Freitag, 5. Juni 2020

Änderungen im Steuerrecht Generation Tax

Erbschaftsteuer: Angst ums Erbe
DPA

Weil höhere Abgaben drohen, leiten viele Unternehmer jetzt den lange gescheuten Generationswechsel ein. Das Rennen gegen die Zeit hat begonnen.

Wennebostel, Am Labor 1. Wenn Jörg Sennheiser (68) über sein Firmengelände schreitet, dann lässt er wenig Zweifel daran aufkommen, dass dies sein Reich ist. Hier im ländlichen Norden von Hannover baut das Familienunternehmen Mikrofone und Kopfhörer von Weltruf. Sennheiser fungiert als Chefkontrolleur, bezeichnet sich selbst als "aktiven Aufsichtsrat". Was eine derartige Untertreibung ist, dass von ihm eingesetzte Firmenchefs schon mal in Gelächter ausbrachen, wenn der Patriarch verkündete, sich ins operative Geschäft "nicht stark einzumischen".

Doch dem energischen Unternehmer ist sehr wohl bewusst, dass er nicht ewig die angestammte Rolle spielen kann. "Wir müssen weg von der Alleinherrschaft", verkündete er bereits 2011. Zwei Jahre später ist der Befehl nun ausgeführt: Die Söhne Daniel (40) und Andreas (39) stehen seit dem 1. Juli gemeinsam an der Unternehmensspitze, feierlich inthronisiert vom Vater.

Auch die Finanzen sind in aller Stille neu geordnet worden: Vor einigen Monaten wechselte die Anteilsmehrheit am Unternehmen von Vater Jörg und dessen Schwester Karin zu Daniel, Andreas und deren Schwester Alannah Sabine (35). Den Nachkommen gehören je 26,7 Prozent an der Familienholding; Karin und Jörg behalten nur je 10 Prozent an der Firma, die inzwischen mindestens eine Viertelmilliarde Euro wert sein dürfte.

Vier Jahre lang hatte der Senior mit Anwälten und Beratern darüber gegrübelt, wie der von seinem Vater Fritz 1945 gegründete Betrieb für die Familie zu erhalten sei. Nun hat er die gefährlichste Klippe auf diesem Weg umschifft: die Erbschaftsteuer von maximal 30 Prozent. Die Übertragung des Firmenvermögens haben die Sennheisers ohne Beteiligung des Fiskus hinbekommen. Viele andere Vermögende beneiden sie darum.

Möglichst ungeschmälerte Übergabe des Firmenvermögens

Denn die möglichst ungeschmälerte Übergabe des Eigentums an die folgende Generation ist für Deutschlands Reiche dringlich wie nie. Schon vor der Bundestagswahl hatten sich die Parteien mit Forderungen nach einer höheren Besteuerung privater Vermögen geradezu überboten - und auch die ersten Ergebnisse der Koalitionsgespräche zwischen Union und SPD geben Deutschlands Vermögenden keinen Anlass zum Durchatmen. So soll etwa die Mietpreisbremse - vornehmer ein "Paket für bezahlbares Bauen und Wohnen" - dem Anstieg der Mieten in den Metropolen Grenzen setzen.

Auch die Rechtsprechung baut Druck auf: Noch vor Jahresende will sich das Bundesverfassungsgericht zur Erbschaftsteuer äußern - und nach einhelliger Meinung von Steuerexperten die bisherige Verschonung von Betriebsvermögen als verfassungswidrig brandmarken.

Mit einer Mischung aus Panik und Hektik beobachtet man im deutschen Mittelstand die Entwicklung. Die SPD, die aller Voraussicht nach mit der Union die neue Regierung stellen wird, will noch weit mehr als eine strengere Erbschaftsteuer: Sie fordert ebenso wie die Grünen eine Vermögensteuer, auch eine Sonderabgabe für Reiche steht zur Diskussion. Unterstützung erhalten sie nicht nur von der eigenen Basis, sondern teils auch von Wissenschaftlern und selbst von Unternehmensberatungen.

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