Donnerstag, 27. Juni 2019

Reich reicht nicht Diese Menschen brauchen zum Glück einen Haufen Arbeit

Roland Berger, unermüdlich.

5. Teil: Peter Sloterdijk: Kein Tod. Nirgends

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat eine anthropologische Erklärung für die Arbeitswut der Arrivierten.

manager magazin: Herr Sloterdijk, früher haben Leistungsmenschen, die ausgesorgt hatten, losgelassen und das Leben genossen. Heute finden sie kein Ende und drehen immer weiter am großen Rad. Hat die Philosophie dafür eine Erklärung?

PETER SLOTERDIJK
Der frühere Ordinarius für Philosophie und langjährige Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe erlangte mit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" 1983 auf einen Schlag Weltruhm. Niemand blieb von seiner scharfen Analyse verschont, nicht einmal Gott.

Peter Sloterdijk: Darauf gibt es anthropologisch eine sehr plausible Antwort. Menschen sind psychologisch gesehen so etwas wie Konglomerate von eingeübten Handlungsmustern. Wenn sich im Leben eines Menschen 30, 40 Jahre lang das Muster des täglichen Arbeitens und Wirkens verfestigt hat, gibt es keinen plausiblen Grund, warum es plötzlich außer Kraft gesetzt werden sollte. Starke Habitualisierungen stellen sich meist ein, wenn man seine "Arbeit" gern tut. Es gibt einen inneren Fortsetzungszwang über die Pensionsgrenze hinaus, denn diese Schwelle ist für den Habitus unsichtbar.

mm: Dann sind viele Topshots Produkte eines neurologischen Profils, das sie gar nicht ändern können?

Sloterdijk: So ist es. Die Lebensgeschichten sind in den Nerven kodiert, und das ganze Ensemble des Nervensystems gleicht einer großen Jukebox, in der die Lieblingsplatten des Individuums wieder und wieder aufgelegt werden. Die Wiederholung ist die Seele des Unternehmens, das Ego heißt.

mm: Der Trend, die Arbeit als das neue Cool zu zelebrieren, ist also natürlicher als der Exit-Wunsch früherer Aussteiger?

Sloterdijk: Ja, sofern die Anstrengung mehr trainiert wurde als das Genießen. Diese Leute verfügen über einen eigenen Athletismus. Der ist Untrainierten nicht zugänglich.

mm: Pech gehabt, wer anders kodiert ist?

Sloterdijk: Genießen ist genauso abhängig von der Einübung. Man muss ein gewisses Niveau an Genussfähigkeit erlernt haben, bevor man daran anknüpfen kann. Wenn man im Alter zwischen 40 und 60 ein guter Segler war oder ein guter Liebhaber oder ein Gourmet, kann man das jenseits der kritischen Altersschwelle ohne wesentliche Einschnitte fortsetzen.

mm: Ist es nicht auch so, dass hinter diesem ganzen Tun und Streben die Angst vor dem Tod lauert und der Aktionismus eine willkommene Ablenkung bietet?

Sloterdijk: Ganz bestimmt. Denn kein Mensch, außer jenen, die mit einer ernsten Diagnose leben, hat ein Direktverhältnis zu seiner Endlichkeit. Und der beste Beweis, dass der Tod seinen Besuchszettel noch nicht an deine Tür geklebt hat, ist ein voller Terminkalender.

mm: Sie sind ebenfalls ungemein schaffenswütig, haben sich zuletzt mit Gott persönlich auseinandergesetzt. War er ein guter Sparringspartner?

Sloterdijk: Ein sehr guter, weil man ihn immer zugleich trifft und nicht trifft. Trotz dieser Schläge ins Leere baut man Kondition auf.

mm: Sie haben letztes Jahr Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Kriecht da auch schon die Angst vor dem Tod übers Champagnerglas?

Sloterdijk: Bei mir findet diese Angst wahrscheinlich im Rahmen der allgemeinen Verteilung der Energien statt. Man verfügt stets über einen Teil Flucht- und einen Teil Begehrensenergie. Ich freue mich ungemein auf die Bücher, die ich noch schreiben werde. Das fällt unter Begehren. Natürlich muss man in jedem Lebensalter die Verteilung der Energien neu ausbalancieren.

mm: Apropos Begehren: Raten Sie der fleißigen Elite, sich mehr Zeit für die Liebe zu gönnen?

Sloterdijk: Ich freue mich, dass bei mir die Begehrensenergie noch stimmt, sonst würde ich nicht morgen heiraten.

mm: Ihre dritte Frau?

Sloterdijk: Die vierte. Ich weiß nicht, ob ich das allgemein empfehlen kann. Aber da würde ich zu meiner Übungstheorie zurückkehren. Wer dank seiner bisherigen Lebensgewohnheiten mehr an den Elan anknüpfen kann als an die Flucht, darf daraus eine Empfehlung machen.

mm: Man könnte auch sagen: Sie haben bereits dreimal Fluchtenergie entwickelt?

Sloterdijk: Es wäre absurd, abzustreiten, dass immer mehrere Kräfte gleichzeitig im Spiel sind. Derzeit hat die Begehrensenergie die Oberhand. Gott sei Dank.

Das Gespräch führte mm-Redakteurin Gisela Maria Freisinger.

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