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Vatikanbank: Wie die Vatikanbank arbeitet

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Vatikanbank Die Kirche und das Geld

In Deutschland steht der Limburger Bischof Tebartz-van Elst in der Kritik. Im Vatikan soll derweil der deutsche Finanzexperte Ernst von Freyberg das skandalumwitterte Geldinstitut der Päpste sanieren. Ein Himmelfahrtskommando.
Von Ulric Papendick

Hamburg/Vatikan - Wie ein Schrein thront das wuchtige Holzbett vor der weiß getünchten Wand. Grelles Neonlicht und der auf Hochglanz polierte dunkle Parkettboden lassen das karg ausgestattete Zimmer noch kühler wirken. Ein Raum wie eine Klosterzelle: Wer hier ruhig schlafen will, sollte auf weltliche Freuden keinen großen Wert legen.

Seit acht Monaten sind die "Suiten" der Santa Marta das Zuhause von Ernst von Freyberg (54). Drei Tage die Woche logiert der neue Chef der Vatikanbank im Gästehaus des Kirchenstaats. Er kämpft sich durchs Frühstücksbuffet, das sich an dem eines Ibis-Hotels zu orientieren scheint. Bisweilen isst er hier auch zu Mittag, obwohl die Küche der Marta im Vatikan berüchtigt ist für ihre Mittelmäßigkeit.

Ernst Conrad Rudolf Freiherr von Freyberg-Eisenberg-Allmendingen, Schlossbesitzer, Ritter des Malteserordens, millionenschwerer Investmentbanker und Aufsichtsratschef der Hamburger Werft Blohm + Voss, nimmt das hin. Er will die Berufung in das Epizentrum der katholischen Kirche akzeptieren, mit allem, was dazugehört. Schließlich wohnt auch Papst Franziskus in einem der schlichten Apartments der Heiligen Marta - ein Umstand, der die Wellen der Empörung um die Luxusresidenz des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst in Deutschland umso höher schlagen lässt.

Im Gegensatz dazu begnügt sich von Freyberg mit einer schlichten, einfachen Unterkunft - denn seine Aufgabe ist schon groß und schwierig genug. Der schwäbische Edelmann soll aus dem Geldhaus der Kurie, der Vatikanbank, ein ordentliches Finanzinstitut formen, das allen internationalen Anforderungen in Sachen Transparenz und Ethik genügt.

Kirche und Geld - seit Jahrhunderten ein heikles Thema

Kein einfacher Job, das war von vornherein klar. Das "Institut für die religiösen Werke" (Istituto per le Opere di Religione, IOR) ist ebenso geheimnisumwittert wie skandalträchtig. Jahrelange Verbindungen zur Mafia, zahllose Geldwäscheaffären und eine Reihe ungeklärter Todesfälle haben den Ruf der päpstlichen Bankiers gründlich ruiniert.

Wie tief der Sumpf an Korruption und Affären aber bis heute reicht, damit hatte wohl auch von Freyberg nicht gerechnet. Erst Ende Juni dieses Jahres wurde ein Chefbuchhalter des Vatikans wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Betrug festgenommen. Der Generaldirektor des IOR und sein Vize mussten daraufhin zurücktreten, beide hatten die dubiosen Deals des Monsignore offenbar über einen längeren Zeitraum hinweg geduldet.

Seither führt von Freyberg die Geschäfte des angeschlagenen Instituts quasi im Alleingang. Ob er in dieser extrem heiklen Phase die nötige Rückendeckung der Kurie hat, weiß er schlichtweg nicht. Der deutsche Bankchef ist ein Mann von Papst Benedikt; ein Vertrauensverhältnis zu dessen Nachfolger hat er nicht.

Stattdessen schlägt dem Investmentbanker Feindseligkeit entgegen. Seit Wochen versuchen ihn die Gegner seines Reformkurses mit gezielten Gerüchten und Indiskretionen aus dem Amt zu drängen. Da sei ein orchestrierter Insiderjob gegen ihn am Werk, klagte der Baron bereits in kleinem Kreis.

