Mein Leben im Silicon Valley Not macht immer erfinderischer

In Stanford lernt man, mit knappen Mitteln und gegen große Widerstände zu gründen. Deutscher geht's kaum.
Von Astrid Maier
Die lahme US-Post fördert unfreiwillig Innovationen

Die lahme US-Post fördert unfreiwillig Innovationen

Foto: REUTERS

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 7/2016 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig besser früher als später bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.


Kurz vor dem Ende meines Fellowships im Silicon Valley habe ich einen Wochenendausflug mit den anderen Stipendiaten ins Sonoma Valley organisiert. Was nach Vergnügen klingt, artete in Organisationschaos aus: Bezahlen sollten wir per Scheck. Und weil die Post zu lange für dessen Auslieferung brauchte, hätte der Vermieter die Buchung kurz vor dem Wochenende fast noch storniert.

Aus der Ferne hatte ich mir mein Leben im Valley als Dasein im Tech-Paradies vorgestellt. Das Gegenteil ist der Fall: Onlineüberweisungen zwischen Banken sind nur eingeschränkt möglich, die IT-Systeme der Institute dafür offenbar nicht ausgerüstet. Die Internetverbindungen in Palo Alto sind in vielen Wohngegenden erstaunlich langsam. Und eine Fahrt im Caltrain – die einzige öffentliche Verkehrsanbindung – dauert ewig. Mit dem Auto ist man nicht viel schneller unterwegs: Zu Stoßzeiten herrscht immer Stau.

Ich habe mich daran gewöhnt, mit solchen Einschränkungen im Alltag umzugehen. Viele Techies tun das nicht. Der Taxischreck Uber oder der Bezahldienst Paypal  sind aus dieser Not heraus geboren. Wissenschaftlich ist längst erforscht, dass Einschränkungen die Kreativität fördern. Wenn wir mit weniger Ressourcen wirtschaften müssen, steigt unsere Vorstellungskraft. Aber nur im Valley haben sie aus dieser Erkenntnis auch ein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht.

Stanford-Dozent Perry Klebahn lehrt das dazu nötige Handwerkszeug. In nur zehn Wochen müssen Studenten in seinem Kurs "Launchpad" ein Start-up gründen – von der Idee bis zum Produktstart. Zeitmangel habe sich als "verlässliches Werkzeug erwiesen, um Kreativität zu entfachen", sagt Klebahn. Jeder neue Jahrgang glaubte, vor einer nicht lösbaren Aufgabe zu stehen. Doch das ließ Klebahn nicht gelten: "Sie müssen sich ganz neue Methoden einfallen lassen", stachelte er die Studenten an. So erziele man durchschlagendere Lösungen.

Einer der größten Launchpad-Erfolge ist Pulse, eine der ersten Nachrichtenapps. Für die Gründer hat sich die Teilnahme gelohnt: Linkedin kaufte die Firma kurz nach dem Start für 90 Millionen US-Dollar. Seit 2009 sind aus Launchpad 90 Unternehmen hervorgegangen, 50 davon existieren noch.

Tina Seelig, Direktorin des Technology Ventures Program, plädiert dafür, schon beim Brainstorming bewusst Engpässe aller Art (Zeit, Geld, Teamgröße, Budget) mit einzubauen. "Wenn man eine Milliarde zur Verfügung hat, wird man sie sicher ausgeben. Wenn nur wenig Geld vorhanden ist, dürfte eine interessantere, viel effizientere Lösung herauskommen." Auch ein Weltkonzern wie Amazon  wendet diese Methode an.

Für die Tech-Szene in Deutschland, vergleichsweise klein und mager finanziert, sind das gute Nachrichten. Sofern es gelingt, die vermeintlichen Nachteile in Vorteile umzukehren. Etwa die Tatsache, dass der heimische Markt fürs Digitalgeschäft eigentlich zu begrenzt ist. Managementguru Bob Sutton empfiehlt Gründern, zunächst klein zu denken und sich auf eine eingeschränkte Nutzergruppe zu konzentrieren. Hat man für sie eine Lösung parat, erweist sich die zumeist auch als massentauglich. Bestes Beispiel ist Facebook ; das Netzwerk war ursprünglich allein für den Harvard-Campus konzipiert und hat sich von dort aus um den Globus ausgebreitet.

Wer sich also die datensensiblen und extrem kritischen deutschen Internetnutzer als besondere Zielgruppe vornimmt, sollte beste Voraussetzungen haben, um etwas wirklich Großes zu erfinden. Klar, um Geschäftsmodelle später zu skalieren, ist schnelles Wachstum und meistens auch eine Expansion in die USA unumgänglich. Aber nach einem Jahr im Valley habe ich keinen Zweifel daran, dass deutsche Gründer mit dem richtigen Werkzeug systematisch Dienste entwickeln können, die zu Milliardenerfolgen werden.

Der Scheck für den Wochenendtrip kam im Sonoma Valley übrigens doch noch an. Meine Kollegen haben mir ihren Anteil allerdings mit Venmo überwiesen, einem mobilen Dienst, mit dem man Geld von Handy zu Handy verschicken kann und jeder in der Gruppe sieht, wer seine Rechnung beglichen hat. Was die lahme US-Post dann doch so alles an Innovationen fördert.

Astrid Maier, bis zum August 2016 Tech-Editor des manager magazins, besuchte als Stipendiatin die Stanford University. Dies ist Ihre letzte Kolumne aus dem Silicon Valley.