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US-Wirtschaftsboom: Ein Cocktail ungesunder Zutaten

Foto: Corbis

USA American Dreamer

Die US-Wirtschaft boomt, doch viele Amerikaner bekommen davon nichts ab. Dem Aufschwung fehlt ein solider Unterbau, er ist ein Mix aus höchst ungesunden Zutaten. Erleben die USA nur eine kurze Scheinblüte?
Von Ulric Papendick

In einem Hollywood-Film wäre Robert "Bobby" M. Hitt III wohl die Idealbesetzung für die Rolle eines Generals der Konföderierten-Armee. Groß, stämmig, Vollbart, das blonde, etwas längere Haar lässig zur Seite gekämmt. Der Mann hat etwas Kriegerisches an sich.

Hitt ist Wirtschaftsminister des US-Bundesstaates South Carolina, und in der Art, wie er dieses Amt interpretiert, liegt auch etwas von einem Feldherrn. Der einst von Baumwollplantagen und Textilfabriken geprägte amerikanische Süden, sagt Hitt, habe lange genug zugeschaut, wie Unternehmen und Arbeitsplätze Richtung Asien verschwunden seien. Seine Aufgabe sei es nun, der Wirtschaft seines Landes wieder Kraft zu verleihen.

Dabei ist er nicht zimperlich. Konzernen wie BMW , Michelin  oder Boeing , die sich für South Carolina als Standort entscheiden, bietet Hitt nicht nur umfangreiche Steuernachlässe an. Den Boden, auf dem sie ihre Fabriken errichten, erhalten sie nahezu gratis, die eigene Abfahrt vom Highway und den Zubringer gibt's obendrauf. Und billige Arbeitskräfte, beteuert Hitt, die seien ohnehin reichlich vorhanden in South Carolina.

Und was ist mit den Gewerkschaften? Der Minister zieht die Mundwinkel zur Andeutung eines Lächelns hoch und lässt sie dann abrupt wieder sinken. "Die spielen bei uns im Süden keine große Rolle." Die Arbeitnehmer South Carolinas seien so gut wie gar nicht gewerkschaftlich organisiert, vor schnell steigenden Löhnen müsse man sich nicht fürchten.

Arbeitskosten und Energie zum Discountpreis

Willkommen in Amerika im Jahr fünf nach der großen Rezession. Die Nation erlebt einen Aufschwung, wie ihn selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kaum jemand für möglich gehalten hätte nach dem ökonomischen Urknall, den die Lehman-Pleite ausgelöst hatte. Um fast 5 Prozent hat die Wirtschaft im letzten Quartal zugelegt. Die Arbeitslosenquote ist unter 6 Prozent gesunken, so tief wie vor der Jahrhundertkrise.

Niedrige Arbeitskosten und Energie zum Discountpreis locken ganze Wirtschaftszweige in die USA: Chemiekonzerne, Autohersteller und Maschinenbauer aus aller Welt weiten ihre Produktionskapazitäten massiv aus. Mit dabei die Global Player aus dem Dax  . Das umweltpolitisch umstrittene Fracking macht die Energie so billig, dass viele bei Investitionsentscheidungen kaum anders können, als nach Amerika auszuwandern.

Doch das vermeintliche Wirtschaftswunder ist teuer erkauft - bezahlt von Millionen von Amerikanern, deren Lebensverhältnisse sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert haben. Es ist ein ungesunder Aufschwung, der sich auf wenige kapitalintensive Industrien konzentriert.

Boom auf Pump - USA tragen ein Viertel der weltweiten Schuldenlast

Und es ist ein Boom auf Pump. Niedrigstzinsen und die ständig neuen Geldspritzen der US-Notenbank sorgen dafür, dass sich die ohnehin konsumfreudigen Amerikaner immer weiter verschulden. Das hält zwar die Wirtschaft in Gang, hat aber die öffentlichen und privaten Außenstände der Vereinigten Staaten auf einen Rekordstand von 60 Billionen Dollar anwachsen lassen, etwa ein Viertel der weltweiten Schuldenlast.

Viele Amerikaner haben gar keine andere Wahl, als sich zu verschulden. Trotz des imposanten Wirtschaftswachstums stagnieren die Löhne seit Jahren auf niedrigem Niveau. Das Realeinkommen einer amerikanischen Durchschnittsfamilie ist heute niedriger als vor 25 Jahren; die Kreditwürdigkeit jedes zweiten US-Bürgers ist auf ein Subprime-Level gesunken.