Spionage und Drohungen - kann von Freyberg seine Mission noch erfüllen?

Kann Ernst von Freyberg seine Mission noch erfüllen und die skandalumwitterte Bank reformieren? Oder ist der deutsche Ritter im Kirchenstaat zum Scheitern verurteilt - und das Geldhaus, das er retten sollte, wird am Ende sogar abgewickelt?

Wie ernst es um die Bank der Bischöfe steht, zeigt folgende Anekdote. In der rund 70 Jahre währenden Geschichte des IOR gab es genau zwei Mitarbeiterversammlungen. Beide sind jüngeren Datums. Die erste fand am Morgen des 13. Mai dieses Jahres statt. Unter der Kuppeldecke eines edel eingerichteten Konferenzsaals, dessen Wände Porträts vergangener Päpste zieren, stellte sich Bankchef von Freyberg seinen Mitarbeitern vor. Er sprach davon, wie wichtig die Bank für den Vatikan sei; wie man dem Papst dienen wolle und dass man nur als Team erfolgreich sein könne.

Das zweite Treffen wurde am 2. Juli einberufen. Es war weniger erbaulich. Der Generaldirektor des Instituts, Paolo Cipriani (58), und sein Stellvertreter Massimo Tulli erklärten tränenreich ihren Rücktritt. Neben ihnen stand der Mann, der die Demission seiner engsten Mitarbeiter veranlasst hatte: IOR-Präsident von Freyberg.

Die sieben Wochen, die zwischen diesen beiden Terminen lagen, dürften dem Bankier aus dem schwäbischen Allmendingen vor Augen geführt haben, worauf er sich eingelassen hat.

Morast unter der Oberfläche: Der Fall Scarano

Er musste erleben, wie ihm Papst Franziskus ohne sein Wissen oder Mitwirken zuerst den Direktor der vatikanischen Gästehäuser als Aufpasser zur Seite stellte, um wenige Tage später eine Kommission ins Leben zu rufen, die Arbeitsweise und Sinn des IOR grundsätzlich infrage stellen soll.

Und spätestens seit der Verhaftung von Nunzio Scarano (61), einem hochrangigen Rechnungsprüfer der vatikanischen Vermögensverwaltung Apsa, weiß von Freyberg, welcher Morast tatsächlich unter der Oberfläche des Kirchenstaats lauert.

Scarano, der versucht haben soll, für eine Reederfamilie 20 Millionen Euro in bar per Privatjet von der Schweiz nach Italien zu befördern, wickelte seine Bankgeschäfte über das IOR ab. Bereits in den Jahren zuvor hatte er offensichtlich größere Bargeldsummen von befreundeten Unternehmern erhalten und die Herkunft der Gelder anschließend verschleiert - so zumindest der Verdacht der Staatsanwaltschaft in Scaranos süditalienischer Heimatstadt Salerno. Der Monsignore selbst beteuert nach wie vor seine Unschuld.

Seine Transaktionen, berichten IOR-Mitarbeiter, seien allerdings derart auffällig gewesen, dass die Führung des Instituts hätte stutzig werden müssen. Doch Cipriani und Tulli verließen sich auf die telefonischen Beteuerungen Scaranos, der für alles eine Erklärung parat hatte.

Von Freyberg blieb schließlich nichts anderes übrig, als seine beiden Topleute, die er kurz zuvor noch als gutes Team gelobt hatte, zu feuern.

Praktiken wie bei Don Corleone

Die Stimmung in der Bank, berichten Mitarbeiter, gleiche seither einer Schockstarre. Viele fühlten sich erinnert an das unrühmliche Ende des letzten IOR-Präsidenten, Ettore Gotti Tedeschi (68), dessen unsanfter Abgang die Bank vor gut einem Jahr erschüttert hatte.

