhandelt hatte den neuen Kontrakt Struth, zusammen mit seinem Auslandschef Sascha Breese. Schwierig war das nicht, Kroos ist ein Leistungsträger bei Real. Zweimal flog Struth nach Madrid, dann stand der Deal. Seine Provision? Geschäftsgeheimnis. Üblich sind 10 Prozent vom Jahresgehalt des Spielers, in Raten zu zahlen für jedes Jahr, in dem der dem Klub treu bleibt. Das wären zwölf Millionen Euro für Struth bis 2022. Der Vertrag ist der größte Erfolg seiner 360-Grad-Beratung.

Seine 20-köpfige Agentur kümmert sich um Verträge und Transfers, berät ihre Spieler aber auch beim Social-Media-Auftritt und bei Sponsorengesprächen. Sie organisiert Umzüge und unterstützt beim Autokauf. Für die Klubs bedeutet dies, dass sich ihre teuren Angestellten - ein durchschnittlicher Erstligaprofi verdient etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr - voll aufs Kicken konzentrieren können.

Die Fußball-AGs sind die eigentlichen Kunden von SportsTotal, denn sie bezahlen das Wohlfühlprogramm über die Provisionen bei Transfers und Ver-tragsverlängerungen; für die Spieler ist es kostenlos.

Mehr als 90 Prozent des (niedrigen achtstelligen) Jahresumsatzes von Struths Agentur stammen von den Klubs. Und die Gewinne? Polstern das Eigenkapital auf. Das hat SportsTotal allein 2014 von 2 auf 9,8 Millionen Euro erhöht.

Spielerberater sind ein heikles Thema - weil sie unkontrollierbar sind

In seinem zehnten Beraterjahr hat Struth etwa 80 Profis unter Vertrag, mit einem Marktwert von 260 Millionen Euro. Der FC Struth, ein Team aus seinen Topstars, würde in Deutschland um den Einzug in die Champions League mitspielen.

Wer sich bei den Bundesligaklubs nach Struth erkundigt, erlebt sonst wortgewaltige Manager plötzlich einsilbig. Spielerberater sind ein heikles Thema, weil sie so unverzichtbar wie unkontrollierbar sind.

Borussia-Dortmund-Chef Hans-Joachim Watzke (57) vermeidet ein klares Urteil: "Über die Jahre haben wir beim BVB mit Herrn Struth und SportsTotal sehr konfrontative, aber auch sehr konstruktive Gespräche geführt. Dass man dabei auch mal aneinanderrauscht, lässt sich kaum vermeiden. Aber nach ein paar Wochen konnten wir uns auch immer wieder in die Augen schauen." Struth vertritt beim BVB Marco Reus und Gonzalo Castro.

Jörg Schmadtke (52), Sportdirektor des 1. FC Köln, der ein halbes Dutzend an SportsTotal-Kickern beschäftigt, nennt Struth "einen harten Knochen, der um seine starke Marktposition weiß", aber "immer lösungsorientiert" verhandle.

Großer Respekt klingt da durch. Vielleicht sogar ein bisschen Angst?

Struth, Mendes, Barnett, Raiola - die großen Vier im Beraterbusiness

Struth ist einer der großen Vier im Beraterbusiness - neben dem Portugiesen Jorge Mendes (50), dem Briten Jonathan Barnett (66) und dem Italiener Raiola (siehe letzter Teil). Der Mann aus Köln belauert und taxiert sein Gegenüber zunächst einmal genau. Hat er es gelesen, knipst er seinen Charme an, und das Verkaufstalent leuchtet auf.

Als er 2007 in die Glanzwelt Fußball startet, sagt er sich: "Du bist jetzt in einer als unseriös verschrienen Branche unterwegs, also unterscheide dich durch Seriosität." Auch er fährt Hunderte Sportplätze ab, aber mit einer Strategie. Er heuert Studenten der Sporthochschule Köln an, schickt sie als Scouts durch die Republik und sammelt Daten.

Für den Fußballsachverstand tut sich Struth mit Dirk Hebel (44) zusammen, einem etablierten Berater und Ex-Profi. Hebel bekommt dafür ein Drittel der Agentur. Sie stellen Ex-Fußballer wie Uwe Fuchs (1. FC Köln) oder zuletzt Jan Schlaudraff (Bayern München) ein, denn eine gute Prise Rasen-und-Umkleidekabinenaroma verschafft in der kleinen Fußballwelt noch immer am schnellsten Respekt.

