Urs Hölzle: Googles Mitarbeiter Nummer 8 "Von Anfang an ging es nur darum, die nächste Woche zu überstehen"

Von Andrea Rungg
Chef der Datenzentren: Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin holten den Schweizer Urs Hölzle (hier bei einer Entwicklerkonferenz) 1999 zu Google. Hölzle war damals Mitarbeiter Nummer acht. Heute ist er für die Infrastruktur von Google zuständig und damit für weltweit 13 Datenzentren

Chef der Datenzentren: Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin holten den Schweizer Urs Hölzle (hier bei einer Entwicklerkonferenz) 1999 zu Google. Hölzle war damals Mitarbeiter Nummer acht. Heute ist er für die Infrastruktur von Google zuständig und damit für weltweit 13 Datenzentren

Foto: DPA

Am Anfang gab sich Urs Hölzle noch selbst seinen Job-Titel bei Google. "Search Engine Mechanic" wollte der Schweizer sein. "Weil alles kaputt war", erklärt Hölzle. Heute ist er für die gesamte technische Infrastruktur des Unternehmens verantwortlich und darf sich zudem Google Fellow nennen. Das ist die höchste Auszeichnung, die ein Google-Ingenieur bekommen kann. Hölzle ist Googles Mitarbeiter Nummer acht. Auch nach mehr als 15 Jahren gehört er noch zum engsten Zirkel der Gründer Larry Page und Sergey Brin. Er hatte bereits ein Unternehmen mitgegründet und war Professor für Computerwissenschaften, als Page und Brin ihn 1999 anheuerten. Sie hatten den Informatiker an der Stanford University kennengelernt.

manager-magazin.de: Wofür hatten Page und Brin Sie eigentlich geholt - was sollten Sie machen?

Urs Hölzle: (lacht) Ich sollte Sachen verbessern. Das war meine Jobbeschreibung. Es war ja relativ am Anfang. Das Projekt kam direkt aus der Uni heraus und die Qualität war nicht für eine Million Nutzer ausgelegt. Von Anfang an ging es eigentlich nur darum, die nächste Woche zu überstehen.

mm.de: Wieso überstehen - finanziell?

Hölzle: Nein, wir mussten dafür sorgen, dass unser Produkt nicht zusammenbricht. Jeweils montags war es kritisch, weil unser Verkehr jede Woche um ungefähr fünf Prozent anstieg. Montag und Dienstag hatten wir die höchste Nutzung.

mm.de: Warum ausgerechnet an diesen Tagen?

Hölzle: Weil die Leute damals zu Hause nicht sehr gutes Internet hatten, im Büro gab es besseres. Wir hatten dann unter der Woche jeden Tag Probleme, das Volumen zu bewältigen. Wir konnte nur sehr kurzfristig agieren und fragten uns, wie können wir fünf Prozent herauskitzeln, um die nächste Woche zu überstehen.

mm.de: Haben damals viele an Google geglaubt?

Hölzle: Larry war sicherlich bewusst, was Google eigentlich mal werden könnte, aber mir war das beispielsweise nicht klar. Für mich und für viele Nutzer war das einfach eine Suchmaschine. Man war im Prinzip glücklich, wenn man Stanford eingegeben hat, dass einem in der Suche auch Stanford angezeigt wurde. Das Internet war damals viel weniger wichtig und dass sich das wirklich so tief ins Leben einbindet, ist doch erst mit den Smartphones gekommen. Das vergessen die meisten Leute heute. Android und iPhone kamen erst 2007.

mm.de: Wie lange dauerte die Phase, in der es Woche um Woche um die Existenz des Unternehmens ging?

Hölzle: Es hat zwei, drei Jahre lang gedauert, um aus dieser Situation herauszukommen, um im Prinzip Entscheidungen treffen zu können. Entscheidungen im Sinne von: Machen wir hier ein neues Speichersystem, obwohl wir wissen, dass es im Prinzip 18 Monate dauern wird, bis wir es gebrauchen können. So etwas wäre am Anfang undenkbar gewesen, weil wir dafür keine Mitarbeiter hätten abstellen können. Das war erst ab 2001 möglich.