Der frühere McKinsey-Berater und Experte für ethisches Geldgeschäft hatte in seinen drei Jahren an der Spitze des vatikanischen Geldhauses mit einigem Eifer versucht, dubiose Praktiken innerhalb des IOR aufzudecken. Er scheiterte - am Ende seiner Amtszeit fürchtete Gotti Tedeschi nach eigenen Angaben sogar um sein Leben.

Das Dossier, das er im Vatikan hinterließ, liest sich wie das Drehbuch eines Dan-Brown-Thrillers. Auf vier eng beschriebenen Seiten listet der Bankier auf, wie er bedroht worden sei, wie seine Mails und Briefe gelesen wurden und wer im Vatikan seine Feinde seien. Dazu zählte Gotti Tedeschi auch Paolo Cipriani.

Das Memo dürfe sein Büro "nur im Fall eines Unfalls, gleich welcher Art" verlassen, hatte Gotti Tedeschi verfügt. Dann solle das Papier dem damaligen Papst-Sekretär Georg Gänswein (56) übergeben werden.

Es sind Episoden wie diese, die den Ruf des IOR als Hort finsterer Machenschaften festigen. Viele Vatikankenner sind überzeugt, dass die Bank bis heute dubiosen Organisationen als Vehikel für Geldwäsche dient. "Ich glaube, dass da noch etwas Großes im Hintergrund läuft, etwas, von dem nur ganz wenige wissen", raunt ein deutscher Privatbankier, der jahrelang eng mit dem IOR zusammengearbeitet hat.

Ein streng limitierter Kundenkreis

Schon das Äußere der Bank ist ungewöhnlich. Die 114 Mitarbeiter verschanzen sich hinter den wuchtigen Mauern eines Wehrturms, der im 15. Jahrhundert zum Schutz des Kirchenstaats errichtet wurde. Vom Prunk des Petersdoms ist hier wenig zu spüren. In der schlichten, mit hellem Holz verkleideten Schalterhalle drängen sich Kirchenvertreter aus aller Welt, von koreanischen Nonnen bis hin zu Würdenträgern aus Nigeria, für die das IOR den Zahlungsverkehr in alle Welt organisiert.

Der Kundenkreis des Instituts ist streng limitiert: Ein Konto beim IOR können außer kirchlichen Institutionen und deren Mitgliedern nur Mitarbeiter des Vatikanstaats und dort akkreditierte Diplomaten eröffnen.

Das IOR ist zudem keine Bank im engeren Sinne, es unterliegt daher auch nicht den international üblichen Regeln des Finanzgewerbes. Eine Aufsichtsbehörde, die das Treiben der Banker kontrollierte, gab es lange Zeit ebenso wenig wie ein Gesetzeswerk, das die Einhaltung internationaler Standards zur Bekämpfung von Geldwäsche einforderte.

In diesem Umfeld gediehen Praktiken, die eher an Don Corleone erinnerten als an ein Institut zur "Förderung religiöser Werke". In den 70er Jahren unterhielt das IOR lebhafte Beziehungen zu Mafiakreisen. Ein enger Geschäftspartner des Instituts, der Mailänder Bankier Roberto Calvi, wurde 1982 erhängt unter der Londoner Blackfriars Bridge gefunden - mutmaßlich ein Auftragsmord der Mafia. Calvis Sekretärin stürzte aus dem Fenster ihrer Bank in den Tod, ein weiterer Finanzier starb im Gefängnis an einem mit Zyankali vergifteten Espresso.

Nummernkonten für italienische Spitzenpolitiker

Nur wenige Jahre später ersann ein ranghoher Kirchenmann ein System geheimer Nummernkonten, deren sich italienische Spitzenpolitiker in der Folgezeit gern bedienten. Auch der in diesem Frühjahr verstorbene Giulio Andreotti verfügte auf diese Weise über eine Bankverbindung im Vatikan.

Schmiergelder in Millionenhöhe seien so über die Konten des IOR gewaschen worden, vermuten zumindest italienische Staatsanwälte. Den Beweis zu führen fiel indes schwer - der Vatikan verweigerte jedwede Auskunft.