Marcel Risse, die Nummer 001

Zu den Ersten, die Struth vertrauen, gehören einige jener Jungs, die Deutschland 2008 zum U19-Europameister machen. Irgendwann 2007 sitzt er vor einem dieser kommenden Europameister, der hat Vater und Stiefvater dabei. Einer der beiden fragt: "Wie viele Spieler beraten Sie denn schon?" Struth: "Keinen." Marcel Risse schlägt trotzdem ein, er wird die Nummer 001 in der neuen Kundenkartei.

Struth ist jetzt Spielerberater. Seine neue Branche ist so wie der deutsche Fußball in den 90er Jahren: mehr handfest als filigran, Kick & Rush statt Tiki-Taka. Das weiß auch jener Mann, der Struth ins Fußballbusiness transferiert: Reiner Calmund (68), von 1988 bis 2004 Manager von Bayer Leverkusen. Calmund sieht in ihm genau jene Mischung aus Menschenkenntnis, Geschmeidigkeit und Verhandlungshärte, die ein Topberater braucht. Bei ihm heißt das "Straßenkötermentalität".

In den 80er und 90er Jahren werden im Fußballbusiness die Grenzen zwischen Schlitzohrigkeit und Schamlosigkeit zunehmend unscharf. Calmund holte diese Kultur irgendwann ein. Wegen einer Barzahlung über 580¿000 Euro an einen Spielerberater verlor das Branchenschwergewicht 2004 seinen Job - obwohl er den Werksklub mit Stars wie Michael Ballack oder Lúcio 2002 bis ins Champions-League-Finale gebracht hatte.

Auch Struth will ganz nach oben, mit lauteren Methoden. Nichts bringt ihn deshalb mehr auf die Zinne als das Pferdehändlerimage seines Standes. Er sitzt in seiner Firmenzentrale in Köln - mit Blick auf den Rhein, draußen wallt Novembernebel übers Wasser. Offenes Hemd, Strickjacke, Jeans, Sneaker, sein Standardoutfit.

"Ich verstehe mich als ehrbaren Kaufmann, wir arbeiten sauber, ich lasse keine Skandale zu, das ist mein oberstes Gebot hier", sagt Struth. "Wir Berater dürfen uns glücklich schätzen, im Profifußball zu arbeiten und damit gutes Geld zu verdienen¿- wer dann so hohl ist und krumme Dinger macht, der sollte sich einliefern lassen."

Skandale wie in Spanien? So was schließt Struth für sich und seine Agentur aus. Er möchte "ruhig schlafen". Jeden Vertrag, den Struths Team für einen Spieler aushandelt, lässt er von Arbeitsrechtlern und Steuerberatern prüfen - noch immer ziemlich unüblich in der Branche.

Struth sähe all dies gern als Standard - und so langsam findet er auch Verbündete unter seinen Rivalen. Die Straßenköter wollen sich selbst an die Kette legen.

42 Millionen Euro Schmerzensgeld

Schon 2007 gründeten einige Berater die Deutsche Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV). Lange stand sie an der Seitenlinie. Doch jetzt wollen Struth und Co. die DFVV nutzen, um ihren Markt zu regulieren. Auf der Mitgliederversammlung Anfang November wurde der Vorstand erweitert. Dort sind nun Vertreter von drei der vier großen Agenturen vertreten: Pro Profil, Arena11 und SportsTotal mit Struths Partner Hebel. In den kommenden drei Jahren geben die drei Marktführer fast 150¿000 Euro aus, um die DFVV neu aufzustellen. "Das Versagen der Fifa, den Beratermarkt zu regulieren, ist auch eine Chance für Berater und Liga, die Dinge selbst zu regeln", sagt DFVV-Geschäftsführer Gregor Reiter.

Die Premier League hat längst klare Regeln. So laufen alle Zahlungen zwischen Beratern und Klubs durch eine Clearing-Stelle des Verbandes.

Das fördert das Vertrauen. Und die Klubs freuen sich über niedrigere Preise. In England beträgt die Beraterprovision rund 5 Prozent der Gehaltssumme, halb so viel wie hierzulande. 128 Millionen Euro zahlten die 18 Erstligaklubs laut Deutscher Fußball Liga (DFL) 2015/16 an Berater.