Im Jahr 2001 machte Google erstmals einen kleinen Gewinn, knapp 7 Millionen Dollar. Nach der ersten finanziellen Unterstützung in Höhe von 100.000 Dollar durch Sun Microsystems-Mitgründer Andreas von Bechtolsheim hatte Google 1999 nur einmal Risikokapital in Höhe von 25 Millionen Dollar erhalten. Das ist vergleichsweise wenig, wenn man den Geldregen für heutige Startups berücksichtigt.

Für große Investments, etwa in eigene Datenzentren, fehlte noch das Geld. 2000 führte Google das Werbeprodukt AdWords ein - eine Gelddruckmaschine, wie es werbetreibende Unternehmen gerne umschreiben. Seither werden Werbeanzeigen in die Suchergebnisse eingespielt und Google verdiente damit zunächst Millionen und bald Milliarden Dollar.

2003 kaufte Google das erste Datencenter aus einer Insolvenzmasse, zwei Jahre später baute es in Oregon das erste eigene. Mittlerweile unterhält der Konzern weltweit 13 Datenanlagen, drei davon in Europa. Verantwortlich für die Infrastruktur war und ist Hölzle.

Seine Haare sind über die Jahre grau und kürzer geworden. Er trägt eine helle beige Hose und dazu ein nahezu farblich abgestimmtes Hemd. Und er hat rote Socken an. Immer. Er hat dafür keine ausgefallene Erklärung. Ihm würden rote Socken einfach gefallen. Punkt.

In englisch-schweizerisch eingefärbtem Deutsch kann Hölzle begeistert über Rechnerinfrastruktur sprechen, wie andere über Fußball. Dabei verschanzt sich der Informatiker nicht hinter irgendwelchen Fachbegriffe, sondern erklärt es so, dass jeder es verstehen kann.

"Larry war früher nicht der Manager, nicht am Anfang - ganz sicher nicht."

mm.de: Obwohl Google inzwischen so groß ist, ist Ihr Problem kaum kleiner geworden, oder? Mehr und mehr Produkte sollen vernetzt werden, vom Auto bis zur Zahnbürste. Was bedeutet das für die Kapazitäten der Datenzentren?

Hölzle: Eigentlich nichts. Nehmen wir beispielsweise mal ein Thermostat. Das Leben eines Thermostats ist sehr langweilig. Es ist extrem selten, dass es das Internet benötigt, im Gegensatz zu einem Youtube-Video.

Oder nehmen wir das selbstfahrende Auto. Es ist nicht im Internet. Wenn man es wirklich sicher machen will, dann darf man nicht davon ausgehen, dass es eine aktive Netzverbindung hat. Schließlich sind Mobilfunknetzwerke nicht hundertprozentig gegeben. Das Auto ist also Offline und die ganze Datenverarbeitung passiert im Auto für die Steuerung. Ab und zu lädt man dann vielleicht irgendwelche Statistiken in die Cloud.

Wenn es beispielsweise eine brenzlige Situation gegeben hat, dann machen wir das mit selbstfahrenden Autos so, dass die Daten aufgezeichnet werden. Dann überarbeitet man die Software und guckt, ob das Auto die Situation nun anders handhabt.

mm.de: Wie lange plant Google schon am selbstfahrenden Auto?

Hölzle: Das selbstfahrende Auto war tatsächlich schon in unserer Startphase ein Thema. Es gab viele Ideen, bei denen man gesagt hat, 'also das sollte doch eigentlich möglich sein'. Gewisse Sachen waren schon vorhersehbar, aber viele waren erst möglich, wenn man viele Schritte schon gemacht hat. Dann kommt eines zum anderen.