Ans Licht kamen all diese Machenschaften denn auch erst 2009 durch die Hinterlassenschaft eines verstorbenen Vatikan-Geistlichen. Notgedrungen entschloss sich die Kirchenspitze um Papst Benedikt zu handeln. Eine Aufsichtsbehörde wurde installiert; sogar ein Team internationaler Geldwäscheexperten durfte den Vatikan und seine Bank inspizieren.

Ungewohnte Transparenzoffensive

Ziel der ungewohnten Transparenzoffensive war in erster Linie, den Vatikan auf die weiße Liste derjenigen Nationen zu befördern, die der Geldwäsche gemeinhin unverdächtig sind. Ansonsten drohte das IOR vom internationalen Geldgeschäft abgeschnitten zu werden - für die Finanzen der weltweit tätigen Kirchenorganisation eine veritable Bedrohung.

An der Geisteshaltung der kirchlichen Geldmanager änderte die neue Marschrichtung freilich wenig. Bis heute hält die Bank nur so viel Kontakt zur internationalen Finanzwelt wie eben nötig.

Etlichen "Partnerbanken" des IOR wurde die Geheimniskrämerei zu viel. Die New Yorker Großbank J. P. Morgan etwa brach die Zusammenarbeit mit dem Kircheninstitut ab - aus Angst vor Imageschäden.

Auch bei vielen Aufsichtsbehörden ist das päpstliche Geldhaus mittlerweile ein Reizthema. Die römische Notenbank fror 2010 rund 23 Millionen Euro, die von einem Konto des IOR an eine italienische Bank transferiert wurden, wegen des Verdachts auf Geldwäsche kurzerhand ein.

"Man muss hier aufräumen"

Anfang dieses Jahres untersagte die römische Zentralbank dann auch noch der von ihr beaufsichtigten italienischen Tochter der Deutschen Bank  den Betrieb der Kreditkartenterminals des Vatikans. Beim IOR müsse "man endlich mal aufräumen", vertraute der italienische Notenbankgouverneur Ignazio Visco (63) jüngst einem deutschen Kollegen an.

Einer derjenigen, die diese Aufgabe erledigen sollen, ist René Brülhart (40). Der Schweizer Anwalt erscheint spät zum verabredeten Treffen im Szenelokal "La Vittoria" unweit des Vatikans. Die Menschenmassen, die die allwöchentliche Generalaudienz des Papstes auf dem Petersplatz besuchen, haben ihn aufgehalten.

Brülhart leitet seit dem vergangenen Herbst die AIF, die 2010 gegründete Finanzaufsicht des Kirchenstaats. Zuvor war er etliche Jahre in Liechtenstein mit der Bekämpfung von Geldwäsche betraut; auch an der Aufdeckung der Steuerhinterziehung des einstigen Post-Chefs Klaus Zumwinkel (69) war er beteiligt. Manche Boulevardmedien feierten ihn deshalb und wegen seiner Ähnlichkeit mit dem 007-Darsteller Pierce Brosnan bereits als James Bond der Finanzmärkte.

Ein Schweizer Anwalt soll beim Aufräumen helfen

Brülhart geht die Aufgabe im Kirchenstaat mit der nüchternen Präzision eines Technokraten an. Man habe "viel erreicht in vergleichsweise kurzer Zeit", sagt er. Bereits heute habe der Vatikan in Sachen Geldwäschebekämpfung einen Standard erreicht, der durchaus mit Ländern wie Deutschland vergleichbar sei, sagt er selbstbewusst. Davon zeuge nicht zuletzt die Aufnahme des Kirchenstaats in die Egmont Group, eine internationale Vereinigung von Geldwäschemeldestellen. In wenigen Wochen werde zudem ein neues Gesetz die Eingriffsmöglichkeiten seiner Aufsichtsbehörde noch einmal erheblich erweitern.