Die offizielle Arbeitsmarktstatistik blendet zudem aus, dass immer mehr Menschen die Suche nach einem Job längst aufgegeben haben. Die Erwerbsquote, also der Anteil jener, die noch am Arbeitsleben teilnehmen wollen, ist seit der Finanzkrise deutlich gesunken. Mit fatalen Folgen: Die in den USA ohnehin schon ausgeprägte Kluft zwischen Arm und Reich weitet sich ungebremst aus. Vor allem in den Vorstädten, lange der Ort der Aufsteiger, wird die Massenverarmung allmählich zum sozialen Sprengstoff.

Ein Boom, dem man nicht trauen kann?

Erleben die USA also nur eine Scheinblüte? Einen Boom, "dem man nicht trauen kann", wie der Chicagoer Ökonom Adolfo Laurenti warnt? Eine Party für wenige Auserwählte, die schneller wieder vorbei ist, als die beeindruckenden Zahlen glauben lassen?

Hans-Ulrich Engel ist da weniger skeptisch. Rund zwei Drittel seiner Zeit verbringt der Finanzvorstand des deutschen Chemiegiganten BASF  in den USA, meist im neu errichteten Hauptquartier in Florham Park, New Jersey. Eine schicke Gegend, die Immobilienpreise hier sind kaum niedriger als im nahen New York.

Engel, zugleich Chef des US-Geschäfts von BASF, ist Amerika-Fan. Die Menschen hätten eine bemerkenswert unternehmerisch geprägte Einstellung, eine "Can do"-Mentalität, schwärmt er. 20 Milliarden Dollar setzt BASF in den USA bereits um, mit 17.000 Mitarbeitern, Tendenz stark steigend. An der Golfküste will der Konzern nun ein neues Werk bauen, das günstiges, per Fracking gefördertes Schiefergas zu Propylen verarbeiten soll. Über eine Milliarde Euro wird das verschlingen, mit die größte Investition, die der fast 150 Jahre alte Chemiekonzern jemals in ein einzelnes Werk gesteckt hat.

Engel rattert die Zahlen herunter und hält auf einmal inne. Nun gut, ein paar Schwächen gebe es in seinem Lieblingsland schon: Der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitnehmern sei eines der größten Hemmnisse für den Aufschwung. Es fehlt an einer soliden Grundbildung - ein Drittel der US-Teenager verlässt die Highschool ohne Abschluss, jeder vierte hält Adolf Hitler für einen deutschen Kaiser oder einen Waffenfabrikanten.

Und der Mangel an Fachkenntnis ist ebenfalls eklatant. "Wir müssen stark in die Qualifikation unserer Mitarbeiter investieren", gibt Engel zu.

Schienen, Straßen und Flughäfen in beklagenswertem Zustand

Und wo er gerade dabei ist: Die miese Infrastruktur ist natürlich auch ein echtes Problem. Zwischen der Golfküste im Süden und der Westküste gebe es nur einen Schienenstrang, so Engel. Richtig gehört: einen, keinen Doppelstrang.

In beklagenswertem Zustand sind nach Expertenmeinung auch Flughäfen, Häfen und große Teile des Straßennetzes. In Los Angeles wurde in diesem Juli die Universität von einer 75-Millionen-Liter-Wasserlawine überflutet, nachdem eine 93 Jahre alte Hauptleitung ihren Dienst quittierte und platzte.

Dazu muss man wissen: Wasser ist in Kalifornien mittlerweile kostbarer als Öl.

Allein um marode Highways wieder instand zu setzen, sind nach IWF-Schätzungen bis zu 150 Milliarden Dollar pro Jahr nötig. Geld, das der Staat nicht hat, er hat sich bereits durch die vielen Kriege und die teure Bankenrettung fast ruiniert. Der US-Schuldenberg türmt sich auf 18 Billionen Dollar.

Gary, Indiana: Warum die wahre Arbeitslosenquote weitaus höher liegt

Einen guten Eindruck von diesem Amerika vermittelt Gary, Indiana. Die Heimatstadt von Michael Jackson am Ufer des Michigansees war mal ein pulsierendes Zentrum der Stahlindustrie, eine Stadt mit Bars, Restaurants, Hotels, Theatern und Einkaufszentren. Heute fegt ein kühler Herbstwind Blätter und Müll durch das weitgehend verlassene Zentrum. Die Hotels sind alle geschlossen, freiwillig kommt niemand nach Gary, abgesehen von dem Filmteam, das die schaurige Kulisse für den Horrorfilm "Nightmare on Elm Street" nutzte.