Je transparenter die Beraterbranche, desto attraktiver wäre die Bundesliga auch für Investoren. Noch gilt zwar die 50+1-Regel, nach der Geldgeber keine Mehrheit an deutschen Profiklubs erwerben dürfen. Aber viele in der Branche gehen davon aus, dass diese Klausel bald fällt - weil die Bundesliga sonst sportlich abgehängt wird. Die Vorschrift ist durch die Werksklubs Leverkusen und Wolfsburg, Dietmar Hopps 1899 Hoffenheim und Dietrich Mateschitz' RB Leipzig ohnehin längst ausgehöhlt.

Als Startpunkt für ihre Selbstreinigung haben die DFVV-Berater einen Code of Conduct entworfen. So sollen künftig keine Spielerwechsel mehr erpresst werden, wie das etwa Großberater Raiola im Sommer noch vorexerzierte, als er Borussia Dortmund durch Indiskretionen zwang, dem Wechsel von Henrich Mchitarjan zu Manchester United zuzustimmen - für ein Schmerzensgeld von 42 Millionen Euro.

Zudem wollen sich die Berater von Minderjährigen fernhalten. Das Ködern von deren Eltern, etwa durch Jobs, gemeinsame Firmen oder neue Autos - auch unter großen Agenturen nicht unüblich -, soll passé sein.

Auch für die neuen Geschäftsmodelle werden Regeln gebraucht. Darf ein Berater direkt als Investor in einen Klub einsteigen? Arena11 aus München hatte das mit weiteren Geldgebern beim Krisenklub Alemannia Aachen vor. Und Roger Wittmann (56), Chef von Rogon, der vierten großen Agentur in Deutschland, soll bei einem ausländischen Klub investiert sein. Wittmann mag das nicht kommentieren.

Struth schließt solche Beteiligungen für sich kategorisch aus. Er habe des Öfteren Angebote gehabt, aber "ein Interessenkonflikt wäre unausweichlich".

Schon die Beratung von Investoren gilt in der Szene als grenzwertig. So hat Wittmann den Aufstieg von Hoffenheim unter Hopp eng begleitet und zugleich viele Spieler aus seinem Portfolio beim Kraichgau-Klub platziert, was Ärger provozierte.

Struth beriet zuletzt Klaus-Michael Kühne (79). Der Logistik-Milliardär unterstützt seit Jahren seinen Heimatklub Hamburger SV mit Dutzenden Millionen Euro und hält mittlerweile 11 Prozent der Anteile. Trotzdem entging der Verein dem Abstieg zweimal nur knapp.

Für den desaströsen Saisonstart wurde Struth mitverantwortlich gemacht. Dass der Kader zum Großteil bereits vor seiner Kooperation mit Kühne stand, will niemand mehr wissen. Weil keiner seiner Ratschläge umgesetzt worden sei, beendete Struth die Zusammenarbeit mit Kühne nach sechs Monaten wieder.

Ein Telefonat mit Mario Götze

"Es war ein Experiment, dem wir beide mehr Erfolg gewünscht hätten", sagt Kühne rückblickend. "Hätte ich vorher gewusst, was da auf uns zukommt, hätte ich es wohl nicht gemacht", sagt Struth, "aber es war eine wichtige Erfahrung."

Nicht wenige in seiner Branche halten sein HSV-Engagement für einen Fehler. Allerdings verfolgen selbst die großen Player noch Praktiken, die unter einer Konzerncompliance kaum akzeptabel wären:

¿Ex-Nationalspieler Thomas Strunz (48) ist Geschäftsführer und Co-Eigner von Arena11 und zugleich seit neun Jahren Mitglied der TV-Talkrunde "Doppelpass" des Senders Sport1, wo er Spieler und Klubs loben und tadeln kann. Strunz teilt mit, er könne seine Auftritte im Fernsehen "von seiner geschäftlichen Tätigkeit trennen".

¿Rogon-Eigner Wittmann versuchte vergangenen Sommer, seinen Spieler Julian Draxler nach nur einem Jahr beim VfL Wolfsburg loszueisen, weil der Klub Draxler nicht ziehen lassen wollte. Er betrieb also genau das, was sein Verband DFVV eigentlich beenden will.