Dass er mit seiner zurzeit nur mit sieben Mitarbeitern bestückten Behörde nicht alle potenziellen oder tatsächlichen Schwachstellen im Finanzsystem der Kurie aufdecken kann, ist ihm klar. Er will deshalb auch nicht per se ausschließen, dass es im IOR nach wie vor geheime Nummernkonten gibt. "Ich kann nur sagen, dass ich dafür bislang keine Indizien habe", meint Brülhart.

Ähnlich formuliert es von Freyberg. Der Malteserritter ist vorsichtig geworden; bei allem erkennbaren Bemühen, Optimismus auszustrahlen, haben die ersten Monate im Schatten der Kurie doch Spuren hinterlassen.

Immerhin gibt es nun einige weitere Schritte auf dem langen Weg zu einem transparenten Geldinstitut. Mittlerweile erlaubt das IOR einen Blick in seine Bilanz. Die Vatikanbank will zudem rund 1000 Konten schließen und sich von Kunden trennen, mit denen man künftig nicht mehr zusammenarbeiten will.

Warum sich von Freyberg den Höllenjob antut

Hätte von Freyberg wissen müssen, worauf er sich einlässt? Es ist jetzt ein knappes Jahr her, dass ihn der Anruf der Frankfurter Spencer-Stuart-Partnerin Yvonne Beiertz (56) erreichte. Der Vatikan suche einen neuen Chefbanker, berichtete die Headhunterin. Ob von Freyberg vielleicht eine Idee habe, wer da in Betracht kommen könnte.

Natürlich war die Frage anders gemeint. Der schwäbische Edelmann passte einfach zu gut ins Raster. Ein gläubiger Katholik, hoch angesehenes Mitglied eines wohltätigen Ordens, erfahrener Banker und zugleich ausgebildeter Jurist - vor allem aber weit weg vom Filz der römischen Kurie.

Das sei kein Anruf gewesen, auf den man unbedingt gewartet habe, sagt von Freyberg heute. Er hatte seine Karriere in der Hochfinanz eigentlich abgeschlossen. Die Investmentboutique, die er mit aufgebaut hatte, war verkauft, finanziell ist er unabhängig. Andere Jobofferten hatte er ausgeschlagen.

Am Geld liegt es sicher nicht. Der gesamte fünfköpfige Aufsichtsrat des IOR, heißt es, verdiene in etwa eine Million Euro pro Jahr. Nicht die Größenordnung, um einen Mann in Versuchung zu bringen, der 2011 zu seiner Hochzeit im Herzen der französischen Champagne eigens 50 Musiker aus dem Schwäbischen herbeikarren ließ.

"Einen solchen Ruf kann man nicht ablehnen"

Jetzt ist er mit Mitte 50 auch noch zum ersten Mal Vater geworden. Warum also tut er sich den Höllenjob an, zumal ihn aus dem Umfeld des damaligen Papstes Benedikt die Warnung erreicht haben soll, besser nicht mit der Familie nach Rom zu ziehen, aus "Sicherheitsgründen".

Einen solchen Ruf könne man nicht ablehnen, sagt von Freyberg schlicht. Damit ist die Sache für ihn hinreichend erklärt.

Seine Aufgabe sieht er darin, dem Papst "Optionen zu schaffen". Sein Mandat läuft bis 2015, bis dahin will er die Bank zu einem sauberen und gut funktionierenden Institut formen, für das sich die Kirchenoberen nicht mehr zu schämen brauchen.

"Was der Heilige Vater dann mit dem IOR macht, ist seine Entscheidung", sagt von Freyberg.

Wie der Bankchef dieses Ziel erreichen will, ist am besten durch einen Blick in sein Büro zu verstehen. Der gewaltige Schreibtisch des Präsidenten ist verwaist, von Freyberg ist in ein benachbartes, deutlich kleineres Büro umgezogen. Stattdessen ist gut die Hälfte des wohl an die 50 Quadratmeter messenden Raums mit einem Computerterminal belegt, vor dem ein Dutzend hemdsärmeliger IT-Experten sitzt. Das Team der amerikanischen Beratungsfirma Promontory hat von Freyberg nach Rom geholt, um sämtliche Konten des IOR zu sichten.