Die Zahl der Einwohner hat sich binnen 40 Jahren halbiert, 80.000 Menschen leben noch in Gary, jeder Dritte unter der Armutsgrenze. Die offizielle Arbeitslosenrate ist mit 7 Prozent erstaunlich niedrig, was daran liege, dass die meisten die Jobsuche einfach aufgegeben hätten, sagt Bürgermeisterin Karen Freeman-Wilson. Die wahre Erwerbslosenquote liege wohl eher bei mindestens 20 Prozent.

Ein Phänomen, das nicht nur in Gary und anderen Metropolen des Rust Belt zu beobachten ist, der vor sich hin rostenden einstigen Industrieregion im Nordosten. Die offiziellen Zahlen sagen generell nur wenig aus über die tatsächliche Lage auf dem US-Arbeitsmarkt.

Wegen der geringen Sozialleistungen lohnt es sich für Langzeitarbeitslose oft gar nicht, sich noch zu melden. Mehr als zwei Millionen potenzielle Arbeitnehmer würden auf diese Weise ausgeblendet, schätzt Josh Bivens, Direktor des Washingtoner Economic Policy Institute. Das schöne die Erwerbslosenquote um 2 Prozentpunkte.

Spartanburg, South Carolina: Schöne neue BMW-Welt

Und auch dort, wo derzeit in großem Stil investiert wird, entstehen nur wenig neue Jobs. Chemiekonzerne wie BASF und Stahlkocher wie Voestalpine sind kapitalintensive Industrien, sie werden angelockt von den niedrigen Energiekosten. Die von Präsident Barack Obama gefeierte Re-Industrialisierung der USA hat daher nur wenig zusätzliche Arbeitsplätze mit sich gebracht. Rund 12 Millionen Amerikaner arbeiten heute im industriellen Sektor, zur Jahrtausendwende waren es noch 17,3 Millionen.

Und wenn doch mal in größerem Umfang Stellen geschaffen werden, dann weil internationale Konzerne die USA als verlängerte Werkbank nutzen. So wie in Spartanburg, South Carolina.

Von der Tristesse des Rust Belts ist hier nichts zu spüren. Über fast fünf Quadratkilometer erstreckt sich das Werk, in dem BMW  seine Geländewagen - vom X3 bis zum X6 - baut. 300.000 Autos rollen jährlich vom Band, in einigen Jahren sollen es sogar 450.000 sein. Im Frühjahr hat der Münchener Autokonzern angekündigt, noch einmal eine Milliarde Dollar in die Erweiterung der Fabrik zu investieren. Ende 2016 will BMW fast 9000 Leute beschäftigen, Spartanburg wird dann ein Werk sein mit globaler Bedeutung: Mehr als 70 Prozent der produzierten Fahrzeuge werden exportiert.

Einer der Haupttreiber dieser Erfolgsstory ist die "pro business attitude" des Staates South Carolina. Gouverneurin Nikki Haley betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sie trage ihre hohen Absätze nicht etwa aus modischen Erwägungen, sondern um die Gewerkschaften aus dem Staat zu kicken. Tatsächlich sind weniger als 5 Prozent der Arbeitnehmer in South Carolina in einer Berufsvertretung organisiert.

Hass auf Gewerkschaften in den Südstaaten

Die Feindseligkeit der Südstaatler gegenüber den Arbeitnehmervertretern ist legendär. Viele Bundesstaaten haben ihren Hass auf Gewerkschaften sogar gesetzlich niedergeschrieben. Sogenannte Right-to-work-Laws hebeln die Anreize, einer Gewerkschaft beizutreten, gezielt aus. Manche der Verordnungen schränken auch das Streikrecht ein.

Dieser brachial geführte Kampf hält auch die Gehälter niedrig. In den meisten Südstaaten liegt der durchschnittliche Stundenlohn deutlich unter 20 Dollar, gut ein Viertel weniger als in vielen nördlichen Bundesstaaten. "Wenn ausländische Unternehmen sich entschließen, in den USA zu produzieren, siedeln sie sich gern im Süden des Landes an", beobachtet Hal Sirkin, Partner im Chicagoer Büro der Unternehmensberatung BCG, schließlich seien dort die Löhne niedriger und die Regeln flexibler.

Miese Infrastruktur, Minilöhne, monströse Verschuldung - die Schattenseiten des US-Aufschwungs sind unübersehbar. Für mehr als 45 Millionen Amerikaner ist die Lage allerdings regelrecht hoffnungslos.