¿Roman Rummenigge (34), Sohn von FC-Bayern-CEO Karl-Heinz Rummenigge (61), ist Spielerberater und hat mehrere Kicker aus den Jugendmannschaften des Klubs im Kader. Der FC Bayern teilt mit, alle Berater einer "Geschäftspartnerprüfung im Rahmen eines Compliance-Checks" zu unterziehen. Rummenigge junior lässt ausrichten, er werde "wie jeder andere Spielerberater behandelt", mit seinem Vater "hatte und hat er in solchen Angelegenheiten nie und nichts zu tun".

Mag sein. Aber solche Leichtfertigkeit dürfte der Branche bald ausgetrieben werden. Zumal neue Wettbewerber in den lukrativen Beratermarkt drängen. Im US-Sport etwa gibt es nur noch eine Handvoll Agenturen, die fast alle Spieler vertreten.

Die Amerikaner zieht es nach Europa. Die US-Agentur Wasserman, die diverse Baseball- und Basketballstars vertritt, hat 2014 bereits die niederländische Agentur Sport-Promotion gekauft und verfügt damit über ein Portfolio niederländischer und britischer Topfußballer. Erste Wahl der Amerikaner war SportsTotal. Nach der Due Diligence legte Wasserman Struth 2013 ein Angebot vor, das der zwei Nächte überschlafen musste. Dann sagte er ab. Er wollte sein eigener Chef bleiben.

Lieber pflegt Struth sein Portfolio selbst oder überarbeitet es. Mario Götze war lange wie ein Sohn für ihn. Als der Angreifer am Boden zerstört war, weil er 2014 beim 7:1 der Nationalelf im WM-Halbfinale gegen Brasilien nicht mitspielte, telefonierte Struth stundenlang mit ihm und baute ihn wieder auf. Fünf Tage später schoss Götze Deutschland zum Weltmeistertitel.

Der Stürmer war ein schwieriger Kunde. Schon vom Wechsel zu Bayern München hatte Struth seinem Schützling, damals 21, abgeraten. Er behielt recht, Götze wurde in München nie glücklich. Im Frühjahr 2016 handelte er zwei Verträge aus, einen mit dem FC Liverpool unter Götzes Ex-Coach Jürgen Klopp, einen mit seinem Ex-Klub Dortmund. Erst wollte Götze wechseln, dann nicht.

Struths Ruf bei den Klubs stand auf dem Spiel. Bei einem kurzen Treffen am Rande des DFB-Pokalfinales in Berlin im Mai vereinbarte das Duo seine Trennung.

"Persönlich ist mir das sehr schwergefallen", sagt Struth, "aber es war eben auch eine unternehmerische Entscheidung." Er sandte ein Zeichen: Ich berate seriös, und wird mein Rat nicht gehört, steige ich aus - selbst bei großen Stars.

Kurz darauf unterschrieb Mario Götze dann übrigens doch noch - in Dortmund.

Transferkönige - Volker Struths größte Konkurrenten

Transferkönige - Volker Struths größte Konkurrenten

Jorge Mendes

Für weit mehr als eine Milliarde Euro hat der Portugiese Topspieler wie Cristiano Ronaldo, Ángel Di María oder James Rodríguez kreuz und quer durch Europa transferiert. In Spanien, Portugal und Brasilien beherrscht der Ex-Discobesitzer, der auch den Startrainer José Mourinho (Manchester United) berät, den Markt. 20 Prozent seiner Agentur Gestifute hat er 2015 an die chinesische Fosun-Gruppe verkauft, die ihrerseits beim englischen Traditionsklub Wolverhampton Wanderers eingestiegen ist.

Mino Raiola

Durch seine rabiaten Verhandlungsmethoden verbreitet der Sohn einer Pizzabäckerfamilie im niederländischen Haarlem seit mehr als 20 Jahren Angst und Schrecken unter Europas Klubbossen. Wer nicht pünktlich erscheint, muss schon mal das Doppelte berappen. Weil Raiola Topstars wie Zlatan Ibrahimovic, Mario Balotelli oder Paul Pogba vertritt, lassen sich die Manager die Zumutungen bieten. Raiola lebt in Monaco.

Jonathan Barnett

Der Brite mit der markanten Halbglatze ist ein Multitalent. Mit seiner Agentur Stellar mit Sitz an Londons Hyde Park berät er nicht nur Kicker wie Gareth Bale, den er 2013 für mehr als 100 Millionen Euro von Tottenham Hotspur zu Real Madrid transferierte. Er vertritt auch zahlreiche Leichtathleten und Boxer sowie Cricket- und Rugby-Stars.

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