Spezialtruppe aus den USA sichtet die Konten

Angeführt wird die Truppe von Elizabeth McCaul, einer früheren Topjuristin der New Yorker Bankenaufsicht. Die resolute Dame hatte sich vor Jahren einen Namen gemacht, als sie den Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse einen milliardenschweren Holocaust-Vergleich abrang. Jetzt setzt McCaul ihr Können für private Geldhäuser ein - natürlich gegen üppige Bezahlung.

Überhaupt scheut von Freyberg keine Kosten, um die Vatikanbank nicht nur besser zu machen, sondern auch besser aussehen zu lassen. Die New Yorker Anwaltsfirma Cleary Gottlieb berät die Bank in internationalen Rechtsfragen; die Münchener PR-Firma CNC kümmert sich um die Medienarbeit.

Mit einer ganzen Serie von Interviews verkündete von Freyberg drei Monate nach seinem Antritt die neue Marschrichtung. Kernbotschaft: "Bei Klüngeleien und Sauereien habe ich null Toleranz." All das zog der neue Bankpräsident sehr organisiert und sehr schnell durch, eben so, wie ein Investmentbanker deutscher Prägung eine solche Aufgabe angeht.

Ungewohntes Sanierungstempo

Im Vatikan, der dieses Tempo nicht gewöhnt ist, machte er sich damit indes nicht nur Freunde. Seit Wochen häufen sich in italienischen Medien die Negativschlagzeilen über den deutschen Bankier an der IOR-Spitze.

Offensichtlich gefüttert von frustrierten Vatikan-Insidern, wissen die Zeitungen in Mailand und Rom zu berichten, von Freyberg sei abgehoben und umgebe sich mit viel zu teuren Beratern. Trotzdem - oder auch gerade deswegen - habe er es nicht geschafft, den Papst für sich einzunehmen.

Zumindest am letzten Punkt scheint auch etwas dran zu sein. Als absolutistischer Herrscher im Kirchenstaat ist es allein Sache des Papstes, über die Zukunft des IOR zu entscheiden. Durch die bisherigen Äußerungen und Handlungen des Pontifex lässt sich erahnen, was ihm vorschwebt.

Mehrfach hat der aus einfachen Verhältnissen stammende Jorge Mario Bergoglio darauf hingewiesen, dass Geldgeschäfte für die Kirche kein Selbstzweck sein dürften. Petrus, sagt er, habe kein Bankkonto gehabt. Und auch die Untersuchungskommission, die er Ende Juni einsetzte, begründete Papst Franziskus explizit damit, er wolle die Geschäfte seines Bankhauses mit der weltweiten Mission des Heiligen Stuhls in Einklang bringen.

"Die Tage des IOR sind gezählt"

Für viele Kenner des Vatikans klingt all das danach, als wolle der Papst das Bankhaus mindestens von Grund auf umbauen - wenn nicht sogar ganz dichtmachen. Dafür spricht, dass die Mitglieder der neuen Kommission allesamt als Anhänger einer weitreichenden Reform der Kurienverwaltung und insbesondere ihrer Finanzinstitutionen gelten.

Die Tage des IOR seien gezählt, verbreitet so mancher deutsche Bischof bereits im kleinen Kreis. Der Imageschaden, den das Institut für die katholische Kirche darstelle, sei einfach zu groß. Man fahre besser, wenn man das Geldgeschäft an ein oder mehrere externe Institute abgebe.

Ob es tatsächlich so kommt und er mithin eines Tages überflüssig wird, mag Ernst von Freyberg nicht kommentieren. Auf seine Position werde man eben berufen und auch wieder abberufen, meint er lakonisch.

Vielleicht hat er ja doch geahnt, was auf ihn zukommt. Seine Antworten auf die Glückwünsche befreundeter Banker zu seiner Ernennung endeten jedenfalls meist mit einem kurzen Satz: "Bete für mich."

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