Der Union Square in New York. Ein milder Abend Ende September, die Restaurants und Kneipen sind gut gefüllt, Musiker und Hare-Krishna-Jünger lärmen auf dem beliebten Platz im Trendviertel Greenwich Village um die Wette. Shannon (51) bereitet ihr Nachtlager. Vor der Finanzkrise hat sie am Empfang einer New Yorker Investmentfirma gearbeitet und ordentlich verdient. Ende 2008 verlor sie ihre Stelle, das Leben der zierlichen Frau geriet aus den Fugen, inzwischen besitzt sie nur noch eine Isomatte, eine Decke, ein paar Plastiktüten.

Shannon ist alles andere als ein trauriges Ausnahmeschicksal: Fast 15 Prozent der Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze, eine der höchsten Raten der OECD. In nur zehn Jahren ist die Zahl der US-Bürger, die mit weniger als 11.500 Dollar im Jahr auskommen müssen, von 30 auf über 45 Millionen angeschwollen.

Doping für die Wirtschaft

Armut ist in den USA mittlerweile allgegenwärtig. Vor allem in den Vorstädten nehme sie deutlich zu, berichtet Elizabeth Kneebone von der Washingtoner Brookings Institution. In den Suburbs leben inzwischen mehr Menschen in prekären Einkommensverhältnissen als in den Metropolen. Das schlechte Bildungsangebot und der Mangel an öffentlichen Transportmitteln koppele diese Gegenden ab und setze eine Armutsspirale in Gang, sagt Kneebone: Wer mit Bus oder Bahn mehr als anderthalb Stunden brauche, um ins nächste Zentrum zu gelangen, der bleibe eben, wo er sei.

Natürlich gibt es auch das andere, das reiche Amerika. Zürich-Kloten, Terminal 2. Flug Nummer LX16 nach New York startet pünktlich. Suzanne (67) sitzt auf Platz 10e, Businessclass. Das Gesicht fast faltenfrei, die Figur gertenschlank, ihr Alter kann man allenfalls erahnen. Suzanne hat vier aufregende Tage hinter sich, sie hat mit Freunden in der Schweiz gefeiert. Jetzt fliegt sie zurück nach New York, in ihr geräumiges Fünf-Zimmer-Apartment unweit des Central Parks.

Suzanne gehört zu den Gewinnern des US-Booms, die ehemalige Hochschullehrerin bezieht eine üppige Rente, ihr Mann hat erfolgreich an der Wall Street spekuliert. Die Aktien-Hausse, seit dem Höhepunkt der Finanzkrise hat die Börse um 150 Prozent zugelegt, beschert beiden einen sorgenfreien Ruhestand.

In keinem anderen Industriestaat ist die Kluft zwischen Arm und Reich derart groß wie in den USA. Mehr als ein Drittel des gesamten Volksvermögens gehört dem einen Prozent superreicher Amerikaner. Und der Abstand wird immer größer - der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Ungleichverteilung des Einkommens misst, steigt seit den 70er Jahren kontinuierlich an.

Wenn die Fed die Zinsen anhebt, wird der große Test kommen

Die USA sind längst nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. "Zu viele Menschen suchen einen Job, finden aber keinen", warnte Notenbankpräsidentin Janet Yellen unlängst. Die Fed-Chefin tut dagegen, was in ihrer Macht steht: Sie flutet die US-Konjunktur mit billigem Geld und gibt dem Patienten mit diesem Medizincocktail das Gefühl, gesund zu sein.

Seit fast sechs Jahren liegt der US-Leitzins praktisch bei null, zudem kauft die Fed den Banken in großem Stil Wertpapiere ab. "Ein unglaubliches Doping für die amerikanische Wirtschaft", sagt Thomas Mayer, Chef des Flossbach von Storch Research Institute in Köln, "die Fed übernimmt de facto die Rolle der Arbeitslosenversicherung."

Die Frage sei nur, wie lange das noch gut gehe. Denn die niedrigen Zinsen treiben vor allem Börsenkurse, Immobilienpreise und den Konsum in die Höhe. Internetfirmen werden an der Börse bereits wieder mit astronomischen Summen bewertet, und dieses Jahr werden in den USA wohl mehr als 17 Millionen Autos verkauft, die meisten davon auf Kredit. 2009 waren es gut 10 Millionen.

"Irgendwann in den nächsten Monaten wird der große Test kommen", sagt Mayer, "nämlich dann, wenn die Fed beginnt, die Zinsen wieder anzuheben." Dann könnte der Kaufrausch abrupt enden, fürchtet Mayer, und mit ihm das amerikanische Wirtschaftswunder.

Für die Millionen von Amerikanern, die von der Scheinblüte ohnehin nichts mitbekommen haben, wäre das wohl keine allzu große Enttäuschung.