Hölzle begleitet mit seiner Hündin Yenta den baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.), als dieser im Mai dieses Jahres den Hauptsitz des IT-Konzerns in Mountain View besucht

Hölzle begleitet mit seiner Hündin Yenta den baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.), als dieser im Mai dieses Jahres den Hauptsitz des IT-Konzerns in Mountain View besucht

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mm.de: Im Jahr 2005 kauften Larry Page und Sergey Brin das mobile Betriebssystem Android. Damals kannte es niemand, heute hat es weltweit einen Marktanteil von fast 80 Prozent. Warum hatte Google damals Android tatsächlich gekauft?

Hölzle: Uns war einfach das Problem bekannt. Es gab fast keine Möglichkeit, für Handys Software zu schreiben. Jedes Handy war verschieden, es gab überhaupt keinen Standard. Wir hatten zu einem gewissen Zeitpunkt beispielsweise 127 verschiedene Versionen der Google-Suche für alle Handys von Nokia. Uns war bewusst, wir können 127 Versionen programmieren, aber für einen kleinen Softwareentwickler hatte das wirklich überhaupt keinen Sinn.

mm.de: Deshalb also ein Betriebssystem …

Hölzle: Man benötigte einfach ein oder zwei Betriebssysteme, genauso wie auf dem Laptop, so dass das einen Sinn hat. Bei Android dachte man einfach, erstens, dass man dann eine Linux-basierte Open Source Software schreibt, und zweitens hatten wir die Sorge, dass Windows von Microsoft auf die Handys kommt. Damals war Windows auf dem Desktop bereits ein Problem für uns, weil Microsoft sich schon damals für die Suche interessiert hat und für uns damit klar war, dass im Internet Explorer die Standardeinstellung für die Suche nicht Google sein würde. Es wäre dann für uns schwer geworden.

mm.de: Es kam aber ganz anders. Apple sollte Googles ärgster Wettbewerber werden.

Hölzle: Dass sich das so entwickelt hat, dass es nicht Microsoft war, sondern Apple, das habe ich sicherlich nicht vorausgesehen - Larry wahrscheinlich auch nicht. Wie sich Android aber entwickelt hat, das war im Prinzip das, was man sich erhoffen konnte. Die Wette war, dass sich eine offene Plattform durchsetzen wird, weil es für Hardwarehersteller von Handys sowie für Softwarehersteller viel weniger bedrohlich sein wird, eine Plattform zu adoptieren.

mm.de: Google ist vom Startup zum Konzern geworden. Wie hat das die Zusammenarbeit zwischen Ihnen, Larry Page und Sergey Brin verändert?

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Googles Übernahmen: Die Megadeals des Internetkonzerns

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Hölzle: Wir sitzen immer noch an einem Tisch. Larry beschäftigt sich jetzt mehr damit, was als Nächstes kommt. Und Sergey beschäftigt sich mit Dingen, die noch viel später kommen werden. Ich bin halbwegs dazwischen. Wir unterstützen auch Sergeys Team, weil sie auch die Infrastruktur brauchen.

mm.de: Mischt sich Larry Page bei Ihnen ein?

Hölzle: Larry ist kein Mikromanager, der sagt, Du musst jetzt ein Datenzentrum hier oder dort bauen. Ich kenne Larry jetzt schon mehr als 15 Jahren und ich muss ihm nichts mehr erklären. Er ist sehr gut darin, sich darauf hinzufokussieren, wo es Probleme gibt. Es ist für mich ein gutes Zeichen, wenn er mich nichts fragt. (lacht) Das heißt, er sorgt sich nicht.

mm.de: War er von Anfang an ein guter Manager?

Hölzle: Sowohl Larry also auch Sergey haben sich in den letzten 15 Jahren wahnsinnig entwickelt. Larry war früher nicht der Manager, nicht am Anfang - ganz sicher nicht. Heute würde ich sagen, er ist ein exzellenter Manager. Larry war früher einfach ein Uni-Student, er hatte seine Promotion abgebrochen. Er hatte noch nie eine Gruppe geführt, da durften sie nichts erwarten. Es war nicht seine Stärke. Aber er hat von Eric Schmidt sehr viel gelernt. Heute ist er wirklich ein Top-Manager, vor 15 Jahren war er ein Idealist.

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