Freitag, 19. April 2019

Bankchef Jean Pierre Mustier über die Krise bei Unicredit "Machen Sie sich keine Sorgen"

Unicredit: "Machen Sie sich keine Sorgen"
Nicoló Lanfranchi für manager magazin

4. Teil: "Wenn alle gleich sind, machen alle die gleichen Fehler"

mm: Fast von der Bildfläche verschwunden ist dafür Theodor Weimer. Der HVB-Chef darf keine Bilanzpressekonferenz mehr machen, Townhall-Meetings gibt es auch nicht mehr, allenfalls mal eine Telefonkonferenz. In der HVB heißt es, als Preis für seine Vertragsverlängerung bis Ende 2020 sei er kaltgestellt.

Mustier: Auch das stimmt nicht. Theodor ist Mitglied im Executive Management Committee und leistet einen unschätzbaren Beitrag. Das Gremium trifft sich alle zwei Wochen und ist das wichtigste der Bank. Wir sind ein starkes Team, das sehr eng zusammenarbeitet und die neue Strategie gemeinsam entwickelt hat.

mm: Entledigt haben Sie sich Konzernveteranen wie Chief Operating Officer Paolo Fiorentino und Strategiechefin Marina Natale, die beide als sakrosankt galten. Wie haben Sie das geschafft?

Mustier: Das ist der natürliche Weg. Man muss manchmal rotieren, um neuen Leuten eine Chance zu geben. Das Geschäft verändert sich ja auch sehr schnell.

mm: Unseren Quellen zufolge musste Natale gehen, weil Sie sie verantwortlich machen für die Kollateralschäden der Übernahmen von HVB und Bank Austria 2005. Noch immer beanspruchen Hunderte Altaktionäre eine Nachzahlung, weil Unicredit bei der Berechnung des Deals einen Posten von 3,6 Milliarden Euro unter den Tisch fallen ließ.

Mustier: Was Sie über Frau Natale gehört haben, stimmt nicht.

mm: Fürchten Sie denn Nachzahlungen, womöglich in Milliardenhöhe, falls die Anleger ihre Ansprüche durchsetzen?

Mustier: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich nicht äußern kann. Nur so viel: In dieser Angelegenheit haben wir in den vergangenen zehn Jahren vor Gericht obsiegt.

mm: Sie umgeben sich mit einem Küchenkabinett aus Nichtitalienern: Ihre Landsmänner Olivier Khayat und Guy Laffineur leiten das Investmentbanking sowie das Marktgeschäft, Vizerisikochef TJ Lim ist für den Abbau der faulen Kredite zuständig. Kann Unicredit nur von Outsidern gerettet werden?

Mustier: Als ich CEO wurde, habe ich niemanden eingestellt, da wir bereits extrem starke Teams hatten. Das Executive Management Committee besteht aus Menschen sechs verschiedener Nationalitäten und unterschiedlicher Backgrounds. Bei meinen früheren Karrierestationen war es immer so, dass alle von den gleichen Universitäten und Businessschulen kamen. Aber wenn alle gleich sind, denken auch alle gleich und machen die gleichen Fehler.

mm: Immerhin tragen alle Männer im Konzern Krawatten in Rot. Zufall oder ein Befehl des Exsoldaten Mustier?

Mustier: Das Managementteam hat bei der Präsentation unserer Strategie rote Krawatten getragen, um zu zeigen, dass wir als Team zusammenarbeiten. Seitdem haben die Kollegen das Rot, die Farbe unserer Bank, bei Krawatten und Tüchern übernommen, um zu zeigen, dass wir alle Teil dieser einen Gruppe sind. Es ist ein sehr starkes Zeichen der Solidarität. Das ist wie mit Elkette, dem Stoffelch und Maskottchen für "Transform 2019". Selbst bei Boardmeetings ist Elkette dabei und bringt uns "buona fortuna".

mm: Putzige Idee, aber wie motiviert man Kollegen, wenn man Sparwelle nach Sparwelle anstößt, den Siegeszug des Robo-Bankings predigt und nebenbei verkündet, Wachstum sei kein Thema?

Mustier: Unsere Maßnahmen sind sehr schwierig. Aber mit einer klaren strategischen Vision und dem richtigen ethischen Ansatz schaffen wir das passende Arbeitsumfeld. Zudem muss ein CEO vorangehen. Ich habe freiwillig auf 40 Prozent meines Gehalts verzichtet und bekomme für die Dauer unseres Strategieplans keinen Bonus. Unsere Motivation ist es, der Wirtschaft zu dienen und sie zu finanzieren. Heute Morgen, vor unserem Gespräch, war ich bei einer Gruppe neuer Absolventen, 60 Leute in den Zwanzigern. Ich habe denen gesagt: Lernt das Kreditgeschäft, das ist ganz wichtig. Dafür seid ihr hier genau richtig!

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