Freitag, 19. April 2019

Bankchef Jean Pierre Mustier über die Krise bei Unicredit "Machen Sie sich keine Sorgen"

Unicredit: "Machen Sie sich keine Sorgen"
Nicoló Lanfranchi für manager magazin

3. Teil: "Heute punktet man mit einfachen Geschäftsmodellen"

mm: Ihnen auch.

Mustier: Nur mittelbar. Wir sind eine paneuropäische Geschäftsbank mit einfachem Geschäftsmodell, Netzwerk in West-, Zentral- und Osteuropa und voll integriertem Investmentbanking. Wir kümmern uns um die Mittelständler, die nicht so leicht wie Großkonzerne Anleihen begeben können. Wir lieben es, Kredite zu vergeben, das ist das echte Banking!

mm: Sagt der in der Wolle gefärbte Investmentbanker Mustier.

Mustier: Als ich anfing in diesem Business, ging es vor allem um Derivate und mathematische Modelle, die für sich genommen langweilig sind. Heute punktet man mit einfachen Geschäftsmodellen. Es gibt nichts Spannenderes, als Unternehmen mit Krediten zu versorgen.

mm: Italiens Banken haben in der Vergangenheit mit vollen Händen Kredite vergeben, die kaum noch werthaltig sind und heute das ganze Finanzsystem gefährden.

Mustier: Das sind Fehler der Vergangenheit. Wir kriegen Europas Wirtschaft nur flott, wenn Kredite fließen.

mm: Herr Mustier, vor zehn Jahren galt Unicredit dank seiner Präsenz im deutschsprachigen Raum und in Osteuropa als Vorbild. Davon ist wenig übrig: Aus Polen haben Sie sich verabschiedet, in Österreich stand das Privatkundengeschäft zum Verkauf, die HypoVereinsbank (HVB) hat ihr Filialnetz halbiert. Die Fondstochter Pioneer ist auch weg. Unicredit wirkt wie ein Torso.

Mustier: Wieso das? Wir haben 24 Millionen Privatkunden in Europa, mehr als jede andere Bank, dazu eine Million Unternehmenskunden. Wir sind der zweitgrößte Kreditgeber in Europa und ziehen uns aus keinem Land mehr zurück. Wir wollen nichts mehr kaufen und nicht mehr verkaufen. Auch HVB und Bank Austria bleiben zu 100 Prozent bei uns. Was Pioneer betrifft: Als Bank kann man keinen mittelgroßen Fondsmanager rentabel betreiben, der Druck auf die Provisionen ist viel zu hoch. Und Übernahmen kamen nicht infrage.

mm: Nach den Maßstäben des alten Universalbankanspruchs ist das jetzt sehr wohl ein Torso.

Mustier: Nein. Klar ist doch, dass wir uns dramatisch verändern müssen - so wie alle Banken. Da muss man ehrlich zu sich sein - und entsprechend handeln.

Es ist bitter, wenn in Westeuropa 20 Prozent der Mitarbeiter gehen müssen."

mm: Sagen Sie das Ihren HVB-Kollegen in München, dort ist die Stimmung mies wie nie. Nach all den Sparrunden und Filialschließungen der vergangenen Jahre war die Hoffnung groß, dass jetzt mal andere dran sind. Stattdessen müssen wieder Tausende Mitarbeiter gehen.

Mustier: Dass die Stimmung mies ist, stimmt nicht. Sie sprechen mit den falschen Leuten!

mm: Sie wären nicht der erste CEO, bei dem die Wahrheit gefiltert ankommt.

Mustier: Wir verlangen von allen den gleichen Beitrag und steuern die Bank nicht nach Nationalitäten. Der Transformationsprozess ist extrem hart. Es ist bitter, wenn allein in Westeuropa 20 Prozent der Mitarbeiter gehen müssen, ich verstehe die Sorgen der Leute. Aber als ich unseren Strategieplan vorgestellt habe, habe ich viele SMS und Mails von Mitarbeitern aus Österreich und Deutschland gekriegt, die mir geschrieben haben: Endlich, Unicredit ist wieder da.

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